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ESC-Tagebuch aus Lissabon (6) : Ein erloschener Vulkan und ein brennendes Klavier

Auf einem Pappmaché-Vulkan, aber dafür kaum zu sehen: Die Russin Julija Samoilowa wird endgültig zur tragischen Figur beim ESC. Bild: Reuters

Russland ist raus. Leidtragende ist Julia Samoilowa, mit der ein perfides Spiel getrieben wurde. Gleich zwei Rückkehrer schaffen es ins Finale. Und Deutschland darf sich wieder Hoffnungen machen.

          Die Russin Julija Samoilowa ist endgültig zur tragischen Figur in einem perfiden Spiel geworden, auf das sie offensichtlich keinen Einfluss hatte. Im vergangenen Jahr wurde sie ausgewählt, um ihr Heimatland beim 62. Eurovision Song Contest (ESC) in Kiew zu vertreten.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Dabei muss den Verantwortlichen klar gewesen sein, dass ihrer Künstlerin ein Einreiseverbot in der Ukraine droht, weil sie 2015 auf der von Russland annektierten Krim gewesen war und dabei nicht über ukrainischen Boden auf die Halbinsel gereist war. Für die Ukraine ist das ein illegaler Akt. Es kam, wie es kommen musste und was auch die Europäische Rundfunkunion (EBU) nicht verhindern konnte: Die Frau im Rollstuhl wurde von der Teilnahme ausgesperrt.

          Dafür sollte Julija Samoilowa in diesem Jahr in Lissabon eine zweite Chance bekommen – mit dem für sie komponierten Lied „I Won’t Break“. Doch nichts ging zusammen. Das Lied so schwach wie ihre Stimme, die Inszenierung eine Zumutung. Die Neunundzwanzigjährige hatte man auf einen Pappmaché-Vulkan gepfropft, so dass nicht zu erkennen war, dass sie im Rollstuhl sitzt. Damit wollte man ihr vielleicht Mitleidspunkte ersparen, doch zugleich war sie in ihren drei Minuten kaum zu sehen. Stattdessen wurde ein wild gewordenes Tanzpaar gezeigt, das eine Art Pas de deux rund um den in buntes Licht getauchten Vulkan aufführte.

          Backgroundsängerinnen übernimmt

          Und dann kam es womöglich zu einem Moment der Unkonzentriertheit: Die erschöpft wirkende Russin sang, ohne die Lippen zu bewegen. Es war kein Playback, vielmehr übernahm wohl eine der Backgroundsängerinnen den Gesangspart. Das war es für die Russin, die sich beim ESC ihren ganz großen Traum erfüllen wollte, wie sie schon vergangenes Jahr gesagt hatte.

          Und auch für Russland war Schluss im zweiten Halbfinale am Donnerstagabend. Zum ersten Mal seit dem Jahr 2000 ist das mit Abstand größte EBU-Mitglied nun nicht fürs Finale qualifiziert. Man kann nur hoffen, dass die an einer spinalen Muskelatrophie erkrankte Künstlerin sich den Titel ihres Liedes zu Herzen nimmt und an der ganzen Sache „nicht zerbricht“.

          „That’s How You Write A Song“ von Alexander Rybak könnte das nächste Siegerlied sein.

          Am frühen Abend, gleich zu Beginn des zweiten Halbfinals, gab es allerdings auch einen Grund zu feiern: Das 1500. Lied, das seit 1956 eigens für den ESC geschrieben wurde, stand an, mit dem vielsagenden Titel „That’s How You Write A Song“. Es könnte das nächste Siegerlied sein, denn es stammt von einem der Favoriten des 63. Eurovision Song Contest, von Alexander Rybak, der 2009 mit „Fairytale“ den ESC nach Oslo holte. Mit seinem neuen, natürlich auch wieder selbst komponierten und geschriebenen Popsong liegt er beständig auf einem Top-Five-Platz.

          Rybaks Finaleinzug war daher so gut wie sicher. Der zweite Rückkehrer konnte sich dagegen nicht so sicher sein. Waylon, der eigentlich Willem Bijkerk heißt und ein zweites Mal für die Niederlande antritt, war 2014 mit seiner Partnerin Ilse DeLange als Duo The Common Linnets auf einen hervorragenden zweiten Platz gekommen. Vor vier Jahren begeisterten die beiden mit ihrer ruhigen und gefühlvollen Country-Ballade „Calm After The Storm“. Im Juni vergangenen Jahres trennten sie sich dann aber wegen Meinungsverschiedenheiten.

          Neben Rybak der zweite Rückkehrer: Waylon, der eigentlich Willem Bijkerk heißt und ein zweites Mal für die Niederlande antritt.

          Waylons diesjähriges ESC-Lied, „Outlaw In ’Em“, ist Country der rauen Art, was beim Publikum weniger gut ankommt, wie sich am Applaus erkennen lässt. Der Achtunddreißigjährige musste am Donnerstagabend lange warten, bis der Name seines Heimatlandes schließlich als letztes aufgerufen wurde. Das sagt allerdings nichts über eine mögliche Rangfolge im Halbfinale aus, da die Ergebnisse erst nach dem Finale morgen Abend bekanntgegeben werden.

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