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ESC-Tagebuch aus Lissabon (7) : Und Netta wird’s doch noch

Die israelische Sängerin Netta galt als Favoritin beim diesjährigen Eurovision Song Contest. Bild: dpa

Die über Wochen favorisierte Israelin setzt sich am Ende durch und gewinnt mit großem Vorsprung den Eurovision Song Contest in Lissabon. Auch Deutschland darf sich freuen: Michael Schulte gelingt eine kleine Sensation.

          Nächstes Jahr in Jerusalem! Netta ließ erst gar keine Zweifel aufkommen, was ihr Sieg bedeutet. Auch Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu brauchte nur wenige Minuten, um auf Twitter unmissverständlich festzustellen, wohin die Reise des 64. Eurovision Song Contest (ESC) gehen wird: In die vermeintlich künftige Hauptstadt seines Landes. „Netta, Du bist ein echter Schatz“, schrieb er. „Du hast dem Staat Israel viel Ehre eingebracht! Nächstes Jahr in Jerusalem!“  

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Netta Barzilai, die 1993 in der Nähe von Tel Aviv, in Hod haScharon, zur Welt gekommen ist, konnte ihr Glück am späten Samstagabend in der Altice Arena von Lissabon kaum fassen. Sie hatte nun doch – und zwar deutlich – den diesjährigen ESC mit 529 Punkten gewonnen. Netta und ihr Lied „Toy“ bekamen zwar nur 212 Punkte von den Juroren, was Platz drei bedeutet hätte, aber vom Publikum waren es 317 Punkte. Damit lag die Israelin in der Zuschauergunst weit vor der für Zypern startenden Eleni Foureira und ihrem Song „Fuego“.

          Die 31 Jahre alte gebürtige Albanerin hatte 253 Punkte vom Publikum und 183 von den Juroren bekommen, zusammen 436 Punkte, was Platz zwei bedeutete. Damit war es zu dem auch von den Buchmachern erwarteten Kopf-an-Kopf-Rennen der beiden so unterschiedlichen Künstlerinnen gekommen. Netta, die kleine, dralle Israelin, die eine vermeintlich schrill-schräge Spaßnummer auf der Bühne aufführte, gegen die langbeinige feurige Eleni Foureira. Die Albanerin, die in Griechenland lebt, hatte zuletzt bei den Wettbüros die Nase vorne, nachdem Netta seit März fast durchgängig als haushohe Favoritin gehandelt worden war.

          „Danke, dass Ihr Euch fürs Anderssein entschieden habt!“

          Die Israelin hatte es genossen, die Favoritin zu sein, wie sie in den Tagen von Lissabon erzählte. Zu lange sei sie ein Underdog gewesen und als Außenseiterin behandelt worden. So sah sie sich schon als Gewinnerin, ohne gewonnen zu haben, weil man sie endlich so akzeptierte, wie sie nun einmal ist. Dass sie die letzten Tage in Lissabon dann vermeintlich nur noch die Nummer zwei war, störte sie überhaupt nicht. „Danke, dass Ihr Euch fürs Anderssein entschieden habt und Unterschiede akzeptiert“, rief Netta nach ihrem Sieg um kurz vor Mitternacht ins Publikum. Und fügte hinzu: „Ich liebe mein Land, nächstes Mal in Jerusalem.“

          Platz 1
Israel: Netta - „Toy“ Bilderstrecke

          Vier Mal hat Israel nun den ESC gewonnen, nach 1978 und 1979 zuletzt 1998. Vor 20 Jahren war es die nicht minder umstrittene, transsexuelle Dana International, die den Grand Prix mit ihrem Lied „Diva“ gewann und damit zum zweiten Mal nach Jerusalem holte. 1980 hatte der Song Contest nicht in Israel, sondern in Den Haag stattgefunden, weil sich der israelische Rundfunksender IBA außerstande sah, zwei Mal hintereinander die Veranstaltung auszurichten.

          Nun aber soll es also wieder Jerusalem sein. Damit will Netta offenbar auch ein politisches Zeichen setzen. Die Sängerin wurde zuletzt sehr von ihrer Heimat und von Regierungsseite unterstützt. Das war nicht immer so. In Israel sei sie in der Schule öfter gehänselt worden, hatte die Fünfundzwanzigjährige, die zeitweise auch in Nigeria lebte, wohin ihr Vater versetzt worden war, berichtet. Weil sie nicht angepasst und schon immer anders gewesen sei. Die Oberschule beendete sie allerdings mit besonderer Auszeichnung in Musik, ihren Wehrdienst absolvierte Netta als Sängerin im Musikkorps der israelischen Marine. An der Rimon-Musikhochschule für Gegenwartsmusik in Tel Aviv studierte sie, arbeitete nebenher als DJ, sang in Bars und auf Hochzeiten.  

