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ESC-Tagebuch aus Tel Aviv (1) : Mehr als nur „Krieg und Besatzung“

Israel stimmt sich mit einer überdimensionalen Netta-Statue aus Kinderspielzeugen auf den ESC ein. Bild: EPA

Schöne Städte, schöne Menschen, schönes Essen, wahnsinnig hohe Preise: Ein israelischer Sender nimmt mit einem Video zum Eurovision Song Contest Land und Leute auf die Schippe – Kritiker nennen den Clip antisemitisch.

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          Wahrhaftiger Humor hat zwei Seiten. Er ist meist grob beschaffen. Und es gibt keinen schnelleren Weg, ihn zu vernichten, als wenn man ihn erklärt. Israelischer Humor ist vielleicht die größtmögliche Steigerung des Groben: härter als selbstironisch und so nah am Leben, dass sich davon eher noch entfernt, wer weitere Erläuterungen verlangt.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Das neue Video des staatlichen israelischen Senders Kan zum Eurovision Song Contest reimt jedenfalls „Jerusalem“ auf „Yad Vashem“, und die Sänger singen: „Die meisten von uns sind Juden, aber nur ein paar von uns sind raffgierig.“ Im Video holen die beiden Sänger ahnungslose Touristen am Flughafen ab für eine „schnelle Indoktrinierung“: Es gebe in Israel schließlich mehr als nur „Krieg und Besatzung“. Schöne Städte, schöne Menschen, schönes Essen, wahnsinnig hohe Preise. „Wir nennen uns Start-up-Nation“, ein Vielvölkerstaat. Hauptstadt Jerusalem. Die Sängerin Lucy Ajoub bezeichnet sich als Araberin: „Ja, einige von uns leben hier auch.“ Der Sänger Elia Grinfeld stammt aus Russland. Man habe hier komplexe Identitäten, singen Ajoub und Grinfeld, „und deswegen betrachten wir uns alle als ,Frenemies‘“, Freundfeinde. „Willkommen im Land von Milch und Honig“, willkommen in Tel Aviv, wo sich die Schwulen auf der Straße umarmten, es viel zu teuer sei, aber man doch nicht wegziehe. „Es ist eure Liebe, die wir suchen“, rufen sie den Touristen zu. Und schaut bitte, wie schön es auch im Rest des Landes ist, in Haifa, oder in Eilat, und überhaupt: Esst Schawarma! So weit, so schlecht erklärt.

          Ajoub und Grinfeld wohnen auch in Wirklichkeit in Tel Aviv, wo das Klischee gilt, man kümmere sich nicht um den Rest des Landes, lebe in einer Blase und bekomme das noch nicht einmal mit. Im Video machen sie deutlich, dass man sich der Absurditäten, Raketen und Identitäten durchaus bewusst ist. „Ich liebe den Iron Dome“, steht auf dem T-Shirt Grinfelds, jenes Raketenabwehrsystem, das auch Tel Aviv weitgehend beschützt. Die Ironie! Und dazu jetzt die Ironie dieser Ironie!

          Wie üblich in Israel, geht der Witz nahtlos in die Wirklichkeit über. Nicht nur Likud-Abgeordnete reagierten empört, sondern auch Jair Netanjahu, der propagandistisch höchst aktive Sohn des Ministerpräsidenten, äußerte, das Video sei antisemitisch. In seltener Übereinstimmung befand dies ebenfalls die linke besatzungskritische „Jüdische Stimme für Frieden“. So sieht sich jetzt der Sender Kan genötigt zu erklären, dass sich alles um Satire handelt, die mit Stereotypen spiele: „Wir kennen unsere Schwächen, und wir schämen uns nicht, über sie zu lachen.“ Nur falls jemand geglaubt hätte, Israelis mangele es an Selbstbewusstsein.

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