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Eurovision Song Contest : So gewann ein Niederländer in Tel Aviv

Bild: dpa

Am Ende des Abends stehen die Niederlande ganz oben und Deutschland fast ganz unten. Für Diskussionen sorgen die Politik, Madonna und eine Null-Punkte-Entscheidung.

          Zwei Mal ein „Yes“. Mehr brachte Duncan Laurence zunächst nicht heraus, als er am frühen Morgen zum zweiten Mal auf der Bühne stand. Kurz vorher hatte ihn Netta, die Vorjahressiegerin des Eurovision Song Contest (ESC), schon umarmt und ihm die gläserne Trophäe überreicht, nachdem er sich vor ihr zunächst tief verbeugt hatte. Dann hielt er die Trophäe des Siegers hoch und rief: „Das ist für die großen Träume und dafür, dass Musik an erster Stelle steht. Immer!“ Es war auch ein Seitenhieb auf all diejenigen, die in den vergangenen Tagen, Wochen und Monaten versucht hatten, den diesjährigen ESC in Tel Aviv in irgendeiner Weise zu instrumentalisieren – etwa politisch. Danach sang der Niederländer noch einmal sein Lied „Arcade“, dieses Mal aber nicht mit melancholischem Blick, sondern strahlend vor Glück. 

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Duncan Laurence, der schon seit März, seit „Arcade“ veröffentlicht worden war, als Favorit auf den Sieg gehandelt wurde, hat es geschafft: Nach 44 Jahren haben die Niederlande endlich wieder einen Gewinner. Vier Mal zuvor hatte die stolze Grand-Prix-Nation, die genauso wie Deutschland seit 1956 und damit von Anfang an dabei ist, den Wettbewerb gewonnen: 1957, 1959, 1969 und zuletzt 1975. Danach kam eine lange Durststrecke, und es kamen viele katastrophale Jahre: Von 2005 bis 2012 erreichten unsere Nachbarn nicht einmal das Finale.

          Duncan Laurence musste in der vergangenen Nacht bis zwei Uhr morgens warten, bis feststand, dass er gewonnen hatte. Da zunächst die Punkte der Jurys vergeben wurden, die Sprecher aus den 41 Teilnehmerländern gaben nur noch die höchste Punktzahl zwölf bekannt, sah es nach einem Kopf-an-Kopfrennen zwischen den Niederlanden (231 Punkte), Nord-Mazedonien (237 Punkte) und Schweden (239 Punkte) aus.

          Null Punkte für Deutschland von den Zuschauern

          Das Ergebnis des Televotings wurde nun aber noch aufaddiert, beginnend bei dem Land mit den wenigsten Jury-Punkten. Das war Spanien: Zu sieben Punkten kamen 53 hinzu, was einen Sprung in der Rangliste nach oben bedeutete. Deutschland lag da noch mit immerhin 32 Punkten auf dem 21. Platz, bekam aber, und das als einziges Land überhaupt, von den Zuschauern null Punkte. Das war eine herber Schlag für die deutsche Delegation, den NDR und das Duo S!sters, das damit vor dem Vereinigten Königreich (16 Punkte) und Weißrussland (31 Punkte) auf dem 24. Platz landete.

          Einen ähnlichen Schlag bekamen kurz danach die Norweger versetzt: Das Trio Keiino lag mit dem Lied „Spirit In The Sky“ und seinen 47 Jury-Punkten zunächst nur knapp vor Deutschland, bekam dann aber die höchste Televoting-Punktzahl überhaupt: 291 Punkte. Am Ende wurden sie sogar Fünfte.

          So ging es weiter, für ein Land ging es nach oben, für ein anderes weit nach unten. Schließlich war die Nummer drei an der Reihe: Die Niederlande mit Duncan Laurence bekam 261 Punkte dazu, die Nummer zwei, Nord- Mazedonien mit Tamara Todevska, danach nur 58. Damit wurde aus dem Dreikampf ein Zweikampf: Niederlande oder Schweden. Schließlich gab es von den Zuschauern für John Lundvik und seinen selbst geschriebenen Song „Too Late For Love“ nur 93 Punkte dazu. Das war’s für ihn. Der Schwede  rutschte auf Platz sechs ab noch hinter Italien (465 Punkte), Russland (369), Schweiz (360) und Norwegen (338).

          Spannende Punktevergabe

          Die neu geregelte Punktevergabe macht es am Ende noch spannender als bisher, gerade wenn es an der Spitze nach der Jury-Entscheidung ein so dichtes Gedränge gibt wie in der vergangenen Nacht. Doch man kann mit ihr auch nicht nach den Sternen greifen. Selbst wenn der Russe Sergei Lasarew zu seinen 125 Jury-Punkten noch die Zuschauer-Punkte der Norweger bekommen hätte, er wäre nicht an Italien und den Niederlanden vorbeigekommen. Wer bei den einen nicht ankommt, kann durch die anderen allein nicht mehr gewinnen.

