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Tagebuch aus Stockholm (2) : „Jamie-Lee is very hot“

Zwischen Manga und Lana del Rey: Jamie-Lee Bild: dpa

Der Eurovision Song Contest macht sogar die Amerikaner neugierig, und sie finden Jamie-Lee ganz toll. Die drückt sich derweil in Stockholm vor Bootsfahrten und klettert lieber auf Dächer.

          3 Min.

          Sogar die „New York Times“ geht in diesem Jahr auf den „Eurovision Song Contest“ (ESC) ein. Das mag an Conchita Wurst, der Frau mit Bart, liegen, die vor zwei Jahren nach ihrem Sieg für Österreich in den Vereinigten Staaten für einigen Wirbel sorgte. Vielleicht aber taugt der ESC als Kulturgut ja auch als Exportgut – seit Jahren soll ein ACS („American Song Contest“) in Vorbereitung sein, bei dem Künstler aus allen amerikanischen Bundesstaaten gegeneinander antreten würden.

          Peter-Philipp Schmitt
          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Immerhin wird das europäische Finale in diesem Jahr erstmals auch live in Amerika ausgestrahlt, allerdings nur bei dem kleinen Spartensender Logo. 50 Millionen Haushalte könnten auf der anderen Seite des Atlantiks zuschauen – nachmittags um 15 Uhr. Gerüchteweise soll darum auch der schwedische Sender SVT den amerikanischen Popsänger Justin Timberlake für einen Auftritt in Europa gewonnen haben: Demnach soll der Fünfunddreißigjährige mit seinem neuen Hit „Can’t Stop The Feeling!“ im ESC Finale am Samstag vor allem seine Heimat für den Grand Prix  begeistern. Das Gerücht ist wenig glaubhaft, dafür ist der Sender Logo viel zu unbedeutend.

          Apropos Gerüchte

          Die NYT schreibt in ihrer Sonntagsausgabe von der „Weltmeisterschaft für Popsongs“, deren Finale von mehr Menschen (200 Millionen) gesehen werde als der Super Bowl mit seinen durchschnittlich 110 Millionen Fernsehzuschauern. Da liegt die einflussreiche Zeitung falsch, aber wohl unverschuldet, denn mit diesen Zahlen jongliert auch die Europäische Rundfunkunion (EBU) jedes Jahr. Doch nicht einmal wenn man die Zuschauer der beiden Zwischenrunden und des Finals zusammenaddiert (und China und Australien mit berücksichtigt, wo der ESC auch live zu sehen ist), kommen am Ende 200 Millionen heraus.

          Dass es um viel Geld geht, hat auch die „New York Times“ verstanden. Nicht umsonst „springen die Teilnehmer aus dem Vereinigten Königreich, aus Frankreich, Deutschland, Italien und Spanien direkt ins Finale“, denn „ihre nationalen Rundfunkanstalten steuern das meiste Geld bei“. Und darüber hinaus sehr viele Zuschauer, was für die Einschaltquoten wichtig ist.

          Die Abstimmungsregeln nennt die Zeitung zu recht kompliziert („byzantine“). In diesem Jahr ist alles sogar noch einmal komplizierter geworden, dafür aber angeblich auch noch einmal fairer und spannender. Es bleibt bei den Jurys aus jedem Land, die 50 Prozent der Stimmen beisteuern. Ihre Entscheidung wird zuerst bekannt gegeben, danach erst werden die Punkte – von eins bis sieben, acht zehn und zwölf – der Zuschauer hinzuaddiert, beginnend mit dem Land, das bislang die wenigstens Punkte hat. Im besten Fall bleibt das Rennen so bis zum Schluss offen und es steht nicht schon vorher fest, wer uneinholbar vorne liegt. Wer es genau wissen will, dem sei dieses Video der EBU empfohlen:

          Ja, die Frisur sitzt: Amir (hier beim Fotoshooting in Stockholm) tritt für Frankreich an.
          Ja, die Frisur sitzt: Amir (hier beim Fotoshooting in Stockholm) tritt für Frankreich an. : Bild: AFP

          Lustig ist der nächste Abschnitt in der NYT: Er ist überschrieben mit „Who’s hot this year?“ Und da steht offenbar nach Meinung der amerikanischen Experten „Ms. Kriewitz“ ziemlich weit oben, deren Aussehen von japanischem Manga inspiriert sei und deren Stimme an Lana Del Rey erinnere. An zweiter Stelle nach der Deutschen Jamie-Lee (neuerdings bitte ohne Kriewitz) folgen Dami Im aus Australien, der Russe Sergeij Lasarew und zum Schluss der Franzose Amir, der tunesische und marokkanische Wurzeln hat. Er repräsentiere das multikulturelle Paris. Nach den Terror-Anschlägen im November auf eine Konzerthalle dürften ihm darum die Sympathien sicher sein, heißt es in dem Artikel weiter.

          Jamie-Lee wollte lieber mit Michi Beck aufs Dach steigen, statt im Boot sitzen
          Jamie-Lee wollte lieber mit Michi Beck aufs Dach steigen, statt im Boot sitzen : Bild: dpa

          Ganz so einfach ist es nicht mit den Sympathien beim ESC. Schon gar nicht, wenn daraus Punkte und vordere Plätze werden sollen. Doch um Sympathien bemühen sich in Stockholm alle Teilnehmer. Die Künstler sind, wenn sie nicht gerade auf der großen Bühne der Globe Arena stehen, und das tun sie wie im Fall von Jamie-Lee sechs Mal vor dem Finale, in der Stadt unterwegs, um schöne Bilder für daheim oder noch besser ganz Europa zu produzieren. Darum auch treten die Künstler gerne mal in Gruppen auf, da ist ihnen eine Schlagzeile im anderen Land, wo ja Stimmen zu holen sind, sicher.

          Jamie-Lee zum Beispiel war schon mit der dänischen Gruppe Lighthouse X im Vergnügungspark Gröna Lund auf der zu Stockholm gehörenden Halbinsel Djurgårdena. Traditionell wird der deutsche Kandidat auch noch vom deutschen Botschafter des jeweiligen Landes in seiner Residenz empfangen – zusammen mit dem Teilnehmer des Gastgeberlandes. In diesem Fall ist das der erst 17 Jahre alte Schwede Frans. 

          Ansonsten macht sich Jamie-Lee aber rar: Eine Bootstour, die sich in Stockholm anbieten würde und in den vergangenen Jahren an den Austragungsorten oft stattgefunden hat, wollte die Achtzehnjährige nicht machen. Dafür ist sie mit ihren beiden Mentoren, Michi Beck und Smudo, von der Band Die Fantastischen Vier, die sie seit ihrer Zeit bei der Casting-Show „The Voice of Germany“ beraten, aufs Dach des schwedischen Reichstags geklettert – zwar alleine, aber es gibt natürlich schöne Bilder davon.

          Danach ging es weiter ins Freilichtmuseum Skansen, wo Jamie-Lee unter anderem auch „echte schwedische Elche“ traf, wie es in der Pressemitteilung des NDR heißt. Dass die Veganerin Jamie-Lee, die sich auch für die Tierrechtsorganisation Peta mit einer Kampagne stark macht, von den eingesperrten Tieren wenig begeistert gewesen sein dürfte, bleibt allerdings lieber unerwähnt.

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