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ESC-Finale : Gut gebrüllt, Schwede!

Måns Zelmerlöw aus Schweden bejubelt seinen Sieg. Bild: Reuters

Måns Zelmerlöw feiert beim Eurovision Song Contest im Goldglitter-Regen seinen verdienten Sieg. Deutschland bekommt keinen einzigen Punkt. Der Umgang mit der Sängerin aus Russland sorgt bei Vorjahresgewinnerin Conchita Wurst für Empörung.

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          Die Empörung in Conchitas Stimme war echt: Sie sei, sagte die österreichische Dragqueen über die neben ihr sitzende Russin Polina Gagarina, eine wunderbare Künstlerin und liege darum sehr zu Recht in Führung. Doch in der Halle wurde gebuht und mit Stimme, Händen und Füßen gegen die russische Führung protestiert. Die Blicke, die die österreichische Grand-Prix-Siegerin deshalb ihrem Publikum zuwarf, waren unmissverständlich und böse.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Den ihr sonst zu Füßen liegenden Fans des Eurovision Song Contest (ESC) war der Schreck gehörig in die Glieder gefahren. 20 von 40 Ländern hatten ihre Stimmen schon vergeben, und Russland lag nach der Hälfte mit einigen Punkten vor Schweden und Italien. Nächstes Jahr der ESC in Wladimir Putins Reich? Undenkbar!  Alles, bloß nicht die blonde Russin am Ende ganz oben auf dem Siegertreppchen!

          Der Jubel der Anhänger von Polina Gagarina währte danach nicht mehr sehr lange. Ein paar Länder später hatte der Favorit und Liebling der meisten Zuschauer in der Wiener Stadthalle, der Schwede Måns Zelmerlöw, nicht nur schon wieder aufgeholt. Er ließ die Russin schließlich auch weit hinter sich. Mit 365 Punkten gewann der „Held von Europa“ klar vor Gagarina, die auf 303 Punkte kam, gefolgt von Italien mit 292. Das war für „Heroes“, die neue Hymne aller Toleranten wie Intoleranten, ein haushoher Sieg, nur Alexander Rybak hatte 2009 ähnlich hoch gewonnen. Der Norweger war damals mit seinem Beitrag „Fairytale“ auf 387 Punkte gekommen, vor sechs Jahren in Moskau waren allerdings 42 Länder stimmberechtigt gewesen.

          Alle sind Helden

          Zelmerlöw jedenfalls erwies sich als würdiger Nachfolger der „Queen of Austria“, die nicht müde wird zu wiederholen, dass jeder Respekt verdiene. Und so stürmte der Schwede nach seinem Sieg in einem dichten Goldglitter-Regen abermals die Bühne, brüllte sich unterwegs schnell noch die Anspannung aus dem Leib, um Conchita Wurst glücklich um den Hals zu fallen. Dann bedankte er sich artig und fügte hinzu: „Ich möchte nur sagen, wir sind alle Helden, egal wen wir lieben, wer wir sind oder was wir glauben.“ Das war eine Botschaft, die verstanden wurde und die bei allen gut ankam.

          Genauso wie auch sein Lied gut angekommen war. „Heroes“, das von dem schwedischen Autoren-Trio Linnea und Joy Deb sowie Anton Hård af Segerstad stammt, erzählt Zelmerlöws Geschichte. Er wurde als Junge schikaniert und litt darunter, irgendwann fing er aber an zu verstehen, dass jeder sein eigener Held werden kann, wenn er sich so akzeptiert, wie er ist, und er mit seinen Dämonen lebt, besser noch tanzt. Der Song allein hätte wohl kaum das Publikum von Europa bis nach Australien so begeistert, dass es für den Sieg gereicht hätte. Begleitet aber wurde der Schwede von einem durch 3-D-Projektionen zum Leben erwachten Strichmännchen. Der Stickman, auch „MP“ genannt, stellt Måns Petter dar, Zelmerlöws junges Ich, dem er in „Heroes“ als guter Freund zur Seite steht. Fast zwei Monate verbrachte der 28 Jahre alte Måns Zelmerlöw, der in Lund geboren wurde, im Vorfeld mit Proben zu der ungewöhnlichen und begeisternden Darbietung.

