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ESC-Tagebuch aus Lissabon (2) : Die bedrohte Welt der portugiesischen Sardine

Nationalgericht: Gebratene Sardinen in Porto (Archivbild) Bild: AP

Vor der iberischen Halbinsel macht sich der Lieblingsfisch der Portugiesen rar. Fast wäre es in diesem Jahr zu einem nationalen Notstand gekommen.

          Sardinen kann in Lissabon niemand entkommen. Früher standen sie nur auf den Speisekarten, und im Sommer legte sich rund um den Feiertag des Stadtheiligen San António eine Rauchwolke über die Altstadt; unter freiem Himmel landete dann überall der schmale Silberfisch auf dem Grill. Heute ist er auch noch als Aufkleber, Schlüsselanhänger und aus Porzellan fast an jeder Straßenecke zu haben. Am Rossio-Platz, den schnurgeraden Straßen der Baixa und in den anderen Touristenvierteln bieten Ladenketten bunt verzierte Fischdosen als Andenken an. Sie haben Namen wie zum Beispiel „Fantastische Welt der portugiesischen Sardine“.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Das Spitzenprodukt der Traditionsfirma Comur ist „Portugiesisches Gold“: Die Sardinen sind mit winzigen essbaren Goldflocken in einer vergoldeten Blechdose eingelegt. Eine davon kostet 22 Euro – im Supermarkt nebenan, den die Einheimischen frequentieren, sind unverzierte Sardinen-Behälter für weniger als einen Euro zu haben. Findige Marketing-Experten haben die Sardine innerhalb kurzer Zeit in eine Art portugiesisches Nationalsymbol verwandelt.

          Doch in diesem Jahr wäre es fast zu einem nationalen Notstand gekommen. Denn die Sardinen an der iberischen Atlantikküste machen sich rar. Schockiert und empört reagierten viele Portugiesen im vergangenen Jahr auf die Aufforderung des Internationalen Rats für Meeresforschung (ICES), den Sardinen-Fang 15 Jahre lang einzustellen, damit sich die gefährdeten Bestände regenerieren können. Im Oktober empfahl die Organisation, die die Europäische Union berät, wenigstens 2018 den Sardinen eine kleine Pause zu gönnen. Grund dafür war, dass die Bestände nach den Erkenntnissen der Forscher dramatisch abgenommen haben.

          In jeder Sekunde werden 13 Sardinen gekauft

          Nach intensiven Verhandlungen zwischen der portugiesischen Regierung und der EU werfen die portugiesischen und spanischen Sardinenfischer in diesen Tagen mit zweimonatiger Verspätung wieder ihre Rundnetze aus – unter strengen Auflagen. Bis Ende Juli dürfen sie 7300 Tonnen der silbrigen Fische aus dem Atlantik holen; insgesamt sind es in diesem Jahr 14.600 Tonnen, wovon Portugal rund zwei Drittel zustehen. Das ist abermals eine historisch niedrige Menge.

          In Spitzenjahren waren es im vergangenen Jahrhundert mehr als 240.000 Tonnen. Vom Jahr 2006 bis 2016 ging der Sardinenfang vor der iberischen Atlantikküste von 106.000 Tonnen auf nur noch 22.700 Tonnen zurück. Schwankungen zwischen den Jahren waren früher schon zu beobachten. Aber so massiv und dauerhaft war der Einbruch bisher nicht. Forscher nennen als Gründe dafür die sich verkleinernden Laichgründe, die Nahrungskonkurrenz mit den Makrelen und den durch die Trockenheit auf dem Festland bedingten mangelnden Zustrom von Nährstoffen.

          Das trifft die Portugiesen besonders hart. Angeblich werden in dem Land in jeder Sekunde 13 Sardinen gekauft. Am meisten Sardinen verspeisen in Europa zwar die Spanier, auf die die Franzosen folgen. Aber im vergleichsweise kleinen Portugal ist der jährliche Pro-Kopf-Konsum mit 57 Kilogramm am höchsten; der EU-Durchschnitt liegt bei 17 Kilogramm. Portugal muss deshalb immer mehr Sardinen importieren. Die zunehmende Knappheit bekommen die Einwohner des Landes, das sich gerade von seiner schwersten Wirtschaftskrise erholt, beim Fischhändler zu spüren. Der Preis hat sich in den vergangenen Jahren verdreifacht.

          „Rette die Sardine“ lautet in diesem Jahr nicht zuletzt wohl auch aus diesem Grund das Motto des internationalen Zeichenwettbewerbs, der schon zum siebten Mal veranstaltet wird. Prämiert werden die phantasievollsten Sardinen-Bilder. Der Wettbewerb ist weit über Portugal hinaus bekannt und beliebt. Künstler aus 70 Staaten haben schon Beiträge eingeschickt. Im vergangenen Jahr waren Teilnehmer aus Afghanistan und Burma dabei. Zu den Gewinnern gehörte damals das Bild eines Tauchers, der liebevoll eine kleine Sardine in Händen hält und das von Musikern, die im Bauch des Fisches spielen. Alles muss dabei die Form einer Sardine haben. Das nervt inzwischen schon manche Portugiesen, die versuchen, daraus auf humorvolle Weise ein Geschäft zu machen. Sie verkaufen Souvenirs mit der Aufschrift „Garantiert Sardinenfrei“.

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