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Deutschland und der ESC : Warum sind Länder wie Italien und Schweden so erfolgreich?

Kein gutes Lied für den ESC: Bei Malik Harris „Rockstars“ sprang kein Funke über. Bild: EPA

Wieder ist der deutsche Beitrag beim Eurovision Song Contest auf dem letzten Platz gelandet. Schuld waren nicht der Künstler und sein Lied, sondern die Verantwortlichen, die ihn nach Turin geschickt haben. Eine Analyse.

          7 Min.

          Die Jury-Punkte und damit die Hälfte aller Punkte waren am frühen Sonntagmorgen schon vergeben, als die Kamera das Sofa der deutschen Delegation im Green Room einfing. Malik Harris war nicht etwa bedröppelt, er lachte, hatte ein Glas in der Hand und machte, als er die Kamera bemerkte, ein Victory-Zeichen. Noch gab es Hoffnung.

          Peter-Philipp Schmitt
          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Zwar hatten er und sein „Rockstars“ von den Jurys aus den 40 am diesjährigen Eurovision Song Contest (ESC) teilnehmenden Ländern als Einzige null Punkte bekommen. Aber jetzt folgten ja noch die Zuschauer-Punkte, und der Deutsche hätte durchaus weit nach vorne springen können – so wie Zdob și Zdub & Frații Advahov aus Moldau, die für ihre lustige Folk-Rock-Punk-Nummer „Trenulețul“ von den Jurys nur 14 Punkte, wenig später von den Zuschauern aber 239 Punkte bekamen und am Ende auf dem siebten Platz landeten.

          Gute Miene zum nicht unbedingt bösen Spiel

          Für Malik Harris gab es ein böses Erwachen: nur sechs Punkte von den Zuschauern. Das muss einen Künstler, der vor allem bei Live-Auftritten sein Publikum begeistern will, ernüchtern. Er machte aber weiter gute Miene zum nicht unbedingt bösen Spiel. Dass einige Länder mit sehr wenigen und einige mit besonders vielen Punkten beim ESC dastehen, hat auch mit dem Bewertungssystem zu tun. Sowohl die Jury-, als auch die Zuschauerwertungen werden in Punkte umgerechnet. Es läuft folgendermaßen: Jedes Jurymitglied, jeweils fünf bilden eine Jury, muss die Beiträge, über die es abstimmen darf, in eine Reihenfolge bringen. Vom seiner Meinung nach Besten bis zum Schlechtesten. Hieraus wird eine Gesamtreihenfolge (Platz eins bis 25) ermittelt. Aus dieser wird dann gemeinsam mit der Gesamtreihenfolge des Zuschauer-Votings die nationale Punktewertung ermittelt.

          Jedes Land kann einem Teilnehmer also bis zu 24 Punkte geben – zwölf durch die Jury, zwölf durch die Zuschauer. Vergeben werden können aber jeweils nur zehnmal Punkte, also eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, zehn und zwölf. Ein Land, das auf den elften Platz kommt, was ja nicht wirklich schlecht ist, bekommt null Punkte. Wenn also Malik Harris 80 Mal auf den elften Platz gekommen sein sollte, hat er am Ende doch nur null Punkte. Da meist einige wenige Länder – in diesem Jahr bei der Jury-Wertung vor allem das Vereinigte Königreich, Schweden, Spanien, die Ukraine, Portugal, Griechenland und Italien – von allen besonders viele Punkte bekommen haben, ist die Wahrscheinlichkeit groß, das der Rest der Finalisten mit sehr wenigen Punkten am Ende dasteht.

          Niemand will Deutschland wegen irgendetwas abstrafen

          Die deutsche Jury – Michelle, Max Giesinger, Tokunbo, Jess Schöne und Christian Brostoch – vergab ihre zwölf Punkte an das Vereinigte Königreich, gefolgt von Ukraine, Spanien, Schweden, Aserbaidschan, Australien, Niederlande, Norwegen, Schweiz und Rumänien, die deutschen Fernsehzuschauer sahen die Ukraine ganz vorne, gefolgt von Moldau, Polen, Serbien, Vereinigtes Königreich, Schweden, Niederlande, Italien, Spanien und Norwegen. Hier erkennt man schon sehr gut, dass bei beiden dieselben sechs Länder von Punkten profitierten.

          Doch an der Punktevergabe liegt es natürlich nicht allein, dass der deutsche Beitrag seit 2015 nun dreimal Letzter und zweimal Vorletzter wurde, dazwischen ragt der vierte Platz von Michael Schulte („You Let Me Walk Alone“) im Jahr 2018 heraus. Auch das Gerede, die anderen Länder würden Deutschland halt nicht mögen oder wegen irgendetwas abstrafen, ist völliger Quatsch. Sicher gibt es Befindlichkeiten, so wie der Krieg gegen die Ukraine den diesjährigen Gewinnern Kalush Orchestra Aufwind bescherte. Aber das gleich 40 Länder von Island bis Australien sich gegen uns verbündeten, ist dann doch sehr weit hergeholt.

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