https://www.faz.net/-gum-8wiv4

Eurovision Song Contest : Ein Aborigine startet beim Grand Prix in Kiew

  • -Aktualisiert am

Jetzt schon im Freudentaumel: Australien schickt Sänger Isaiah Firebrace ins ESC-Rennen nach Kiew Bild: EPA

Isaiah Firebrace wird Australien beim ESC in Kiew vertreten. Als Nachfahre einer indigenen Familie steht er auch für die schwierige Geschichte seines Landes.

          2 Min.

          Am anderen Ende der Welt, in Australien, hat ein junger Mann einen merkwürdigen Traum. Isaiah Firebrace ist 17 Jahre alt, und Singen war ihm schon immer das Liebste. Früher sang er in der Kirche. Dann nahm er an der Casting-Show „X-Factor“ teil, die auch einen Ableger in Australien hat. Schnell schied Isaiah aus und weinte auf der Bühne. Das war ihm peinlich. Die kommenden Monate fuhr er jedes Wochenende von seinem Heimatort Moama in New South Wales ins sechs Stunden entfernte Melbourne, um Gesangsunterricht zu nehmen. Er wollte unbedingt weitermachen. Isaiah bewarb sich wieder bei „X-Factor“, und dieses Mal sang er sich bis zum Sieg. Er weinte wieder auf der Bühne, und es war ihm immer noch peinlich, aber nur noch ein bisschen.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Isaiahs merkwürdiger Traum ist aber ein anderer: Kurz nach seinem Sieg, schon bei der Plattenfirma Sony unter Vertrag, wurde er gefragt, was er in naher Zukunft machen möchte. Und Isaiah, der erst zweimal in seinem Leben in einem Flugzeug gesessen und sich mit Europa vermutlich nur im Erdkundeunterricht beschäftigt hatte, antwortete sofort: „Ich will zum Eurovision Song Contest.“

          Der Gesangswettbewerb findet im Mai in der Ukraine statt. Zum dritten Mal darf Australien daran teilnehmen. Man kann die Bedeutung des Grand Prix für das ferne Land kaum überschätzen. Die Australier sind verrückt nach dem Eurovision Song Contest (ESC), schon seit Jahrzehnten. Was umso bemerkenswerter ist, als dass der Wettbewerb dort in den frühen Morgenstunden ausgestrahlt wird. Doch im Schlafanzug ESC schauen ist in Australien ein Riesenspaß. Richtig zu erklären ist die Begeisterung nicht, aber vermutlich hängt sie auch damit zusammen, dass viele Australier Vorfahren in Europa haben und ein bisschen wehmütig auf den fernen Kontinent schauen. Hinzu kommt die Lust an der Exzentrik und am Wettkampf – auch auf der Bühne.

          Australien im Vorfreudetaumel

          Anfang März hat der Fernsehsender SBS, der den australischen Kandidaten auswählt, Isaiahs Wunsch erhört. Bei den beiden vergangenen Wettbewerben hatte Australien den fünften und den zweiten Platz belegt. Im Mai darf nun Isaiah mit seinem Lied „Don’t Come Easy“ zeigen, was er kann. Bis diese Nachricht offiziell verkündet wurde, musste der Siebzehnjährige zwei Monate schweigen – auch gegenüber seinem Vater, bei dem er seit der Trennung seiner Eltern lebt. Doch jetzt sind Isaiah und ein ganzes Land im Vorfreudentaumel.

          An diesem Punkt könnte die Geschichte des jungen Manns, der für das ESC-begeisterte Australien in Kiew antreten wird, enden. Die Geschichte geht aber weiter, denn Isaiah ist zu einem Symbol für die Nation geworden. Er stammt aus einer indigenen Familie, hat also keine europäischen Vorfahren, sondern gehört zu den Nachfahren der ursprünglichen Bewohner des australischen Kontinents. Australiens Geschichte der Aborigines ist bis heute nicht einfach. Unvergessen ist, dass noch in den sechziger Jahren Kinder aus Aborigine-Familien gerissen und weißen Australiern überlassen wurden. Es waren staatlich geförderte Entführungen. Heute spricht man von der „gestohlenen Generation“. Vorurteile blühen in Australien nach wie vor: Aborigines seien faul und tränken zu viel Alkohol. Dass es trotz einer inzwischen aufgeklärteren Politik bezüglich der indigenen Bevölkerung immer noch Probleme gibt, wird auch daran deutlich, dass Isaiahs Herkunft erwähnt wird, wann immer es um ihn geht. Er soll nun ein singender Botschafter sein und die Kunde vom inzwischen geeinten Australien hinaus in die Welt tragen: Außenministerin Julie Bishop hat Isaiah höchstpersönlich zu einer Gala eingeladen. Der ESC ist in Australien auch eine politische Angelegenheit.

