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Tagebuch aus Wien (5) : Die Kutscher lieben den ESC

ESC-Fans vor dem Wiener Rathaus – im Hintergrund ist das Burgtheater zu sehen. Bild: dpa

Ein Wiener Institut hat die Wirtschaftssteigerung durch den Eurovision Song Contest untersucht: Die Hauptstadt Österreichs profitiert kräftig vom größten Musikspektakel der Welt. Kutscher und Pralinenverkäufer geraten ins Schwärmen.

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          Das günstigste Hotel während des Eurovision Song Contest in Wien trägt einen sehr passenden Namen. „Lenas“ heißt das Haus im 14. Bezirk und erinnert damit unfreiwillig an die deutsche Gewinnerin des Gesangwettbewerbs von 2010, Lena Meyer-Landrut. Die Unterkunft liegt zwar recht weit ab vom Schuss, zehn Kilometer westlich der Stadthalle, wo an diesem Samstag die beste europäische Musikdarbietung gekürt wird. Dafür ist das Doppelzimmer unschlagbar billig, 49 Euro kostet die Nacht. Allerdings gibt es kaum noch freie Zimmer in der Herberge. Ähnlich sieht es anderswo aus. Sogar das teuerste Hotel auf der Liste des Online-Vermittler HRS, das „Palais Coburg“ in der Innenstadt, hat nur noch zwei freie Zimmer – zu je 895 Euro.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Mit 30.000 zusätzlichen Übernachtungsgästen wegen des Großevents rechnet die Stadt: Wien ist weitgehend ausgebucht, denn Wien steht kopf. Schon Tage vor dem Finale hat ein Riesenrummel um die wichtigste Musikshow der Welt eingesetzt. Die Donaustadt darf das Spektakel „heuer“ ausrichten, weil im vergangenen Jahr ein Österreicher den begehrten Preis gewann, der Travestie-Künstler Thomas Neuwirth. Seine Bühnenfigur, die bärtige Sängerin Conchita Wurst, hat dem Sängerwettstreit der Europäischen Rundfunkunion frisches Leben eingehaucht. Davon profitiert nicht nur das kulturelle und soziale Leben in Wien und darüber hinaus, sondern auch die Wirtschaft.

          Die Hoteliers frohlocken – und setzen die Preise herauf, desgleichen die Gastronomen, Taxifahrer, Clubbesitzer, Prostituierten. Ein Fiaker-Fahrer an der Hofburg sagt, er kutschiere derzeit auffallend viele männliche Paare durch die Gassen. „Erst dachte ich: Nanu? Aber die Burschen geben ein feines Trinkgeld!“ Auch eine Pralinenbäckerin berichtet, dass das Geld der Fans locker sitze. „Einmal kam eine ganze Gruppe aus Schweden rein, die haben sich alle gegenseitig Schokolade geschenkt, richtig herzig.“ Das Wiener Institut für Höhere Studien hat die Effekte genauer untersucht. Die ESC abgekürzte Veranstaltung erwirtschafte eine Bruttowertschöpfung von 38,1 Millionen Euro, teilt die Wirtschaftsforschungseinrichtung mit. Allein 27,8 Millionen Euro oder 73 Prozent kämen Wien zugute. Unter Bruttowertschöpfung verstehen Ökonomen den Wert aller produzierten Waren und Dienstleistungen abzüglich der Vorleistungen. Bei der Pralinenbäckerin zum Beispiel berechnet sich dieser Mehrwert aus dem Preis der verkauften Präsentschachteln abzüglich Kosten für Zutaten, Verpackung, Strom, Miete und anderes.

          Der Fiskus frohlockt

          Die von den Wissenschaftlern ermittelten Einnahmen aus dem ESC garantierten ein Jahr lang 562 Vollzeitstellen, 416 davon in Wien. Das klingt viel, ist aber ein Tropfen auf den heißen Stein, die Stadt zählt 122.350 Arbeitslose. Doch besser wenig als nichts, sagen die Forscher. Allein in Hotellerie und Gastronomie könnten rund 150 Arbeitsplätze gesichert werden. Ähnliches gelte für die Veranstalter selbst und die Künstler, für die Manager und Journalisten. Kräftig profitieren auch die Beschäftigten im Rundfunk, in Werbung und Marktforschung, im Einzelhandel und im Bauinstallationsgewerbe.

          Der Massenandrang auf den Straßen und an den Fernsehschirmen nutzt nicht zuletzt dem ewig klammen österreichischen Fiskus. Das Forschungsinstitut beziffert die Steuereinnahmen auf 16 Millionen Euro. Rund 6 Millionen fließen der Zentralregierung zu, ähnlich viel den Sozialkassen. Hingegen bleiben nur 0,9 Millionen Euro im Wiener Stadtsäckel hängen.

          Mehr Investoren und Touristen

          Wertschöpfung und Steuereinnahmen sind nichts verglichen mit einem weiteren wirtschaftlichen Effekt, der Imagesteigerung. Dieser Werbewert ist schwer zu berechnen, die Veranstalter haben ihn in den vergangenen Jahren auf etwa 100 Millionen Euro beziffert. Die Wirkung hängt stark von der Art und dem Umfang der Verbreitung ab. In diesem Jahr sorgen 1700 Journalisten, 2000 Delegierte aus den vierzig Teilnehmerländern und vor allem 200 Millionen Fernsehzuschauer in aller Welt dafür, dass Wien und Österreich bekannter werden und deshalb im besten Falle mehr Investoren und Touristen anziehen.

          Zu den Kosten sagt die Studie nichts. Früheren Angaben zufolge hat Wien dafür 11,7 Millionen Euro budgetiert, den Großteil davon für den Umbau der Stadthalle. Die Standortmarketinginitiative Österreich Werbung erhielt einen Sonderetat von 1,2 Millionen Euro. Tief greift auch der öffentlich-rechtliche Fernsehsender ORF für diesen bisher größten Auftrag seiner Geschichte in die Tasche. Nach Recherchen der Zeitung „Standard“ übersteigen die Ausgaben die Einnahmen um 15 Millionen Euro. Es gibt manche skurrile staatliche Investitionen rund um den ESC. Dazu gehören Lautsprecher unter Kanaldeckeln, aus denen Conchita Wurst trällert, sowie politisch korrekte Ampelmännchen: homosexuelle Piktogramme, die sich an den Händen halten.

          Zu Wichtigerem hat der Modernisierungsschub nicht gereicht, etwa zur Lockerung der Ladenschlusszeiten. Auch während der Feierwoche sperren die meisten Geschäfte um 19 Uhr zu, am Finalsamstag vielerorts gegen 17 Uhr. Am Sonntag sollte eigentlich eine Sonderregelung gelten, eine „Lex ESC“ sozusagen, damit das junge, hippe und kaufkräftige internationale Publikum sein Geld hätte ausgeben können. Das hatten sich Bürgermeister Michael Häupl und Tausende Einheimische und Besucher gewünscht. Doch die Geschäfte bleiben zu. Nicht etwa, weil die mächtige katholische Kirche mit Verweis auf die christliche Sonntagsruhe darauf gedrungen hätte, sondern weil sich Arbeitgeber und Gewerkschaften nicht einmal auf einen Sitzungstermin zu dieser Frage einigen konnten. Statt einzukaufen, werden die Besucher also wohl ausgehen: Die Bar im „Lenas“ ist rund um die Uhr geöffnet.

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