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ESC-Tagebuch aus Lissabon (7) : Und Netta wird’s doch noch

Fado - Schicksalsmusik der Portugiesen

Den noch tiefer sitzenden Pessimismus der Portugiesen hatte im vergangenen Jahr Salvador Sobral weggeblasen. Mit seiner Ballade „Amar Pelos Dois“ hatte er erstmals den ESC für Portugal gewinnen können – nach fast 55 Jahren. Das galt es zu feiern, wenn auch nicht so ausgelassen und heiter, wie so mancher ESC zuvor schon gewesen ist. Schon der Beginn des diesjährigen Finals war äußerst ungewöhnlich. Und mutig. Ausgerechnet die Musik, die Portugals Schicksal ist, und nichts anderes bedeutet das Wort Fado, leitete den Abend ein, melancholisches Moll also gleich zur Begrüßung. Mit ihrem Fado waren die Portugiesen jahrzehntelang immer wieder am ESC gescheitert, und doch ist genau er der Stolz des Landes. Mit Ana Moura und Mariza waren gleich zwei der größten Fado-Sängerinnen auf der Bühne vereint.  

In der Pause folgte der Auftritt, auf den die Nation gewartet hatte. Salvador Sobral, der so schwer erkrankt war, dass ihm im Dezember ein Spenderherz transplantiert werden musste, stand erstmals wieder auf einer großen Bühne. Zuerst sang er sein neues Lied „Mano a mano“, dann bat er einen Freund zu sich, den er nur dank seines ESC-Sieges kennengelernt hatte, wie er erzählte: Caetano Veloso. Damit schlug der Achtundzwanzigjährige eine Brücke zur einstigen Kolonie Brasilien, die sich musikalisch so anders, so viel fröhlicher entwickelte, und mit der Portugal doch so viel gemein hat.

Fast 50 Jahre älter als Sobral ist der berühmte Liedermacher aus Brasilien. Gemeinsam sangen sie den Siegertitel von 2017: „Amar pelos dois“ (Für beide lieben). Veloso wurde berühmt zu einer Zeit, als Portugal und Brasilien noch Diktaturen waren, ein Faktum, auf das die Gastgeber auch am Samstagabend mehrfach eingingen. Der 75 Jahre alte Brasilianer war nach dem Militärputsch 1964 im eigenen Land verfolgt und verhaftet worden, nachdem er und Gilberto Gil den Tropicalismo erfunden hatten, eine Mischung aus traditionellen brasilianischen Rhythmen mit modernen E-Gitarrenklängen. Ihre humorvollen Texte aber waren damals durchaus politisch und wurden als gegen das Militärregime gerichtet verstanden. Die Zeiten der Diktatur sind lange vorbei. Und so versuchten die Gastgeber eine weltoffene und fröhliche Show zu zelebrieren, was ihnen weitgehend gelang.

Ein Flitzer hat der britischen Sängerin SuRie während ihres Vortrags das Mikrofon entrissen - sie sang dennoch weiter.

Flitzer entreißt SuRie das Mikrofon

Allerdings kam es zu einem Zwischenfall, der den Abend für eine Weile überschattete. Einem im Vereinigten Königreich bekannten Flitzer gelang es, die Bühne zu stürmen und der Sängerin SuRie das Mikrofon zu entreißen, um etwas weitgehend Unverständliches hinein zu brüllen. Der britische Sender BBC schrieb später auf Twitter, der Mann habe wohl gerufen „For the Nazis of the UK media, we demand freedom“ (Für die Nazis der britischen Medien: Wir verlangen Freiheit!). Er wurde niedergerungen und in Polizeigewahrsam genommen, während SuRie ihr Lied „Storm“ nach einem Schreckensmoment zu Ende sang. Kurz danach teilte die Europäische Rundfunkunion auf dem offiziellen Twitter-Account des ESC mit, den Briten sei angeboten worden, den Auftritt zu wiederholen. SuRie und ihre Delegation hätten dies aber abgelehnt, da sie sehr stolz auf ihren Auftritt seien. Die Neunundzwanzigjährige bekam dafür zwar viel Zuspruch und Applaus, landete am Ende aber mit nur 48 Punkten auf dem drittletzten Platz.

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