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ESC-Tagebuch aus Tel Aviv (2) : Vorm Finale gibt’s Salat

Für Carlotta Truman (l) und Laurita Spinelli, die vom NDR kurzfristig als Duo aufgestellt wurden, ist der Rummel sichtlich ungewohnt. Bild: dpa

Der Countdown läuft: Während sich das Sängerinnen-Duo von S!sters beim Marktbesuch begleiten lässt, machen andere ESC-Teilnehmer in Tel Aviv von sich reden.

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          Der schlaksige Deutsche mit der Kippa auf dem Kopf ist bekannt in Israel. Er ist sogar eine Fernsehgröße. „Hi, Thomas“, ruft einer der Gemüsehändler auf dem Carmel-Markt in Tel Aviv schon von weitem. Und: „Welcome Germany.“ Der gebürtige Kölner Franz, gut 1,95 Meter groß, überragt zwischen den Marktständen jeden. Die beiden Frauen an seiner Seite, die eine blond, die andere schwarzhaarig, sowieso. Immer wieder beugt er sich zu ihnen hinunter, mal lässt er sie geröstete Pekannüsse probieren, mal Granatäpfel. Die Schar Schaulustiger wird derweil immer größer. Es ist einer dieser typischen Pressetermine, wie sie in diesen Tagen überall und mit vielen Künstlern in der israelischen Metropole anlässlich des Eurovision Song Contest stattfinden.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Die drei deutschen Protagonisten gehen zusammen einkaufen, zumindest tun sie so als ob. Denn im Laufe der Woche soll noch gemeinsam gekocht werden, bei einem Empfang in der deutschen Botschaft. Dafür hat der NDR den Fernsehkoch und Kochbuchautor Thomas „Tom“ Franz gewinnen können. Der „kulinarische Botschafter“, der von Hause aus Jurist ist, lebt seit gut 15 Jahren in Tel Aviv. 2013 hat er die Kochshow „Masterchef“ im israelischen Fernsehen gewonnen. Die Einschaltquote des Finales lag bei unglaublichen 52,3 Prozent. Nur das ESC-Finale 1999 in Jerusalem hatte in der israelischen Fernsehgeschichte noch mehr Zuschauer.

          Wer die beiden Frauen an seiner Seite sind, wissen hingegen immer noch viel zu wenig Menschen, und das nicht nur auf dem Carmel-Markt in Tel Aviv. Selbst in Deutschland sind Laura Kästel und Carlotta Truman weitgehend unbekannt. Dabei haben die beiden vor einem Vierteljahr den deutschen Vorentscheid gewonnen und sollen nun als S!sters in Tel Aviv am Samstag im Finale mit ihrem Lied „Sister“ glänzen. Doch wie so oft wird der deutsche Beitrag, der es in keine Hitparaden schaffte und kaum im Radio gespielt wird, bislang auch im Rest Europas viel zu wenig wahrgenommen. In Tel Aviv machen ganz andere von sich reden: Der Niederländer Duncan Laurence („Arcade“) zum Beispiel und der Franzose Bilal Hassani („Roi“). Hassani ist genauso alt wie Carlotta Truman, der Neunzehnjährige weiß sich aber groß zu inszenieren. Zum Empfang am Sonntagabend, dem Eröffnungsabend für die ESC-Woche, erschien er in einem weißen Brautkleid zur langen blonden Mähne und sang dazu Édith Piafs „La vie en rose“ auf dem roten Teppich.

          Noch sind  Laura Kästel und Carlotta Truman selbst in Deutschland weitgehend unbekannt.

          „Ich nenne uns Giggelhexen“

          Für die S!sters, die vom NDR kurzfristig als Duo aufgestellt wurden, ist der Rummel dagegen trotz einiger Casting-Erfolge in Deutschland („Star Search“, „Das Supertalent“, „The Voice Kids“) sichtlich ungewohnt. Vor allem für Carlotta Truman, die jüngere der beiden. So gibt vor allem die 26 Jahre alte Laura Kästel Auskunft, wenn das Duo befragt wird. Das Ganze hier sei ein Riesenspaß, versichert sie. Man lache viel. „Darum nenne ich uns auch die ,Giggelhexen‘“. Schon Mitte April seien sie zum ersten Mal in Tel Aviv gewesen, hätten die Altstadt von Jaffa erkundet und die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem besucht. Und sie hätten auch damals schon Tom Franz kennengelernt, um mit ihm Hummus zu kochen.

