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Tagebuch aus Wien (1) : Die omnipräsente Wurst

Überall dabei: Conchita Wurst nutzt den ESC zur Promo für ihr neues Album. Bild: dpa

Erst der Life Ball, dann die offizielle Eröffnung des Eurovision Song Contest im Wiener Rathaus: Österreichs derzeit berühmteste Tochter ist in den Tagen vor dem Grand Prix immer mittendrin.

          Wiens schönes Rathaus, das in seiner Neogotik und mit seinen Türmen fast eine Kathedrale sein könnte, bildete am Wochenende die Kulisse für zwei festliche Eröffnungen. Am Samstag wurde der Rote Teppich zunächst für den Life Ball ausgerollt, die größte Benefiz-Veranstaltung Europas zugunsten HIV-infizierter Menschen. Über ihn schritten in diesem Jahr Stars wie Schauspielerin Charlize Theron mit ihrem neuen Lebensgefährten Sean Penn, die Sängerinnen Mary J. Blige, Paula Abdul, Carmen Electra sowie Modedesigner Jean Paul Gaultier. Aus Deutschland war unter anderen Hannelore Elsner angereist.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Besonders umjubelt zwischen all den Prominenten war eine Österreicherin, der niemand derzeit in Wien entkommen kann: Conchita Wurst. Ihr Konterfei prangt auf allen Zeitungen, an vielen Litfaßsäulen, sie macht zum Beispiel für eine Bank, aber auch ihr gerade erschienenes Album „Conchita“ Reklame, und fährt sogar an Straßenbahnen und Bussen spazieren. Die omnipräsente Wurst hatte am Samstagabend natürlich auch etwas zu sagen und zu singen – ihr nicht ganz neues Lied „We Are Unstoppable“.

          Dass es beim Life Ball um eine Aidsgala geht, wurde spätestens in dem Moment klar, als Gery Keszler, seit 1992 Organisator der Veranstaltung, erstmals von seiner eigenen HIV-Infizierung sprach. Er habe sich vor 30 Jahren als einer der ersten Österreicher mit dem Virus infiziert, sagte der Einundfünfzigjährige. Dass er gerade jetzt davon spreche, habe einen traurigen Grund: Ein enger Freund und Life-Ball-Wegbegleiter sei vor wenigen Wochen an Aids gestorben.

          Einen Abend später stand alles auf Anfang vorm Rathaus und Conchita Wurst wieder im Mittelpunkt des Interesses. Sie schritt als Erste über den Roten Teppich. Dieses Mal ging es zum „Eurovision Song Contest“ (ESC) und einem Champagnerempfang im gut 130 Jahre alten Sitz der Stadtverwaltung. Gleich hinter der Vorjahressiegerin folgte eine Abordnung aus Dänemark. Kopenhagen war Gastgeber des 59. ESC gewesen, 2015 wird also Jubiläum in Wien gefeiert. Nach und nach folgten alle 40 Nationen mit ihren jeweiligen Künstlern, die am diesjährigen ESC teilnehmen, darunter erstmals Australien als Nummer zwölf mit Sänger Guy Sebastian. Die deutschen Vertreter um Ann Sophie waren da fast schon im Rathaus verschwunden.

          Die vierundzwanzigjährige Hamburgerin Ann Sophie, ganz in Schwarz mit großem Dutt, hatte zuvor auch in die bereit gehaltenen Mikrofone vom ORF sagen müssen, wie „super, super, super“ sie Wien und den ESC findet. Und sie erklärte, warum sie weinen musste, als sie erstmals in der Stadthalle die große Bühne sah, auf der sie beim Finale singen darf. Da erst, so die Deutsche, sei ihr so richtig bewusst geworden, dass für sie ein Traum in Erfüllung gehen würde. Und da seien eben ein paar Tränen geflossen.

