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ESC-Tagebuch aus Lissabon (3) : Ein Schiff wird kommen

Das Eurovision Village wurde auf dem Praça do Comércio errichtet, der wirklich ein Tor zu Europa hat: den Triumphbogen Arco da Rua Augusta Bild: EPA

Beim Eurovision Song Contest dreht sich alles um die einstige Seefahrer-Nation Portugal. Längst aber ist ein anderer Wirtschaftszweig für das Land viel wichtiger geworden.

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          „Wenn’s ums Organisieren geht“, sagt Ana Leonilde, „dann sind wir Portugiesen nicht besonders gut.“ Zumindest war es so, und es sei auch noch heute so, wenn es um nichts Wichtiges gehe. „Dann heißt es oft: Amanhã.“ Morgen! Denn Morgen ist ja auch noch ein Tag. „Aber die großen Sachen haben wir zuletzt alle mit Bravour gemeistert, denken Sie nur an die Fußball-Europameisterschaft 2004 in unserem Land.“ Angefangen habe das mit dem Gutsein im Organisieren mit der Expo, die vor 20 Jahren in Lissabon stattfand, fügt die Stadtführerin voller Stolz hinzu. „Da wurde uns das erste Mal bewusst, Gutes kommt auch aus Portugal.“

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Damals, 1998, entstand ein ganz neuer Stadtteil im Osten Lissabons. Dort, wo heute der Park der Nationen ist, der Parque das Nações, waren einst fast ausschließlich große Industriebetriebe. Die wurden abgerissen und durch moderne Stahl- und Betonbauten fast alle ganz in Weiß ersetzt. Das ehemalige Ausstellungsgelände der Expo 98, das direkt am Fluss Tejo liegt, ist seit 2013 zwar eine eigene Gemeinde, aber dennoch ein von vielen täglich genutzter Teil der Metropole, auch weil hier große Shopping-Malls sind und viele Sport- und Kulturveranstaltungen stattfinden.

          Im Eurovision Village treffen sich die ESC-Fans aus aller Welt und die „Lisboetas“, um gemeinsam zu feiern.

          Die moderne Architektur, die mit ihren segelförmigen Hochhäusern der Seefahrer-Nation Portugal huldigt, gilt als bewusster Kontrast zur Altstadt Lissabons, der Baixa de Lisboa, mit ihren alten Gassen und oft sehr kleinen Häusern. Auffälligstes Gebäude in Parque das Nações ist der Vasco-da-Gama-Turm, mit 145 Metern eines der höchsten Bauwerke des Landes. Benannt ist es nach dem neben Cristiano Ronaldo vermutlich zweitberühmtesten Portugiesen, dem Entdecker des Seewegs um das Kap der Guten Hoffnung herum.

          „Müssen auch mit Terror rechnen“

          Quasi zu Füßen des Aussichtsturms findet der Eurovision Song Contest (ESC) statt, in der Altice Arena. Schon seit dem 4. April ist die Ufo-förmige Halle und der neben ihr liegende Portugal-Pavillon, in dem 2000 akkreditierte Journalisten die Auftritte der ESC-Teilnehmer auf Großbildschirmen verfolgen können, weiträumig abgesperrt. Sicherheit, sagt Ana Leonilde, sei ein großes Thema in den vergangenen Wochen gewesen. Angeblich 2000 Sicherheitskräfte schirmen darum auch die Arena dieser Tage ab. „Es passiert ja so viel auf der Welt“, sagt die Reiseführerin. „Da müssen wir als Tor zu Europa eben auch mit Terror rechnen.“

          Hat den Ton gesetzt: Salvador Sobral beim ESC-Finale 2017

          Mit dem Tor zu Europa ist der Hafen gemeint, der das Land einst groß und reich machte. Das Meer und die enge Beziehung Portugals dazu sind allgegenwärtig bei diesem ESC. Das fängt schon beim Motto an: „All Aboard!“ – Alle an Bord ist eine direkte Anspielung, genauso wie die Muschel, die als Logo dient, oder auch der blaue Teppich, über den die Künstler und Delegationen aus 43 Ländern zur feierlichen Eröffnung des ESC liefen.

