https://www.faz.net/-gum-83jcc

Tagebuch aus Wien (4) : Mit ein bisschen Frieden ins Finale

Bojana Stamenow: Das musikalische Kraftpaket aus Belgrad zieht ins Finale. Bild: AFP

Das erste Halbfinale des Eurovision Song Contests enttäuscht: Die Moderatorinnen wirken wie Judith Rakers im Dreierpack. Zu hören gab es viele langweilige Nummern. Nur zwei der gewählten Finalisten haben das Weiterkommen wirklich verdient.

          5 Min.

          „Wir sind Song Contest“. Mit diesem eindeutig aus Deutschland geklauten Slogan wirbt der alles beherrschende öffentlich-rechtliche Rundfunk dieser Tage in Österreich. Doch selbst wenn wir und Österreich vielleicht schon Song Contest sind, der ORF muss sich noch ganz schön anstrengen, wenn er beweisen will, dass er ist, was er meint zu sein. Das erste Halbfinale am Dienstagabend in der Wiener Stadthalle schleppte sich ziemlich dahin, was vor allem mit den drei Moderatorinnen des Abends zu tun hatte: Alice Tumler, Arabella Kiesbauer und Mirjam Weichselbraun.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Die drei Damen sind ungefähr so lustig und Esprit geladen wie es Judith Rakers vor vier Jahren beim in Deutschland stattfindenden Eurovision Song Contest (ESC) in Düsseldorf war. Rakers, die auch nur, wenn möglich, fehlerfrei Nachrichten vorlesen sollte, hatte damals wenigstens Stefan Raab und Anke Engelke an ihrer Seite. In Wien aber standen gleich drei Judith Rakers auf der Bühne, strahlten um die Wette und waren auf erschreckende Weise nicht  unterhaltsam. Was für eine wunderbare Show hatte doch im vergangenen Jahr Pilou Asbæk in Kopenhagen abgeliefert, ganz zu schweigen von der sensationellen Petra Mede vor zwei Jahren in Malmö.

          Eine Katze schlemmt am Naschmarkt

          Wien, die Stadt, die angeblich im Song-Contest-Fieber ist, durften die vermeintlichen Haustiere von Alice, Mirjam und Arabella erkunden – ausgestattet mit einer Kamera auf dem Kopf oder am Hals. So landete ein Pferd im Kunsthistorischen Museum, ein Hund fuhr Kettenkarussell am Prater, eine Katze schlemmte am Naschmarkt. Da hatte jemand eine Idee und merkte nicht, dass sie alles andere als gut war. Gottseidank aber hat der ORF Conchita Wurst. Selbst wer sie nicht mag, konnte endlich einmal dankbar sein, dass wenigstens eine „Frau“ an dem Abend charmant, witzig und perfekte Gastgeberin war.

          „Building Bridges“ lautet das Motto des diesjährigen 60. Eurovision Song Contest. Und Brücken werden bis nach Australien gebaut, denn auch dort durften erstmals die Fernsehzuschauer bei einem Grand Prix mit abstimmen, zu sehr früher Morgenstunde. Wen oder was sie gewählt haben, wird vorläufig nicht verraten, doch wer von den 16 Kandidaten ins Finale eingezogen ist, stand um kurz nach 23 Uhr Wiener Zeit fest. Acht Länder aus dem ehemaligen Ostblock kamen weiter und nur zwei aus dem Westen. Doch mit Australien im Song-Contest-Boot und außerdem gut 25 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, sollte das Ost-West-Denken vielleicht langsam überwunden sein.

          Nina Sublatti aus Georgien schafft es ebenfalls unter die ersten zehn Finalisten. Bilderstrecke

          Das erste Halbfinale war schwach besetzt. Viele Nummern waren langweilig und wie aus der Zeit gefallen. Gleich der Erste auf der Bühne ließ erschaudern. Eduard Romanyuta bot einen Eminem-Madonna-Verschnitt aus den Neunzigern. Bei seinem „I Want Your Love“ tanzten spärlich bekleidete Politessen und Polizisten wie bei einer Striptease-Show um ihn herum. Zum Höhepunkt wurde ihm das Shirt vom Leib gerissen, und er machte einen Salto rückwärts. Das sinnentleerte Lied mitsamt seiner Choreographie bleibt uns im Finale erspart.

          Weiter allerdings sind alle wohlmeinenden Beiträge, was schon ein wenig verwundert. Denn der Auftritt von Boggie aus Ungarn, die eigentlich Boglárka Csemer heißt, ist ziemlich fad. Sie singt in „Wars For Nothing“ davon, dass Kriege für nichts gut sind und die Erde überhaupt ziemlich in Unordnung ist. Das ist natürlich traurig, und genau so bringt sie es auch rüber.

          Russische Sängerinnen können aufatmen

          Rumänien hat die Pop-Rockband Voltaj geschickt, die 1982 gegründet wurde, aber erst 14 Jahre später ihr erstes Album herausbrachte. Sie setzt sich für rumänische Kinder ein, die von ihren Eltern verlassen wurden, um im Ausland zu arbeiten. Darum zeigen die LED-Wände der Bühne Kinder, die Briefe schreiben oder die telefonieren. Auch das ist aller Ehren wert, doch wird ihre Ballade dadurch nicht besser, die so heißt, wie ihre Hilfsorganisation: „De La Capăt“ (Noch einmal von vorne).

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Rennen um SPD-Spitze : Das Duell der Ungleichen

          Scholz zieht den Säbel, Geywitz sekundiert: Ihre Gegner, Esken und Walter-Borjans, Lieblingskandidaten der Jusos, sehen im direkten Duell der SPD-Spitzenkandidaten blass aus. Ein Abend im Willy-Brandt-Haus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.