          Hatari fällt ganz schön auf beim ESC.

          Für Lasarew war es nach 2016 wieder nur der dritte Platz beim ESC. Eine herbe Enttäuschung für den russischen Superstar, der am Samstagmorgen noch zum äußersten Mittel gegriffen hatte: Nur mit einem Handtuch um die Hüfte fotografierte er sich im Bad seines Hotelzimmers und postete dann das erste richtige Oben-Ohne-Bild von sich auf Instagram, wo ihm fast vier Millionen Fans folgen. Doch selbst das verschaffte ihm, der bei seinen perfekten Auftritten unterkühlt und wenig sympathisch rüberkommt, nicht den Sieg.

          Starker Schweizer

          Bei Charme und Sympathie wiederum punktet der Schweizer Luca Hänni. Er holte mit dem vierten Platz das beste Ergebnis für die Eidgenossen sei 26 Jahren, seit dem dritten Platz 1993 von Annie Cotton („Moi, tout simplement“). Die S!sters hingegen, Laura Kästel und Carlotta Truman, fügen sich, wenn man von Michael Schultes vierten Platz („You Let Me Walk Alone“) 2018 absieht, nahtlos in die Reihe der Verliererinnen der vergangenen Jahre ein.

          Bei den beiden Deutschen lief vieles schief: Vor allem kamen sie und ihr Lied „Sister“ einfach nicht an. Hinzu kam eine schwache Inszenierung, sichtbare Nervosität bei der erst 19 Jahre alten Carlotta Truman und überhaupt eine Überforderung der beiden jungen Sängerinnen. Sie hatten Spaß am ESC, fielen sich nach ihren Auftritten wie kleine Kinder um den Hals, zeigten damit aber auch, dass sie den Ernst der Veranstaltung offenbar nicht verstanden hatten: Man muss gewinnen wollen, um jeden Preis. Ein Patentrezept gibt es natürlich nicht. Aber es gibt eben nur zwei Mal drei Minuten, die alles entscheiden – zum einen bei der zweiten Generalprobe am Freitagabend, wenn die Juroren abstimmen, zum anderen beim eigentlichen Finale. Sich vorher zudem bekannt zu machen in aller Welt, kann sicherlich nicht schaden. Und das auf vielen Kanälen.

          Junger Gewinner

          Auch Duncan Laurence ist ein noch junger Künstler. Erst in diesem Jahr schloss er seine Ausbildung an der Rock-Akademie in Tilburg ab. Der 1994 in Spijkenisse als Duncan de Moor geborene Sänger nahm wie Laura Kästel und Carlotta Truman an einer Castingshow teil, kam bei „The Voice of Holland“ aber nur ins Halbfinale. Allerdings fand er dort, im Jahr 2014, eine Mentorin, die ihn bis heute begleitet: Ilse DeLange.

          Sie bildete ebenfalls 2014 zusammen mit Waylon das Duo The Common Linnets, das beim ESC in Kopenhagen mit „Calm After The Storm“ auf den zweiten Platz kam. Sie war es auch, die entscheidenden Anteil daran hatte, dass Duncan Laurence ohne Vorentscheid vom niederländischen Sender Avrotros für den ESC ausgewählt wurde.

          Duncan Laurence bei seinem Auftritt in Tel Aviv

          Das Lied „Arcade“ hat Duncan Laurence selbst geschrieben. Es handelt von einer persönlichen Erfahrung, dem Tod einer Person, die er sehr geliebt habe. Er brauche persönliche Inspirationen für seine Songs, sagt Duncan Laurence. „Die Worte, Akkorde und Melodien kamen dann wie von selbst zu mir, als fielen sie vom Himmel.“ Doch erst mit der Hilfe von Joel Sjöö und Wouter Hardy sei daraus auch eine Geschichte geworden, die nicht allein mehr seine sei, sondern viele Menschen anspreche.

          Mit „Arcade“ hatte sich der Niederländer schon klar im zweiten Halbfinale gegen die Konkurrenz durchgesetzt, das erste Halbfinale hatte die Australierin Kate Miller-Heidke mit ihrem Lied „Zero Gravity“ gewonnen, wie die Europäische Rundfunkunion (EBU) am Sonntagmorgen zum Abschluss des 64. ESC in Tel Aviv bekanntgab.

          Gastgeber Israel

          Israel hat sich in den vergangenen Tagen als guter Gastgeber erwiesen. Und auch wenn sich die Regierung weitgehend aus dem ESC heraushielt, nachdem Ministerpräsident Benjamin Netanjahu anfangs noch vollmundig verkündet hatte, der Wettbewerb werde in Jerusalem stattfinden. Das war letztlich nicht durchsetzbar, auch weil der politische Status der geteilten Stadt umstritten ist. Der Grand Prix, bei dem es um Musik, nicht um Politik gehen soll, war dennoch politisch aufgeladen. In einem Land wie Israel lässt sich das gar nicht vermeiden.

