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ESC-Tagebuch aus Lissabon (7) : Und Netta wird’s doch noch

Netta nennt sich selbst eine Loop-Artistin, da sie bei ihren Auftritten mit einer die Stimme und die Musik verzerrenden Loop-Box arbeitet. Die nutzte sie auch in Lissabon, während sie gurrte, zirpte, gackerte und natürlich auch sang, auf Englisch. Der Text von ihrem Lied „Toy“, was mit Spielzeug oder auch Puppe übersetzt werden kann, ist als Teil der sogenannten #MeToo-Bewegung zu verstehen. Im Lied heißt es: „Ich bin nicht dein Spielzeug, du dummer Junge.“ Dazu führten Tänzerinnen verrückte Verrenkungen, eine Art Ententanz, auf, während Netta mit den Augen rollte und Dutzende Winkekatzen hinter ihr ihre Arme bewegten. Sie sollten Glück bringen, und das taten sie auch. Der Jubel war groß, als die noch immer grell geschminkte Netta sich vor der Arena an ihre Landsleute wandte: „Ich denke, Authentizität ist besonders wichtig.“  

Deutschlands bestes Ergebnis seit 2010

Das hatte auch Michael Schulte in den Tagen von Lissabon immer wieder betont. Der Deutsche, dem man anfangs recht wenig zugetraut hatte, konnte eine kleine Sensation feiern. Er erreichte den vierten Platz, das beste Ergebnis seit Lenas Sieg 2010 und das zweitbeste Ergebnis seit dem Jahr 1999. Damals hatte Ralph Siegel der Gruppe Sürpriz den Song „Reise nach Jerusalem – Kudüs’e seyahat“ geschrieben, in der Hoffnung, damit am Austragungsort punkten zu können. Gesungen wurde auf Deutsch, Englisch, Türkisch und Hebräisch – am Ende kam die türkischstämmige Siegeltruppe auf Rang drei. Nun schaffte Michael Schulte einen hervorragenden vierten Platz. Zwölf Punkte für Deutschland, das hatte es zuvor lange nicht mehr gegeben.

Am Samstagabend hieß es für den von Schulte mitgeschriebenen Song „You Let Me Walk Alone“, mit dem er den Tod seines Vaters vor 14 Jahren verarbeitet, von Seiten der Juroren gleich vier Mal zwölf Punkte (Niederlande, Dänemark, Norwegen, Schweiz) und sechs Mal zehn Punkte (San Marino, Österreich, Italien, Australien, Serbien und Polen). Nur zwölf Mal ging der Achtundzwanzigjährige beim Jury-Votum leer aus, sonst bekam er immer mindestens einen Punkt.  

Zufriedene Gesichter im Team von Michael Schulte während der Auszählung. Mehrfach erhält Schulte hohe Punktzahlen.

Die Jury-Punkte aus den 43 Teilnehmerländern, die 50 Prozent der Gesamtwertung ausmachten, wurden dabei zuerst vergeben. Dabei urteilten die Juroren zum Teil ganz anders als das Publikum. Wäre es nur nach den Jurys gegangen, hätte der Österreicher Cesár Sampson mit „Nobody But You“ vor dem Schweden Benjamin Ingrosso („Dance You Off“) gewonnen, gefolgt von Netta und Michael Schulte. Beim Publikum aber landete der Schwede nur auf dem viertletzten Platz mit gerade einmal 21 Punkten, Michael Schulte hingegen erreichte mit 136 Punkten beim Televoting Rang sechs. Mit den 204 Jury-Punkten waren das zusammen 340 Punkte, nur zwei Punkte weniger als der Österreicher, den zuvor niemand ernsthaft auf der Rechnung hatte.  

Der vierte Platz ist ein großartiges Ergebnis für den Mann aus Buxtehude. „Oh mein Gott, was soll ich sagen? Das ist so verrückt“, sagte Michael Schulte am frühen Sonntagmorgen. „Das große Abenteuer geht wirklich mit einem Happy End für uns zu Ende.“ Er hoffe nun, dass ein bisschen die Euphorie zurückkomme, nachdem die Stimmung dem Wettbewerb gegenüber so negativ geworden sei. „Den Pessimismus haben wir jetzt hoffentlich weggeblasen.“  

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