          Bilderstrecke

          Die Zeit und der Aufwand haben sich gelohnt. Aus jedem Land bekam der schwedische Beitrag Punkte, die wenigsten aus Griechenland nämlich vier, dafür aber sieben Mal acht, elf Mal zehn und sogar zwölf Mal zwölf Punkte. Russland hingegen ging am Samstagabend gleich zweimal leer aus: Von Litauen und San Marino bekam Polina Gagarina keine Punkte, dafür erhielt sie aber die Höchstpunktzahl aus Deutschland, während Schweden hierzulande mit zehn Punkten nur auf Platz zwei kam. Und Deutschland? Ann Sophie, die sich im Laufe der Probenwoche gesteigert hatte, eigens sogar noch mit der Choreographin Bella Garcia von der Flying-Steps-Akademie Berlin an ihrem Auftritt gefeilt hatte, ging mit „Black Smoke“ komplett leer aus, was die talentierte Hamburgerin sicher nicht verdient hat.

          Man muss weit in der ESC-Geschichte zurückgehen, um eine deutsche Nullnummer zu finden. Genau ein halbes Jahrhundert ist es her, dass Ulla Wiesner mit „Paradies, wo bist Du?“ keinen einzigen Punkt bekam. Nur im Jahr zuvor, 1964, gab es mit Nora Nova und „Man gewöhnt sich so schnell an das Schöne“ bereits einmal so ein schlechtes Ergebnis. Damals aber stimmten nur Jurys über die Beiträge aus gerade einmal 18 Teilnehmerländern ab. Selbst im Jahr 1995, als Stone & Stone für „Verliebt in Dich“ nur einen Punkt erhielten, hatten die Fernsehzuschauer noch nicht mit zu entscheiden.

          Der Wettbewerb platzt aus allen Nähten

          Insofern steht Ann Sophie ziemlich einsam mit dieser ESC-Höchststrafe da, sieht man von Österreich ab: Der Gastgeber blieb mit seinen Rockbarden, den Makemakes und „I Am Yours“, ebenfalls bei Null. Frankreich landete mit vier Punkten auf dem 25. Platz, das Vereinigte Königreich mit fünf auf dem 24, Edurne mit „Amanecer“ aus Spanien mit immerhin 15 Punkten auf Rang 21. Australien, das 1974 erstmals auf den ESC aufmerksam wurde, weil Olivia Newton-John aus Melbourne im Abba-Jahr für Großbritannien antrat, und zum 60. Jubiläum als Gast nun einen Künstler schicken durfte, konnte sich über den fünften Platz freuen. Guy Sebastian sammelte mit „Tonight Again“ 196 Punkte und darf sich vorläufig damit rühmen, auf absehbare Zeit der einzige Vertreter von „Down Under“ zu bleiben. Denn auch wenn auf dem Fünften Kontinent schon seit 1983 jedes Jahr der ESC live im Fernsehen übertragen wird und die Australier sich mit großer Begeisterung zur frühen Morgenstunde das europäische Liederfest antun, nur ein Sieg hätte ein Wiedersehen im nächsten Jahr bedeutet.

          Auch schon ohne Australien platzt der Song Contest aus allen Nähten und sprengt jede vernünftige Sendezeit. 27 Länder in einem Finale ist ein Rekord. Es dauerte allein zwei Stunden, um alle 27 Teilnehmer hintereinander weg singen zu lassen. Insgesamt ist und bleibt die mit 200 Millionen Zuschauern – dieses Jahr auch in Kanada, China und Neuseeland – größte Musikunterhaltungssendung der Welt allerdings weiter fest in europäischer Hand. 17 der Finalisten waren dieses Jahr Mitglieder der Europäischen Union, hinzu kamen die drei Beitrittskandidaten Albanien, Montenegro und Serbien sowie Norwegen und Israel, dazu Armenien, Aserbaidschan, Georgien, Russland und – einmalig – Australien.