          Vorfreude auf den ESC in Tel Aviv

          Doch war eine Politisierung wohl auch von israelischer Seite gewollt. Offensichtlich mit Bedacht wurden zum Beispiel einige der „Postkarten“ des Finales an Orten gedreht, die völkerrechtswidrig von Israel besetzt sind. Moderatorin Lucy Ayoub beschrieb sie während des ESC als „Israels spektakulärste und schönste Orte“ und ging damit über das brisante Thema lapidar hinweg.

          Während vor allem die westeuropäischen Länder strikt darauf achteten, darunter auch Deutschland, sich in dieser Hinsicht nicht angreifbar zu machen, scheint dies mehreren osteuropäischen Staaten nicht so wichtig gewesen sein. Gleich vier Finalisten wurden mit Filmen vor ihren Auftritten vorgestellt, die in besetzten oder umstrittenen Gebieten gedreht wurden: Sergei Lasarew ist vor der Davidszitadelle in der Altstadt Jerusalems zu sehen, die Serbin Nevena Božović war zur Kirschblüte in En Siwan, einer israelischen Siedlung in den nördlichen Golanhöhen, die Albanerin Jonida Maliqi war am Wasserfall Banias, ebenfalls an den Golanhöhen, und die Jüngste des gesamten Feldes, die Weißrussin Zena, besuchte das Rockefeller Museum knapp außerhalb der Altstadt in Ostjerusalem, das von Israel 1980 annektiert worden war, was der UN-Sicherheitsrat noch im selben Jahr für nichtig erklärte.

          Madonnas Auftritt

          Ebenfalls kritisiert wurde die Art und Weise, wie die amerikanische Pop-Diva Madonna für den ESC gewonnen wurde. Sie flog mit Privatjet ein, ohne zuvor einen Vertrag mit der EBU abgeschlossen zu haben. So war erst kurz vor dem Finale überhaupt klar, dass sie auftreten würde. An den offiziellen Generalproben nahm sie nicht teil, im Tagesplan tauchte nur hier und da ein „M“ auf, die Halle war dann jeweils abgesperrt. Für ihren Acht-Minuten-Auftritt bekam die Sechzigjährige von dem in Kanada beheimateten israelischen Milliardär Sylvan Adams angeblich 1,3 Millionen Dollar gezahlt – eine Summe, die der ausrichtende Sender Kan nie hätte aufbringen können.

          Ihre Showeinlage wirkte bombastisch. Zum Dreißigjährigen ihres Liedes „Like A Prayer“ ertönten Kirchenglocken, ein Chor von 35 Mönchen sang dazu auf einer gigantischen Treppe. Danach hatte ihr neuestes Werk „Future“ Premiere, bei dem sie vom amerikanischen Rapper Quavo begleitet wurde. Im Vergleich zu vielen anderen Beiträgen des Abends von jüngeren Künstlern präsentierte sich Madonna, die mal wieder mit Augenklappe auftrat, nicht auf der Höhe der Zeit.

          Für die ESC-Fans viel unterhaltsamer war der Rest der Show, vor allem die Idee, ehemalige Teilnehmer zu bitten, das Lied des anderen zu singen. Conchita Wurst, Gewinnerin von 2014, sang das Lied „Heroes“ von Måns Zelmerlöw (2015), er das Lied „Fuego“ der Zweitplazierten im vergangenen Jahr, der feurigen Eleni Foureira, die sich wiederum Verka Serduchkas „Dancing Lasha Tumbai“ von 2007 vornahm.

          Zu Abschluss alle zusammen

          Die Kunstfigur Verka Serduchka, hinter der sich der Ukrainer Andrij Danylko verbirgt, versuchte sich dann noch an Nettas „Toy“. Zum Abschluss sangen alle gemeinsam mit Gali Atari „Hallelujah“. Gali Atari hatte zusammen mit der israelischen Popgruppe Milk & Honey mit diesem Lied, das zu den bekanntesten Songs der Grand-Prix-Geschichte zählt, 1979 den ESC in Jerusalem gewonnen.

          Der ausrichtende Sender Kan hatte es sich nicht nehmen lassen, alle israelischen ESC-Gewinner am Samstagabend auftreten lassen, neben Netta (2018) und Gali Atari (1979) auch Dana International (1998) und Izhar Cohen, der mit der Band Alphabeta und dem Lied „A-ba-ni-bi“ 1978 gesiegt hatte und nun die Punkte für Israel vergeben durfte.

          Auch die allererste Vertreterin Israels war auf der Bühne: Ilanit, inzwischen 71 Jahre alt, sang ihr Lied „Ey-sham“ von 1973. Sie hat auch eine Ahnung was es heißt, wenn es beim ESC nicht nur um Musik geht: Beim Wettbewerb damals in Luxemburg musste sie im Jahr des Jom-Kippur-Krieges noch eine schusssicher Weste unter ihrem Kleid tragen.

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