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ESC-Tagebuch aus Kiew (1) : Singen unter dem „Bogen der Vielfalt“

In Kiew ist das ESC-Fieber schon ausgebrochen Bild: EPA

Der ESC wird vom Krieg zwischen Russland und der Ukraine überschattet. Trotzdem will sich Kiew von seiner besten Seite zeigen. Erste gute Nachrichten von der deutschen Teilnehmerin Levina gibt es schon.

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          Kiew liegt an einem Fluss. Nicht an irgendeinem Fluss, sondern dem drittlängsten Europas. Der Dnjepr, 2201 Kilometer lang, entspringt in Russland, nur 200 Kilometer von Moskau entfernt, und fließt schließlich ins Schwarze Meer. In Kiew hat angeblich jeder Einwohner ein Boot oder kennt zumindest jemanden mit einem Boot, mit dem er über das Wasser läuft und nicht fährt. So zumindest wird es erzählt. Tatsächlich verwenden die alten Kiewer das Wort laufen, wenn sie eigentlich mit ihrem Boot ans andere Ufer fahren. Doch die Anzahl der Boote, die auf dem Dnjepr selbst an einem sommerlichen Wochenende unterwegs sind, ist eher gering und weckt starke Zweifel an der Erzählung. Kiew hat immerhin knapp drei Millionen Einwohner. Der Fluss teilt nicht nur die Stadt, er trennt auch den alten Stadtkern am rechten Ufer von dem Bezirk, der nach dem Fluss benannt ist und in dem der „Eurovision Song Contest“ (ESC) stattfindet. Wer mag, kann mit einem Schiff bis fast vor die Türe des ESC fahren, vorbei an den Sehenswürdigkeiten der mehr als 1500 Jahre alten Stadt.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Da ist zum Beispiel die Nikolai-Kirche, die einzige Kirche Europas, die ins Wasser gebaut ist – wenn auch nur wenige Meter vom Ufer entfernt. Ein Stück weiter erhebt sich der „Bogen der Vielfalt“. Er heißt allerdings nur während des ESC so, weil Teile des aus sowjetischer Zeit stammenden „Denkmals der Völkerfreundschaft“ (zwischen der Ukraine und Russland) in Regenbogenfarben angemalt wurde. Um die Freundschaft der beiden Nachbarn ist es momentan gar nicht gut bestellt, weshalb der 60 Meter breite Bogen auch schon länger zur Disposition steht.

          ESC-Besucher im Fanbereich in der Kiewer Innenstadt

          Den Dnjepr hinab geht es weiter vorbei am Höhlenkloster aus dem elften Jahrhundert (Unesco-Weltkulturerbe!) und der sogenannten Mutter-Heimat-Statue. Die „Eiserne Jungfrau“, die Schild und Schwert in die Höhe reckt, ist noch so ein Relikt aus kommunistischen Zeiten. Mit 62 Metern Höhe gilt sie allerdings inzwischen auch als eine Art Freiheitsstatue. Zudem erinnert sie an den glorreichen Sieg im Großen Vaterländischen Krieg, errungen am 9. Mai 1945 gegen das Deutsche Reich und die Nationalsozialisten. Der gesetzliche Feiertag wird am Dienstag in Kiew begangen.

          10.000 Polizisten sind in der ganzen Stadt im Einsatz beim ESC

          Unterhalb der Kolossalstatue wendet das Schiff und fährt nun gen Osten vorbei an zahllosen Inseln, auf denen sich Angler wie Nudisten – und das mitten in der Stadt – tummeln. Schließlich nähert sich das Boot dem Messegelände auf dem linken Dnjepr-Ufer, dem derzeit am besten bewachten Ort in ganz Kiew. Ohne Akkreditierung oder Ticket hat man keine Chance, auf das ESC-Gelände zu gelangen. Die Straßen drum herum sind durch Metallzäune und Betonblöcke abgesperrt, das Gelände wird zusätzlich durch Polizisten und Kameras rund um die Uhr bewacht. Offiziell sind 10.000 Polizisten in der ganzen Stadt im Einsatz, in den Seitenstraßen lümmeln zudem Soldaten und Nationalgardisten herum – als Reserve für einen Ernstfall. Mit Anschlägen muss nämlich gerechnet werden, hat die Stadt im Vorfeld bekannt gegeben.

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