https://www.faz.net/-gum-99ys3

ESC-Tagebuch aus Lissabon (4) : Mit #MeToo, aber ohne das F-Wort ins Finale

Die israelische Sängerin Netta galt als Favoritin beim diesjährigen Eurovision Song Contest. Bild: dpa

Die Israelin Netta übersteht das Halbfinale, ist aber nicht mehr die haushohe Favoritin. Mit dem Inhalt ihres Liedes „Toy“ hat das wenig zu tun, eher mit ihren Konkurrenten.

          Netta strauchelt. Zumindest ein wenig, wenn man den Wettbüros glauben möchte. Dabei hat sie nichts falsch gemacht. Die Israelin qualifizierte sich am Dienstagabend auch fürs Finale. Nichts anderes hatte man von ihr erwartet, schließlich galt sie seit Wochen als die Favoritin auf den Sieg beim Eurovision Song Contest (ESC). Doch erstmals hat sie nun ernsthafte Konkurrenz bekommen. Genauer gesagt, ihre Konkurrenten werden plötzlich wahrgenommen. Alle Kandidaten aus allen 43 Ländern standen nun auf der Bühne der Altice Arena in Lissabon, und jetzt erst lassen sich Stärken und Schwächen wirklich ausmachen, im Gesang und vor allem auch in der Darbietung.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Darum wird es nun enger an der Spitze. Zumindest ein wenig, wenn man den Wettbüros glauben möchte. Zypern holt auf, Norwegen bleibt stark, Frankreich, Estland und der Tscheche Mikolas Josef liegen knapp dahinter. Allerdings muss der Norweger Alexander Rybak erst noch sein Halbfinale am Donnerstagabend überstehen, um im Finale zu sein. Das ist den anderen vier genannten Ländern schon gelungen. Rybak, der 2009 souverän schon einmal einen ESC gewonnen hat, ist so gut wie gesetzt. Behaupten die Wettbüros. Und die liegen selten ganz falsch, aber eben auch nie ganz richtig, wenn es um den Song Contest geht.

          Der Hype um Netta jedenfalls ebbt merklich ab. Als ihr Song „Toy“ im März veröffentlicht wurde, explodierte er regelrecht, wie sie es beschreibt. Millionenfach wurde die Elektro-Pop-Nummer mit den schnellen Beats im Gangnam-Style im Internet aufgerufen. Schnell führten sie die Buchmacher als haushohe Favoritin. Und auch die Inszenierung auf der Bühne enttäuscht nicht: Schrill und farbenfroh geht es zu. Die 25-Jjährige aus der Nähe von Tel Aviv gurrt und gackert und tschirpt, rollt und zwinkert mit den Augen, während im Hintergrund Dutzende japanische Winkekatzen, sogenannte Manekinekos, ihr Glück bringen sollen. Netta fällt auf und nicht nur, weil sie so extrovertiert ist wie Beth Dito, sondern auch weil sie mit einer Loop-Box auf der Bühne steht, mit der sie ihre Stimme verzerrt. Der Einsatz des Geräts ist ungewöhnlich und musste zunächst von offizieller Seite genehmigt werden.

          Inhalte sind nicht wichtig

          Nettas Lied „Toy“ ist ein Produkt unserer Zeit und ist im Kontext der #MeToo-Bewegung zu verstehen. „Ich bin nicht dein Spielzeug, du dummer Junge“, heißt es im Text. Der Inhalt aber dürfte wenig mit dem Erfolg der israelischen Sängerin Netta Barzilai zu tun haben. Um Inhalte geht es fast nie beim ESC, sonst hätte auch das Schweizer Duo Zibbz ins Finale einziehen müssen. Ihr Lied „Stones“ setzt sich mit dem Thema Cybermobbing auseinander. Früher wurden Menschen gesteinigt, heute werden sie im Internet fertig gemacht – meist anonym und feige. Stefan „Stee“ Gfeller und seine Schwester Corinne „Co“ Gfeller verpacken das ernste Thema in ansprechende Rock-Pop-Beats. Doch bei den Juroren und beim Publikum kam ihr wohlmeinender Song nicht an. Bitter für die Schweiz, die es seit 2006 nur zwei Mal in die Endrunde schaffte: 2011 war es Anna Rossinelli mit „In Love For A While“, 2014 Sebalter mit „Hunter Of Stars“.

          Mehr Glück hat Österreich: Seit Conchita Wurst 2014 („Rise Like A Phoenix“) den ESC gewann, ist unser anderer Nachbar jedes Jahr im Finale gewesen. Und auch der 1983 in Linz geborene Cesár Sampson hat es in diesem Jahr geschafft. Sein Midtempo-Stück „Nobody But You“ klingt nach R’n’B und hat Gospel-Elemente. Sampson nennt es ein spirituelles Werk, mit dem er Gott besingt. Komponiert und geschrieben hat er es zusammen mit Symphonix International, einem Produzenten-Kollektiv aus Wien. Es besteht aus Borislav Milanov, Joacim Persson, Trey Campbell und Dag Lundberg und war in den vergangenen beiden Jahren für das gute Abschneiden Bulgariens beim ESC verantwortlich: 2016 erreichte Poli Genova mit „If Love Was A Crime“ den vierten, 2017 Kristian Kostov mit „Beautiful Mess“ sogar den zweiten Platz.