          Europa hat sich im Jahr der Conchita Wurst vielleicht nicht so merklich verändert wie viele meinten oder hofften, der ESC aber und Österreich haben sich sichtbar gewandelt. Die Tage in Wien und besonders das große Finale waren geradezu eine Hommage an die Grundfeste, für die sich Tom Neuwirth als die von ihm erfundene Kunstfigur einsetzt. So viele küssende Männer und Frauen hatte es bei einer Unterhaltungsshow im Fernsehen wohl noch nie gegeben. Was war nicht alles befürchtet worden, nachdem Tom Neuwirth als „Frau mit Haaren im Gesicht“ den Grand Prix in Kopenhagen mit „Rise Like A Phoenix“ gewonnen hatte. Staaten wie Russland und Weißrussland könnten aus Protest die ESC-Familie verlassen, stattdessen entsandten sie auch dieses Jahr wieder gute Künstler, die wie Polina Gagarina sogar für Frieden in der Welt warben. Und so saß ausgerechnet die in Russland geschmähte Conchita Wurst während der Punktevergabe neben der in Österreich geschmähten Russin und erinnerte das augenscheinlich gar nicht so tolerante Europa daran, worum es bei diesem Wettbewerb geht: um Brückenbauen zum Beispiel.

          Hommage für Udo Jürgens

          Dass Russen nicht ein Monopol auf Intoleranz haben, war im Vorfeld schon befürchtet worden. Die Europäische Rundfunkunion (EBU) hatte in der Wiener Stadthalle vorgesorgt und die technischen Möglichkeiten dafür geschaffen, Buhrufe unterdrücken zu können, was aber hörbar nicht funktionieren wollte. Jarmo Siim vom Kommunikationsteam hatte in Wien zugegeben, wie peinlich der EBU die Buhrufe im vergangenen Jahr gegen die russischen Künstlerinnen gewesen waren, die für die Besetzung der Krim und den Krieg Russlands gegen die Ukraine mitverantwortlich gemacht worden waren.

          Ansonsten konnte der ORF ganz zufrieden sein mit dem Finale, für den der öffentlich-rechtliche Rundfunk Österreichs als Gastgeber verantwortlich war. Der Abend begann mit den Wiener Philharmonikern im Park von Schloss Schönbrunn, gefolgt von einer Erinnerung an den im Dezember überraschend verstorbenen Udo Jürgens, den ersten ESC-Gewinner aus dem Jahr 1966 („Merci, Chérie“). Dann erst geriet die Bühne ins Blickfeld und vor allem auch das „Kugelballett“. Das Logo des 60. ESC in Wien war eine leuchtende Kugel, die den Namen „The Sphere“ trug. Das aufgreifend, hatte der Münchner Bühnendesigner Florian Wieder, der schon für den ESC in Düsseldorf (2011) und Baku (2012) verantwortlich war, 629 Kugeln mit einem Durchmesser von 20 Zentimetern an unsichtbaren Seilen unter die Stadthallendecke gehängt, die alle ein Kilogramm schwer und mit Raps gefüllt waren. In einer rastergleichen Formation von 17 Reihen und 37 Spalten tanzten sie während der Show über den Köpfen der Zuschauer.

          Auch Wieders Bühne war beeindruckend: Ihr Zentrum bildete ein riesiges Auge. Die Form des Auges ergab sich durch leuchtende Stelen, die die Bühne umrandeten. 1288 Stelen, die symbolisch für die teilnehmenden Nationen stehen sollten, formten das 44 Meter lange, 14,3 Meter hohe und 22 Meter tiefe Auge. Das einzigartige Werk wurde noch am frühen Sonntagmorgen abgebaut und beseitigt. In wenigen Tagen erinnert nichts mehr an die zwei Wochen Song Contest, und es werden stattdessen Pferde durch die Stadthalle galoppieren – als Teil der Show „Apassionata“.

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