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Tagebuch aus Stockholm (3) : Zehn Sekunden Stille sind auch gut fürs Finale

Douwe Bob aus den Niederlanden nahm sein Lied „Slow Down“ im ersten Halbfinale wörtlich – und setzte mitten im Song zehn Sekunden mit dem Gesang aus Bild: AP

Die ersten Finalisten des Eurovision Song Contest stehen fest, daran konnte auch ein Skandälchen aus Russland im ersten Halbfinale nichts ändern. Viele Bands setzen weiter mehr auf Klimbim denn auf ihre musikalischen Fähigkeiten.

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          Die Wahl fiel auf Pfirsich-Rosé, nicht auf Weiß. Dazu singt sie einen französischen Chanson, keine englische Popnummer. Ansonsten könnte hinter dem pausbäckigen Mädchen aus Österreich, dem eine Zahnlücke gut zu Gesicht stehen würde, auch Ralph Siegel stecken. Aber der ist in diesem Jahr gar nicht im Wettbewerb vertreten. Und nicht dass jemand das falsch versteht: Zoé Straub ist reizend, wie sie da in ihrer Seidenorganza-Robe beschwingt vor einer quietschbunten Alice-im-Wunderland-Welt steht. Ihr Kleid sei märchenhaft, sagt sie.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Nicht ganz so märchenhaft war am Dienstagabend ihr Einzug ins Finale des „Eurovision Song Contest“ am Samstag in Stockholm. Denn ihr „Loin d'ici“ (Weit weg von hier) ist so lieblich, dass sich kaum jemand dem Lied entziehen kann. Die Neunzehnjährige, Tochter des Gründers der Wiener Gruppe Papermoon, Christof Straub, vergoss schon erste Tränen am Ende ihres Auftritts. Als sie als sechste der zehn Glücklichen aufgerufen wurde, die in die Endrunde einziehen, öffneten sich schon wieder die Schleusen. Drei lange Jahre habe es gedauert, bis der ESC wieder nach Schweden kam, sagte Petra Mede zu Beginn des Abends. Und drei Jahre habe sie nichts anderes gemacht, als zuhause auf der Couch zu sitzen und darauf zu warten, den Grand Prix ein zweites Mal moderieren zu dürfen.

          Auch Malta ist wieder dabei: Ira Losco schaffte es mit ihrem Song „Walk On Water“ ins Finale

          Diese Ehre ist nicht vielen ihrer Kollegen bisher zu teil geworden, seit 1974 eigentlich keinem mehr. Allerdings teilt sich die schwedische Anke Engelke die Gastgeberrolle in diesem Jahr mit Måns Zelmerlöw, dem Gewinner des vergangenen Jahres. Der Mann aus Lund präsentierte gleich zur Einstimmung seinen Siegertitel „Heroes“, der in Wien vor einem Jahr vor allem in Kombination mit einem animierten Strichmännchen überzeugte. Die Rolle übernahm jetzt ein lebendiger kleiner, natürlich strohblonder Schweden-Bub, der genau wie die leblose Figur an einem roten Ballon in die Lüfte steigt. Zum Schluss tauchte eine ganze Armee von Kindern auf, 44 Mädchen und Buben von einer Stockholmer Tanzschule. Das war hübsch anzusehen und folgte der perfekten Choreographie von Wien. Doch ob der 29 Jahre alte Zelmerlöw auch mit dieser eher bieder-braven Nummer den ESC 2015 in Österreichs Hauptstadt gewonnen hätte? Wohl kaum.

          Bei vielen der Auftritte beim ESC gehen die Musik, der Gesang fast unter vor lauter Spektakel. Statt Pyrotechnik gibt es heute LED-Wände, die alles zustande bringen können. Die Aserbaidschanerin Samra etwa kommt nicht nur aus dem „Land des Feuers“, sie versprühte auch jede Menge Flammen und ließ von oben Funkenkaskaden regnen. Zu ihrem „Miracle“ bewegte sie lasziv ihre Hüften in einem goldfarbenen Catsuit und ließ sich von Muskelmännern umtanzen, die in ihrer Kluft wie Footballspieler wirkten. Die Einundzwanzigjährige kann übrigens auch gut singen.

          Doch ums Singen allein geht es eben nicht, wie sich beim Esten Jüri Pootsmann zeigte. Er hat eine markante tiefe Stimme, ein ungewöhnliches und eingängiges Lied, aber leider fehlt ihm die zu „Play“ passende Coolness. Da halfen auch die kleinen Zaubertricks mit Spielkarten nicht, den Playboy nahm man dem Einundzwanzigjährigen nicht ab. Ganz anders hingegen der Ungar Freddie und der Niederländer Douwe Bob. Beide könnten auch das Finale gewinnen. Freddie, der eigentlich Gábor Alfréd Fehérvári heißt, singt „Pioneer“ mit seiner joecockerhaften Stimme nahezu perfekt, dadurch wirkt die Pop-Ballade nach mehr, als sie eigentlich ist.  Und Douwe Bob, der Mann aus Amsterdam, ist einfach eine „coole Sau“. Mitten im Lied hört er für zehn Sekunden auf zu singen. Schließlich handelt es von Entschleunigung und heißt „Slow Down“. Zu der Country-Nummer, die Johnny Cash alle Ehre machen würde, drehen sich die Zeiger einer Uhr langsam rückwärts. Es sei auch ein Protestsong gegen die heutigen Ansprüche unserer Gesellschaft, sagt der Dreiundzwanzigjährige aus Amsterdam. Das mag sein, aber auch ohne eine philosophische Erklärung muss man das Lied einfach mögen.

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