          Für Lissabon ist der Song Contest eine großartige, vielleicht eine einmalige Gelegenheit. Mehr als ein halbes Jahrhundert hat es gedauert, bis endlich ein Künstler aus Portugal den ESC gewann. Ausgerechnet ein Sänger, der Salvador heißt, also Erlöser, wurde damit zum Helden einer ganzen Nation. Als dieser Salvador Sobral dann schwer erkrankte und er ein neues Herz brauchte, das ihm im Dezember transplantiert wurde, litt das Land mit ihm. „Das hat uns alle sehr bewegt“, erzählt Ana Leonilde. Umso mehr fiebern die Portugiesen nun dem Finale am Samstag entgegen, in dem der wieder genesene Achtundzwanzigjährige in einer der Pausen auftreten wird.

          Sobral hat den Ton gesetzt

          Salvador Sobral hat auch den Ton für den diesjährigen Song Contest gesetzt. Bescheidenheit ist das Motto des ausführenden öffentlich-rechtlichen Senders Rádio e Televisão de Portugal (RTP). So wie Sobral, der ohne glamouröse Show, ohne technisches Brimborium und nur mit einer wunderschönen Ballade, „Amar Pelos Dois“, im vergangenen Jahr in Kiew gewann, soll dieser ESC sein. Natürlich großartig und sehr emotional, aber vor allem so preiswert wie seit Jahren nicht. RTP verzichtet zum Beispiel auf eine kostspielige LED-Wand, die lange Standard einer jeden Grand-Prix-Bühne war.

          Manche der Bühnen, etwa in Moskau 2009, waren riesig und protzig – und weit entfernt vom Publikum. Das ist in Lissabon anders. Fürs Design war in Lissabon wieder der Münchner Florian Wieder zuständig, der 2011 in Düsseldorf sein ESC-Debüt gab. Zum fünften Mal hatte er nun die Gelegenheit, bei einem Song Contest eine „visuelle Geschichte“ zu erzählen.

          In alle Welt hinausstrahlen: Blick in das Eurovision Village

          Schlüsselelement seines Konzepts ist ein Armillarsphäre, auch Weltmaschine genannt, ein Gerät, mit dem Seefahrer die Bewegung von Himmelskörpern verfolgen konnten. Die drehbaren Metallringe, die eine Kugel formen, bilden den Überbau der Bühne, in der im Hintergrund ein Schiffsskelett zu sehen ist. Hinzu kommen noch das Meer, das drum herum zu wogen scheint, und Linien, die wie auf einer Landkarte in alle Welt hinausstrahlen.

          Wie ein roter Faden ist das Thema, das Wieder in der Altice Arena umgesetzt hat, auch verknüpft mit dem Eurovision Village, das sich gut zehn Kilometer entfernt zu Füßen der Altstadt Lissabons befindet. Errichtet wurde es auf dem Praça do Comércio, dem Platz des Handels, der wirklich ein Tor zu Europa hat, den Triumphbogen Arco da Rua Augusta. Dort treffen sich die ESC-Fans aus aller Welt und die „Lisboetas“, um gemeinsam zu feiern.

          Jede Stadtführung schließt den Platz mit ein, oft ist er sogar Ausgangspunkt für die Besucher Lissabons. Damit steht er ganz besonders für das, was Portugal inzwischen das meiste Geld einbringt: der Tourismus. Die Zuwachsraten der vergangenen Jahre lagen sowieso schon im zweistelligen Prozentbereich, so waren es 80 Millionen Übernachtungen 2017. Es dürften in dem Land mit seinen zehn Millionen Einwohnern dieses Jahr noch wesentlich mehr werden – auch dank Salvador Sobral und des ESC.

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