          Netta nennt sich selbst eine Loop-Artistin, da sie bei ihren Auftritten mit einer die Stimme und die Musik verzerrenden Loop-Box arbeitet. Die nutzte sie auch in Lissabon, während sie gurrte, zirpte, gackerte und natürlich auch sang, auf Englisch. Der Text von ihrem Lied „Toy“, was mit Spielzeug oder auch Puppe übersetzt werden kann, ist als Teil der sogenannten #MeToo-Bewegung zu verstehen. Im Lied heißt es: „Ich bin nicht dein Spielzeug, du dummer Junge.“ Dazu führten Tänzerinnen verrückte Verrenkungen, eine Art Ententanz, auf, während Netta mit den Augen rollte und Dutzende Winkekatzen hinter ihr ihre Arme bewegten. Sie sollten Glück bringen, und das taten sie auch. Der Jubel war groß, als die noch immer grell geschminkte Netta sich vor der Arena an ihre Landsleute wandte: „Ich denke, Authentizität ist besonders wichtig.“  

          Deutschlands bestes Ergebnis seit 2010

          Das hatte auch Michael Schulte in den Tagen von Lissabon immer wieder betont. Der Deutsche, dem man anfangs recht wenig zugetraut hatte, konnte eine kleine Sensation feiern. Er erreichte den vierten Platz, das beste Ergebnis seit Lenas Sieg 2010 und das zweitbeste Ergebnis seit dem Jahr 1999. Damals hatte Ralph Siegel der Gruppe Sürpriz den Song „Reise nach Jerusalem – Kudüs’e seyahat“ geschrieben, in der Hoffnung, damit am Austragungsort punkten zu können. Gesungen wurde auf Deutsch, Englisch, Türkisch und Hebräisch – am Ende kam die türkischstämmige Siegeltruppe auf Rang drei. Nun schaffte Michael Schulte einen hervorragenden vierten Platz. Zwölf Punkte für Deutschland, das hatte es zuvor lange nicht mehr gegeben.

          Am Samstagabend hieß es für den von Schulte mitgeschriebenen Song „You Let Me Walk Alone“, mit dem er den Tod seines Vaters vor 14 Jahren verarbeitet, von Seiten der Juroren gleich vier Mal zwölf Punkte (Niederlande, Dänemark, Norwegen, Schweiz) und sechs Mal zehn Punkte (San Marino, Österreich, Italien, Australien, Serbien und Polen). Nur zwölf Mal ging der Achtundzwanzigjährige beim Jury-Votum leer aus, sonst bekam er immer mindestens einen Punkt.  

          Zufriedene Gesichter im Team von Michael Schulte während der Auszählung. Mehrfach erhält Schulte hohe Punktzahlen.

          Die Jury-Punkte aus den 43 Teilnehmerländern, die 50 Prozent der Gesamtwertung ausmachten, wurden dabei zuerst vergeben. Dabei urteilten die Juroren zum Teil ganz anders als das Publikum. Wäre es nur nach den Jurys gegangen, hätte der Österreicher Cesár Sampson mit „Nobody But You“ vor dem Schweden Benjamin Ingrosso („Dance You Off“) gewonnen, gefolgt von Netta und Michael Schulte. Beim Publikum aber landete der Schwede nur auf dem viertletzten Platz mit gerade einmal 21 Punkten, Michael Schulte hingegen erreichte mit 136 Punkten beim Televoting Rang sechs. Mit den 204 Jury-Punkten waren das zusammen 340 Punkte, nur zwei Punkte weniger als der Österreicher, den zuvor niemand ernsthaft auf der Rechnung hatte.  

