https://www.faz.net/-gum-801qe

„Unser Song für Österreich“ : Rampensau der Reeperbahn

Die Hamburgerin Ann Sophie gewann den achten Startplatz beim deutschen Vorentscheid für den Eurovision Song Contest (ESC). Bild: dpa

Dieser Vorentscheid zum Vorentscheid hatte etwas von einem Schulkonzert. Am Ende gewann die professionellste Sängerin. Ann Sophie darf hoffen, Deutschland beim „Eurovision Song Contest“ in Wien vertreten zu dürfen.

          4 Min.

          Ein Clubkonzert, das hat etwas von Schulaufführung und auch von einem Dorffest. Die Bühne ist klein, das Publikum nah. Es gibt Zahnspangen und den festen Glauben, dass Musik die Welt zu einem besseren Ort machen kann. Die Nervosität ist den meisten ins Gesicht geschrieben, mehr als sonst, denn an diesem Abend hier in Hamburg sind irgendwo auch Kameras, in die gelächelt und gesungen werden muss, was nicht immer gelingen will. Schon die 650 Zuschauer in dem Club sind für die meisten der angereisten Nachwuchskünstler  eine ungewohnt große Zahl, ganz zu schweigen von den etlichen Tausenden mehr, denen es nun zu gefallen gilt.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Und so kommt es, wie es fast schon kommen muss. Der Nachwuchs bleibt auf der Strecke.

          Am Ende siegt die professionellste Sängerin von allen: Ann Sophie, mit 24 Jahren genau doppelt so alt wie die jüngste Teilnehmerin des Abends, Mickelina Andersson von der Gruppe Ason. Sie ist noch so jung, dass sie nach 22 Uhr im deutschen Fernsehen erst gar nicht auf die Bühne des Clubs „Große Freiheit 36“ durfte und darum per Monitor eingespielt werden musste, um sich wenigstens virtuell zu ihren drei älteren Schwestern Dorotea (20), Lilianna (18) und Joella (16) hinzu gesellen zu können.

          Den vier Halbschwedinnen, die angeblich jeden Morgen schon vor der Schule 45 Minuten zusammen ihre Lieder proben, gelang mit „Hey You“, geschrieben von der Ältesten des Quartetts, der Sprung auf Platz zwei. Damit erübrigt sich die Frage, ob aus Ason womöglich auch in Wien ein Trio hätte werden müssen, denn auch beim ESC gibt es ein strikt gehandhabtes Mindestalter für Teilnehmer. Demnach hätte Nesthäkchen Mickelina frühestens 2019 beim Grand Prix überhaupt eine Chance, dabei zu sein.

          Ein Hauch von „Fifty Shades of Grey“

          Hoffen hingegen darf die „Rampensau“ Ann Sophie. Als solche beschreibt sich die in London geborene Hamburgerin, die schon vor drei Jahren ihr erstes Album „Time“ herausbrachte und sich mit einem Song daraus, „Get Over Yourself“, im vergangenen Herbst wie etwa 1000 andere Künstler beim NDR um einen Startplatz zunächst beim Clubkonzert bewarb. Dass sie am Lee Strasberg Theater und Film Institut in New York studiert hat, merkt man der souverän agierenden Wahl-Hamburgerin an, die in ihrem knallroten rückenfreien Hosenanzug zumindest einen Hauch von „Fifty Shades of Grey“ auf die Bühne und damit ins Nachtprogramm des NDR-Fernsehens brachte.

          Sich selbst und ihren vor allem künftigen Fans gab sie folgende Lebensphilosophie mit auf dem Weg: „Ich bin, wenn ich Musik bin, und ich bin mein Herz, wenn ich singe.“ Insofern wäre es ihr natürlich auch eine große Ehre, beim Song Contest in diesem Jahr dabei zu sein, fügt sie wie selbstverständlich hinzu. 

          Die ESC-Zeit hat wieder begonnen und damit die schönste Zeit des Jahres, wie Gastgeberin Barbara Schöneberger zu Beginn des Clubkonzerts in Hamburg meinte. Gesucht wird offiziell „Unser Song für Österreich“, auch wenn sich beim „Eurovision Song Contest“ längst alles um den oder die Sänger dreht. Conchita Wurst, die bärtige Vorjahressiegerin, die eigentlich Thomas Neuwirth heißt, bildet da keine Ausnahme und wird auch im Mai beim Grand Prix in Wien im Mittelpunkt des Interesses stehen.

          Am Donnerstagabend ging es auf „Europas sündigster Meile“ zunächst aber nur um einen Vorentscheid vor dem Vorentscheid: eine Wildcard, mit der ein achter Kandidat zur eigentlichen nationalen Ausscheidung am 5. März in Hannover fahren darf.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Nach den britischen Wahlen : Mehr Blair fürs Volk

          Boris Johnson ist mit voller Wucht gegen die „rote Mauer“ des Labour-Herzlands gefahren und hat große Teile davon zum Einsturz gebracht. Warum fühlt man sich jetzt dennoch an einen früheren Labour-Premier erinnert?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.