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Tagebuch aus Turin (3) : Schweiz im ESC-Finale – Österreich wieder einmal raus

Die ukrainische Band Kalush Orchestra. Bild: AP

Das erste Halbfinale beim Eurovision Song Contest sorgt für einige Überraschungen. Der haushohe Favorit wird seiner Rolle gerecht – mit einem Lied, das in seiner Heimat längst zur Hymne geworden ist.

          4 Min.

          Die gute Nachricht vorneweg: Kalush Orchestra ist im Finale. Alles andere wäre auch ein Unding gewesen, denn auch wer kein Fan von Hip-Hop und Breakdance ist, vermischt mit wunderschönen Volksmusikklängen, die drei Minuten der ukrainischen Band waren die emotional aufgeladensten und insofern auch schönsten am Dienstagabend im ersten Halbfinale in Turin.

          Peter-Philipp Schmitt
          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Das Lied „Stefania“ hatte der Mann, der fast immer einen rosa Stricktopf über dem Kopf trägt, schon lange vor dem Krieg in seiner Heimat geschrieben. Für seine Mutter, wie Oleh Psiuk nicht müde wird zu erzählen. Sie lebt auch noch immer in Kalush im Westen der Ukraine. Das ihr gewidmete Lied ist längst zur Hymne in einem Land geworden, in dem Mütter um ihre Söhne, um ihre Kinder und Enkel und auch ihre Männer trauern müssen, die in einen Krieg ziehen, der ihnen aufgezwungen wurde.

          Der ESC und der Krieg

          Dass sechs Bandmitglieder von Kalush Orchestra in Turin sind, gleicht einem Wunder. Denn eigentlich hatten sie gar nicht den ukrainischen Vorentscheid gewonnen, sie rückten nach, weil die Erstplatzierte Alina Pash 2015 über Moskau auf die von Russland besetzte Krim gereist war, was illegal ist, und darum von einer Teilnahme absah. Dann brach der Krieg aus, einige Bandmitglieder zogen sogar an die Front. Einer kämpft aktuell noch immer in der Ukraine.

          Da auch die anderen alle zwischen 21 und 35 Jahren sind, durften sie nur mit einer Sondergenehmigung aus dem Land und zum Eurovision Song Contest (ESC) nach Turin reisen – erst über Land nach Polen und dann mit dem Flugzeug nach Italien. Um dort ihr Land ganz offiziell zu vertreten, und das tun sie mit ganzem Herzen. Auch mit einem beherzten „Thank You for Supporting Ukraine“ am Ende ihres Auftritts.

          Russland hingegen war einen Tag nach dem Überfall auf die Ukraine, am 25. Februar, vom ESC ausgeschlossen worden, da es den Wettbewerb und seine Werte, für die er steht, in Verruf bringt. Der engste Verbündete Moskaus, Belarus, war in diesem Jahr erst gar nicht eingeplant, denn die Europäische Rundfunkunion (EBU) hatte den Staatssender des Landes, BTRC, schon im Juni 2021 als Mitglied für drei Jahre aus der Union ausgeschlossen, weil der Sender spätestens seit der gefälschten Präsidentenwahl 2020, die Alexandr Lukaschenko an der Macht hielt, nicht mehr für Pressefreiheit eingetreten war und die Arbeit der eigenen Journalisten sogar unterdrückt hatte. So einen EBU-Ausschluss hatte es zuvor beim ESC noch gegen kein Mitglied gegeben.

          Zehn Finalisten stehen fest

          Wie so oft, wurde es am Dienstagabend schon im ersten Halbfinale nervenaufreibend, als die zehn Finalisten bekannt gegeben wurden. Die Ukrainer wurden als achte aufgerufen, was dem Zufall geschuldet war. Denn die Platzierungen der besten Zehn wird erst am frühen Sonntagmorgen veröffentlicht, damit die Rangfolge die Abstimmungen im Finale nicht beeinflussen kann.

          Der Erste der 17 Halbfinalisten, der sich kurz nach 23 Uhr freuen durfte, war ausgerechnet der etwas tapsige Marius Bear, der voller Ekstase um sich schlug, dabei aber nur die kleine Schweizer Fahne auf dem Tisch vor ihm traf. Der Mann aus Appenzell hat eine tolle Reibeisenstimme, die an Joe Cocker erinnert, aber der 29 Jahre alte Schweizer verkauft sich sonst eher unvorteilhaft auf der Bühne. Oder er ist einfach sehr authentisch. Mit ihm im Finale hatten allerdings die wenigsten gerechnet. Aber so konnten er und sein Lied „Boys Do Cry“ einen Salvador-Sobral-Moment feiern.

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