          Der vierte Platz ist ein großartiges Ergebnis für den Mann aus Buxtehude. „Oh mein Gott, was soll ich sagen? Das ist so verrückt“, sagte Michael Schulte am frühen Sonntagmorgen. „Das große Abenteuer geht wirklich mit einem Happy End für uns zu Ende.“ Er hoffe nun, dass ein bisschen die Euphorie zurückkomme, nachdem die Stimmung dem Wettbewerb gegenüber so negativ geworden sei. „Den Pessimismus haben wir jetzt hoffentlich weggeblasen.“  

          Fado - Schicksalsmusik der Portugiesen

          Den noch tiefer sitzenden Pessimismus der Portugiesen hatte im vergangenen Jahr Salvador Sobral weggeblasen. Mit seiner Ballade „Amar Pelos Dois“ hatte er erstmals den ESC für Portugal gewinnen können – nach fast 55 Jahren. Das galt es zu feiern, wenn auch nicht so ausgelassen und heiter, wie so mancher ESC zuvor schon gewesen ist. Schon der Beginn des diesjährigen Finals war äußerst ungewöhnlich. Und mutig. Ausgerechnet die Musik, die Portugals Schicksal ist, und nichts anderes bedeutet das Wort Fado, leitete den Abend ein, melancholisches Moll also gleich zur Begrüßung. Mit ihrem Fado waren die Portugiesen jahrzehntelang immer wieder am ESC gescheitert, und doch ist genau er der Stolz des Landes. Mit Ana Moura und Mariza waren gleich zwei der größten Fado-Sängerinnen auf der Bühne vereint.  

          In der Pause folgte der Auftritt, auf den die Nation gewartet hatte. Salvador Sobral, der so schwer erkrankt war, dass ihm im Dezember ein Spenderherz transplantiert werden musste, stand erstmals wieder auf einer großen Bühne. Zuerst sang er sein neues Lied „Mano a mano“, dann bat er einen Freund zu sich, den er nur dank seines ESC-Sieges kennengelernt hatte, wie er erzählte: Caetano Veloso. Damit schlug der Achtundzwanzigjährige eine Brücke zur einstigen Kolonie Brasilien, die sich musikalisch so anders, so viel fröhlicher entwickelte, und mit der Portugal doch so viel gemein hat.

          Fast 50 Jahre älter als Sobral ist der berühmte Liedermacher aus Brasilien. Gemeinsam sangen sie den Siegertitel von 2017: „Amar pelos dois“ (Für beide lieben). Veloso wurde berühmt zu einer Zeit, als Portugal und Brasilien noch Diktaturen waren, ein Faktum, auf das die Gastgeber auch am Samstagabend mehrfach eingingen. Der 75 Jahre alte Brasilianer war nach dem Militärputsch 1964 im eigenen Land verfolgt und verhaftet worden, nachdem er und Gilberto Gil den Tropicalismo erfunden hatten, eine Mischung aus traditionellen brasilianischen Rhythmen mit modernen E-Gitarrenklängen. Ihre humorvollen Texte aber waren damals durchaus politisch und wurden als gegen das Militärregime gerichtet verstanden. Die Zeiten der Diktatur sind lange vorbei. Und so versuchten die Gastgeber eine weltoffene und fröhliche Show zu zelebrieren, was ihnen weitgehend gelang.

          Ein Flitzer hat der britischen Sängerin SuRie während ihres Vortrags das Mikrofon entrissen - sie sang dennoch weiter.

          Flitzer entreißt SuRie das Mikrofon

          Allerdings kam es zu einem Zwischenfall, der den Abend für eine Weile überschattete. Einem im Vereinigten Königreich bekannten Flitzer gelang es, die Bühne zu stürmen und der Sängerin SuRie das Mikrofon zu entreißen, um etwas weitgehend Unverständliches hinein zu brüllen. Der britische Sender BBC schrieb später auf Twitter, der Mann habe wohl gerufen „For the Nazis of the UK media, we demand freedom“ (Für die Nazis der britischen Medien: Wir verlangen Freiheit!). Er wurde niedergerungen und in Polizeigewahrsam genommen, während SuRie ihr Lied „Storm“ nach einem Schreckensmoment zu Ende sang. Kurz danach teilte die Europäische Rundfunkunion auf dem offiziellen Twitter-Account des ESC mit, den Briten sei angeboten worden, den Auftritt zu wiederholen. SuRie und ihre Delegation hätten dies aber abgelehnt, da sie sehr stolz auf ihren Auftritt seien. Die Neunundzwanzigjährige bekam dafür zwar viel Zuspruch und Applaus, landete am Ende aber mit nur 48 Punkten auf dem drittletzten Platz.

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