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ESC-Tagebuch aus Kiew (4) : Ein Lächeln für das nicht ganz friedliche Fest

Erstmals auch ist am Donnerstagabend die deutsche Teilnehmerin Levina live zu sehen. Bild: EPA

Mehr als 900 Freiwillige stehen für die heitere Seite des Eurovision Song Contest. Während Levina für Deutschland Boden gut macht, provoziert das fern gebliebene Russland die Ukraine auch noch kurz vor dem Finale.

          Kiew ist durch ein ständiges Auf und Ab geprägt. Die Stadt wurde auf Hügeln erbaut, so dass ein Spaziergang für Besucher, die nicht gut zu Fuß sind, beschwerlich ist. Kiew ist aber auch auf Sand gebaut. Einst führte das alte Flussbett des Dnjepr genau durch die Altstadt. Dementsprechend schwierig waren die Arbeiten im Untergrund für die Kiewer Metro. Die Planungen begannen schon in den dreißiger Jahren, Baubeginn war kriegsbedingt aber erst 1949. 1960 endlich war die erste Strecke von etwas mehr als fünf Kilometern fertig. Heute sind es gut 67 Kilometer und 52 Stationen, durch die mehr als eine halbe Milliarde Passagiere im Jahr ein- und ausgehen.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Die Stationen liegen zum Teil tief unter der Erde – der U-Bahnhof Arsenalna gehört mit 105 Metern unter der Oberfläche sogar zu den tiefstgelegenen Stationen der Welt. Dementsprechend lang sind die Rolltreppen (oft sind es zwei), die in die Tiefe führen. Die längste überbrückt einen Höhenunterschied von rund 65 Metern. Und die Treppen sind schnell unterwegs, mindestens doppelt so schnell wie die Rolltreppen in Deutschland. Trotzdem scheint die Fahrt endlos, die Kiewer packen deswegen oft ein Buch aus, um zu lesen, oder setzen sich gleich auf die Stufen.

          Vor den Stationen stehen fast überall alte Mütterchen und verkaufen Obst und Gemüse oder auch Blumen. In diesen Tagen sind es Maiglöckchen, die sie für ein paar Griwna anbieten. Viele von ihnen, so wird erzählt, sind früh verwitwet – die Lebenserwartung von Männern in der Ukraine beträgt nur knapp 64, die von Frauen fast 75 Jahre. Sie leben verarmt außerhalb der Metropole in Häuschen, die von den Städtern eigentlich nur im Sommer genutzt werden. In den Gärten dieser Datschen ziehen sie, was sie zum Leben brauchen. Und sie verkaufen den Ertrag auch auf Plätzen und Straßen in Kiew.

          Wie ist es um die Gastfreundschaft bestellt? 

          Auch vor der Haltestelle Liwobereschna, die am Austragungsort des Eurovision Song Contest (ESC) liegt, gibt es Maiglöckchen zu kaufen. Gleich daneben stehen die ersten Freiwilligen, die jedem ESC-Gast freundlich den Weg zur Halle weisen. 900 „Volunteers“ wurden ausgewählt, angeblich haben sich 12.000 um einen Job beim Grand Prix in Kiew beworben. Die Auswahlverfahren aber waren hart. Voraussetzung sind Fremdsprachenkenntnisse, zumindest Englisch ist Pflicht, und die Fähigkeit, Lächeln zu können. Das scheint für viele Ukrainer nicht selbstverständlich zu sein. Auf den ersten Blick wirken sie oft verschlossen und abweisend, sie gelten aber zu Recht als gastfreundlich. Auch wenn sie das nicht immer gleich mit einem Lächeln zeigen können.

          Wie es um die Gastfreundschaft beim diesjährigen ESC bestellt ist, wird intensiv in diesen Tagen diskutiert. Schließlich wurde nicht nur die russische Teilnehmerin Julija Samoilowa an der Einreise gehindert, auch mehrere Journalisten, die sich nach ukrainischer Gesetzeslage „illegal“ auf der von Russen besetzten Halbinsel Krim aufgehalten haben, wurden an der Grenze abgewiesen. Für den Veranstalter des ESC, die Europäische Rundfunkunion (EBU), ein Vorgehen, das der nicht-politischen Natur des „Eurovision Song Contest“ widerspricht, wie der Vorsitzende der mächtigen Reference Group des ESC, Frank Dieter Freiling, vom ZDF im April sagte. Die Mission des ESC sei es, alle Nationen zu einem friedlichen Wettbewerb zusammenzubringen. Insofern sei das Einreiseverbot gegen Julija Samoilowa zu verurteilen, so Freiling.

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