          Der österreichische ESC-Teilnehmer Cesar Sampson hat es ins Finale geschafft.

          Und Bulgarien ist wieder im Finale. Die eigens für den ESC zusammengewürfelte Gruppe Equinox schaffte es mit einer leicht düster wirkenden Inszenierung ihres Symphonix-Liedes „Bones“ unter die letzten 26. Um was genau es in dem Text geht, wird nicht klar und auch nicht genau erklärt, angeblich um Liebe jenseits der materiellen Welt. Doch Inhalte sind beim ESC, wie gesagt, fast immer Schall und Rauch.

          Tschechischer Beitrag musste familientauglich umgeschrieben werden

          Beim Tschechen Mikolas Josef fällt es leicht, nicht auf den Text zu achten. Dabei hat er sein selbst geschriebenes Werk eigens für den ESC noch umschreiben müssen, da das berühmte F-Wort, das Amerikanern so häufig rausrutscht, obwohl es in Amerika doch so verpönt ist, reichlich vorkam. Das aber mag die Europäische Rundfunkunion gar nicht, schließlich soll der ESC ein familientaugliches Großereignis überall auf der Welt sein. Nicht zuletzt weil er schon seit einigen Jahren in den Vereinigten Staaten ausgestrahlt wird.

          Mikolas Josef, Jahrgang 1995, ist ein Multitalent. Sein mitreißender Elektro-Hip-Hop-Song „Lie To Me“ steht hoch im Kurs. Allerdings stürzte der Tscheche bei einer der ersten Proben am 29. April schwer und musste im Krankenhaus behandelt werden. Die Ärzte rieten ihm angeblich von der weiteren Teilnahme ab, er müsse seinen Rücken schonen. Doch das kommt selbstverständlich nicht in Frage. Allerdings fällt sein Auftritt seither weniger akrobatisch aus als geplant.

          Der tschechische Sänger Mikolas Josef musste seinen Song „Lie To Me“ vor dem ESC-Halbfinale jugendfrei umtexten.

          Überraschend ins Finale eingezogen ist der Ire Ryan O’Shaughnessy, der zu seinem Lied „Together“ von zwei Tänzern eine schwule Romanze aufführen lässt. Die Darbietung soll Russland beinahe dazu veranlasst haben, die Übertragung zu boykottieren. Doch das wäre fast zu viel der Ehre: Die Inszenierung ist so schlecht, dass man sie nicht zu ernst nehmen sollte. Glaubt man den Buchmachern, schafft es Ryan O’Shaughnessy nicht einmal, seinen Onkel Gary O’Shaughnessy zu schlagen. Der war 2001 beim ESC mit dem Lied „Without Your Love“ auf Platz 21 gelandet.

          Die zehn Finalisten

          Österreich, Estland, Zypern, Litauen, Israel, Tschechische Republik, Bulgarien, Albanien, Finnland, Irland

           

          Weitere Themen

          Viva Heavy Metal!

          Metallica spielt Höhner : Viva Heavy Metal!

          Metallica spielt in Köln vor 50.000 Fans – und stimmt den lokalen Gassenhauer „Viva Colonia“ der Höhner an. Höhner-Sänger Henning Krautmacher fühlt sich geadelt und will sich revanchieren.

          Topmeldungen

          Mordfall Lübcke : Die Falle der AfD

          Die AfD ist an Scheinheiligkeit nicht zu überbieten. Die Krokodilstränen über den Tod eines Repräsentanten des „Systems“, das sie aus den Angeln heben will, kann sie sich sparen.

          May-Nachfolge : Boris Johnson bleibt haushoher Favorit

          Boris Johnson zieht mit 126 der 313 Stimmen aus der Tory-Fraktion in die nächste Wahlrunde. Der ehemalige Brexit-Minister Dominic Raab verfehlt die Hürde von 33 Stimmen.

          Shanahan scheidet aus : Nächster Wechsel an der Spitze des Pentagons

          Der kommissarische Verteidigungsminister Patrick Shanahan zieht sich aus dem Nominierungsprozess zurück, wie Präsident Trump auf Twitter verkündet. Die Leitung des Pentagons übernimmt der bisherige Verwaltungschef des amerikanischen Heeres.
          Qatar und kein Ende: Michel Platini muss sich jetzt der französischen Justiz erklären.

          Platini verhaftet : Auch Sarkozy saß mit am Tisch

          Nach seiner Festnahme in Nanterre lässt Michel Platini erklären, er sei „völlig unbeteiligt“. Woran? Die Spur führt zu einem Lunch mit dem Emir von Qatar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.