          Isaiah spürt diesen Druck auf seinen Schultern nicht – das sagt er selbst, und diesen Eindruck bekommen auch diejenigen, die ihn auf Einladung der australischen Botschaft näher kennenlernen dürfen. Multikulturalismus ist ein Schlagwort, für das Australien stehen will, für Isaiah bedeutet es, dass jeder so sein kann, wie er will. Er möchte Vorbild sein für andere Jugendliche – egal, ob sie europäische Vorfahren haben oder zu der indigenen Bevölkerung gehören. Isaiah will sich nicht für das große Ganze einnehmen lassen. Ihn interessiert Näherliegendes: Welche Choreographie soll es auf der ESC-Bühne geben? Wird seine Familie mit durch Europa reisen können? Und: Wie ist das Wetter in Kiew?

          Schon seit 1974 ESC-verrückt

          Australien als Teilnehmerland beim Eurovision Song Contest (ESC) ist ein Sonderfall – anders als Israel, das seit 1973 bereits 39 Mal am Grand Prix teilgenommen und dreimal gewonnen hat. Der ESC ist kein rein europäischer Wettbewerb, an ihm dürfen alle Länder teilnehmen, die aktives Mitglied der Europäischen Rundfunkunion (EBU) sind. Neben Aserbaidschan, Armenien und Georgien könnten auch Marokko, Tunesien und der Libanon Künstler entsenden. Doch die muslimisch geprägten Länder nehmen wegen Israel nicht teil.

          Australien ist zwar nur ein assoziiertes Mitglied der EBU, doch ist kaum ein anderes Land so ESC-verrückt wie der Kontinent Down Under. Die Begeisterung geht auf das Jahr 1974 zurück. Damals wurde der Grand Prix nicht nur erstmals in Australien übertragen, in jenem Jahr trat auch zum ersten Mal eine Australierin beim ESC an: Olivia Newton-John. Die gebürtige Britin kam für das Vereinigte Königreich mit „Long Live Love“ nur auf Platz vier. Doch auch dank der damaligen Gewinner aus Schweden – Abba mit „Waterloo“ – hat der Wettbewerb seither eine riesige Fangemeinde in Australien. Im Laufe der Jahre haben immer wieder Australier am ESC teilgenommen – etwa Johnny Logan, der als Sänger 1980 (“What’s Another Year“) und 1987 (“Hold Me Now“) und als Komponist 1992 (“Why Me?“) für Irland gewann. Der Ire Logan wurde 1954 in Frankston bei Melbourne geboren.

          Auch Deutschland trat schon mit einer Australierin an – mit Jane Comerford, die 2006 mit der Gruppe „Texas Lightning“ das von ihr geschriebene Lied „No No Never“ sang. Aus Anlass des 60. ESC-Jubiläums durfte Australien 2015 erstmals am Grand Prix teilnehmen und bekam direkt einen Platz im Finale. Es sei eine einmalige Angelegenheit, hieß es. Doch 2016 war Down Under wieder vertreten: Dami Im kämpfte sich durchs Halbfinale und landete im Finale mit „Sound of Silence“ auf Platz zwei. Isaiah Firebrace wird am 9. Mai im ersten Halbfinale als Nummer drei an den Start gehen. Sollte er für sein Heimatland gewinnen, könnte der nächste ESC schon aufgrund der Zeitverschiebung nicht in Australien stattfinden. Die Liveshow würde irgendwo in Europa ausgerichtet werden – vielleicht sogar in Deutschland. (pps.)

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.