          Die beiden kamen vor vier Wochen aber auch, um die sogenannte Postcard zu drehen, also den kurzen Einleitungsfilm, mit dem sie als Vertreter Deutschlands vorgestellt werden. Während die Postkarten mit den Künstlern gezeigt werden, wird zugleich die Bühne umgebaut. Schließlich handelt es sich beim ESC um eine Live-Fernsehshow. Das Duo machte für seine Postcard eine Bootstour auf dem See Genezareth, stundenlang wurde gedreht. „Am Ende hatte ich von den alten Paddeln die ganze Hand voller Splitter“, erzählt Laura Kästel.

          Hauptsache die Stimme macht nicht schlapp

          Die Sechsundzwanzigjährige zieht dabei an einem Dampfinhalator, auch Stimmband- und Lungenvernebler genannt. Das schlimmste wäre jetzt, wenn die Stimme schlapp macht. Die Klimaanlagen laufen derzeit bei Außentemperaturen um die 30 Grad überall auf Hochtouren, besonders auch in Halle 2 des Messe- und Kongresszentrums von Tel Aviv. Zwei Mal schon standen S!sters dort auf der vermeintlich großen Bühne. Sie kam Laura Kästel aber gar nicht so groß vor, wie sie sagt. „Die Hauptbühne ist ziemlich klein.“ Allerdings nutzen sie den Raum ganz aus, anders als die meisten anderen Künstler.

          Bei ihrem Auftritt stehen die beiden anfangs rund 25 Meter voneinander entfernt auf zwei Laufstegen. Während sie singen, gehen sie am Publikum vorbei und aufeinander zu, bis sie am Ende zusammen in der Mitte der Bühne sind. Damit zeichnen sie den Text ihres Liedes nach, in dem es darum geht, dass sich zwei Frauen, die sich Schwestern nennen, es aber nicht sein müssen, streiten und wieder vertragen.

          Das Lied entstand schon 2018 und war eigentlich als Beitrag für die Schweiz gedacht. Die Autoren Laurell Barker, Marine Kaltenbacher, Tom Oehler und Thomas Stengaard hatten zuvor noch nie miteinander gearbeitet. Dass es bei dem Text auch um Female Empowerment geht, erschließt sich nicht sofort. Man wolle auf einen gesellschaftlichen Zustand hinweisen, „in dem Frauen immer noch nicht gleichberechtigt sind“, sagte Oehler in einem Interview mit dem NDR.

          „Klare Botschaft für starke, emanzipierte Frauen“

          Auch für den Unterhaltungskoordinator der ARD und Verantwortlichen für den ESC in Deutschland, Thomas Schreiber, ist „Sister“ ein Beitrag zur #MeToo-Debatte. Der Song sei „mit einer klaren Botschaft für starke, emanzipierte Frauen konzipiert“. Die Botschaft der „Retortenschwestern“, wie manche sie in sozialen Medien böse nennen, überzeugte denn auch vor allem Frauen: Sie riefen mehrheitlich beim deutschen Vorentscheid „Unser Lied für Israel“ für S!sters an.

          Da es um eine ernste Sache gehe und „Sister“ keine Tanznummer sei, konzentriere sich beim Auftritt von Carlotta Truman und Laura Kästel alles auf die beiden, sagt Schreiber. Sie sind zugleich auch auf der LED-Leinwand im Hintergrund überlebensgroß zu sehen, nicht live, weil die Übertragung zeitverzögert wäre. Die entsprechenden Szenen wurden vorab aufgenommen. Allerdings wird an den Details noch gefeilt, am Licht vor allem.

          Drei Generalproben fürs Finale stehen noch auf dem Wochenplan der beiden Sängerinnen, gefolgt vom großen Finale am Samstagabend. Zuvor aber wird noch in der deutschen Botschaft gekocht. Es wird Salat geben, verrät Tom Franz am Ende des Marktrundgangs, gemäß der sieben Arten, die laut Hebräischer Bibel Israel ausmachen sollen: „Der Herr, dein Gott, führt dich in ein gutes Land, . . . darin Weizen, Gerste, Weinstöcke, Feigenbäume und Granatäpfel wachsen, ein Land, darin es Ölbäume und Datteln gibt.“ Die Granatäpfel immerhin haben Franz und die S!sters am Montag schon mal eingekauft.

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