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ESC-Vorentscheid in Hannover : And the winner will nicht

Moderatorin Barbara Schöneberger umarmt Andreas Kümmert, der zwar den Vorentscheid gewann, aber dann doch nicht zum ESC wollte. Bild: dpa

Er war der klare Sieger. Doch dann wollte Andreas Kümmert plötzlich nicht mehr. Nun darf Ann Sophie zum Finale nach Wien fahren. Über das Geschenk aber kann sie sich nicht recht freuen.

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          Es könnte ein vergiftetes Geschenk gewesen sein, auch wenn es der Gewinner wohl gut mit ihr meinte. Er fühle sich nicht in der Verfassung, Deutschland in Österreich zu vertreten. Er sei ja nur ein kleiner Sänger, und die Zweitplatzierte viel besser geeignet als er, meinte Andreas Kümmert. Jedes weitere Wort war zwecklos, das sah man ihm an. Doch konnte, sollte, wollte Ann Sophie den Sieger des Abends überhaupt so einfach beerben. „Fahre ich jetzt nach Wien?“ fragte sie entgeistert, und Barbara Schöneberger antwortete mit großer Überzeugungskraft: „Ja. Du fährst jetzt nach Wien.“

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Mit diesem Machtwort war klar, nicht Andreas Kümmert, der die Wahl am Donnerstagabend beim Grand-Prix-Vorentscheid in Hannover gewonnen hatte, sondern Ann Sophie vertritt Deutschland im Mai im Finale des „Eurovision Song Contest“ (ESC). Wie schwer ihr diese Bürde anfangs fiel, war unschwer zu erkennen, als sie den Siegertitel, der ja eigentlich keiner war, noch einmal singen musste. Ausgerechnet „Black Smoke“ heißt ihr Song, er stammt vom britischen Autoren-Trio Michael Harwood, Ella McMahon und Tonino Speciale.

          Fährt statt Kümmeret nach Wien: Newcomerin Ann Sophie  Bilderstrecke

          Schwarzer Rauch, das bedeutet zumindest bei der Papstwahl, noch ist nichts entschieden. Doch um zwanzig nach zehn, zum Ende der Show, hatte es sich bereits entschieden. Der ARD-Unterhaltungskoordinator, Thomas Schreiber, bestätigte eine Stunde später nur noch die Tatsache. „Wir haben eine Siegerin!“ Ann Sophie war erleichtert und zollte Andreas Kümmert ihren Respekt. „Wenn sein Herz ihm das gesagt hat, ist das absolut ok.“ Nun hoffe sie, „Deutschland ist damit zufrieden, dass ich nach Wien fahre“. Immerhin hatte sie auch einen Plan B: Im April und Mai hätte sie ein Praktikum im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf antreten können. „Das kann ich jetzt wohl absagen.“

          Gegensätzlicher hätten die beiden Finalisten nicht sein können: Die verführerische und doch so elegante „Pippa Middleton des deutschen Vorentscheids“, wie Barbara Schöneberger Ann Sophie vorstellte, und der „Joe Cocker aus Franken“ mit schütterem Haar, Zausel-Bart, Sozpäd-Brille und „Schmerbauch“. Er aber, der so gar nicht in die Glitzerwelt des ESC passen will, wurde am Ende Deutschlands Nummer eins, dank seiner Urgewalt, die sich Bahn brach, obwohl der Achtundzwanzigjährige die vergangenen Tage im Bett zubringen musste – „mit 40 Fieber“.

          Dem introvertierten Künstler versagen die Nerven

          So zumindest wurde es bekanntgegeben, doch glauben wollten die Krankmeldung nicht alle. Spekulationen zu Kümmert gab es viele in den Tagen von Hannover: Die „Bild“-Zeitung, die seit Stefan Raabs Zeiten nur noch Zaungast beim ESC ist, weil niemand das Boulevard-Blatt mit den halbgaren und halbwahren Geschichten im Inner-Circle des nunmehr allein verantwortlichen NDR haben will, hatte rechtzeitig eine Skandalgeschichte an Land gezogen. Kümmert habe einige Konzertbesucherinnen „sexuell“ beleidigt, wurde kolportiert.

          Dem introvertierten Künstler, so glaubten nicht wenige, versagten daraufhin die Nerven, er erschien in Hannover nicht zur Probe. Erst zur Generalprobe tauchte er wieder auf und gab damit zu verstehen, dass er sich dem Wettbewerb stellen würde. Das Abtauchen aber hatte es schon einmal gegeben, kurz vor dem Finale von „The Voice of Germany“ im Dezember 2013. Auch da war er dann plötzlich wieder da und gewann sensationell die Castingshow. So kann sich Geschichte wiederholen. Auch die Chance in Hannover ließ sich der wohl wirklich erkrankte Andreas Kümmert nicht entgehen. Er trat auf, er sang, er gab offensichtlich sein Bestes, und das reichte für den Sieg. Am Ende aber war er nicht nur überwältigt von der Zuneigung Deutschlands, für die er sich zunächst bedankte, sie war ihm  schlichtweg zu viel.

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