          Entspannt auf dem roten Teppich: Die deutsche Teilnehmerin Ann Sophie

          Jon Ola Sand, Generalsekretär des ESC von der Europäischen Rundfunkunion (EBU), bestätigte dem zuständigen Sender nur zu gerne, was für eine tolle Arbeit er bisher schon abgeliefert habe. Der Norweger sprach im ORF-Interview sogar vom bestorganisierten Song Contest, den er je erlebt habe.  Auch Udo Jürgens wurde nicht vergessen. Ihm zu Ehren spielten Musiker vom Konservatorium Wien „Merci Chérie“, den Grand-Prix-Siegertitel aus dem Jahr 1966.

          Nicht nur die Kandidaten, sondern auch die drei Moderatorinnen des in seine entscheidende Phase tretenden Musikwettbewerbs, Mirjam Weichselbraun, Alice Tumler und Arabella Kiesbauer, als Nummer acht auf dem Roten Teppich geführt, sind inzwischen mehr als froh, dass der Grand Prix nun endlich losgeht. Das lange Warten, so Kiesbauer, sei kaum mehr zu ertragen. Die Texte für die Shows seien geschrieben, die Kleider ausgewählt. An diesem Montag finden die ersten Generalproben statt.

          Gast aus Australien: Der Sänger Guy Sebastian reckt die Daumen in die Höhe.

          Mit dem traditionellen Empfang durch den Bürgermeister, in Wien hatte Michael Häupl in sein Rathaus geladen, beginnt jedes Mal offiziell die ESC-Woche. Während etliche Delegationen schon seit mehr als einer Woche in Österreichs Hauptstadt sind, Armeniens Teilnehmer waren als erste am Flughafen gelandet, und schon seit vergangenen Montag auch täglich in der Stadthalle geprobt wird, reisten die gesetzten Finalisten erst Ende der Woche an. Ann Sophie zum Beispiel wurde am Freitag eingeflogen.

          In diesem Jahr sind sieben Länder direkt im Finale plaziert, so viele wie seit Einführung der Zwischenrunden noch nicht. Neben den großen Fünf – Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und dem Vereinigten Königreich – haben noch Österreich als Gastgeber und Australien als besonderer Gast zum 60. Jubiläum erst am Samstagabend ihre entscheidenden drei Minuten. Im ersten Halbfinale treten schon am Dienstagabend 16 Länder gegeneinander an, im zweiten am Donnerstagabend sogar 17. Jeweils zehn Teilnehmer kommen weiter.

          Beeindruckende Kulisse für die Eröffnung: Das Wiener Rathaus

          Die Halbfinalisten hatten am Sonntag Ruhetag, erstmals mussten die Finalisten auf der Bühne proben, zuerst Italien, dann Österreich und Spanien, gefolgt von Deutschland. Ann Sophie trug wie angekündigt kein Kleid, sondern einen schwarzen Hosenanzug mit breitem goldenen Gürtel und goldenen Applikationen. Dazu stand sie auf sehr hohen Schuhen, die sie aber nicht davon abhielten, beim Singen ihres ESC-Liedes „Black Smoke“ in die Knie zu gehen. Wie schon beim Wildcard-Konzert in Hamburg und ihrem Lied „Jump The Gun“ drehte sie dem Publikum zunächst den Rücken zu, während auf der riesigen LED-Wand schwarzer Rauch nach oben stieg. Das ganze Schwarz-Weiß wurde nur von ein wenig Gold durchbrochen, was elegant und auch ein wenig geheimnisvoll wirkt. Unterstützt auf der Bühne wird sie von vier Background-Sängerinnen.

          Die Choreographie, sagte sie nach der Probe, stehe weitestgehend fest, ob sie den schwarzen Jumpsuit oder doch vielleicht ein anderes Kostüm im Finale tragen werde, aber noch nicht. Die nächste Probe für Ann Sophie ist am Mittwoch, dann gibt es nur noch drei Generalproben am Freitag und Samstag, bevor am Samstagabend um 21 Uhr das große Finale beginnt.

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