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ESC-Tagebuch aus Kiew (3) : Erlöser aus Portugal ist der Geheimfavorit

Gilt als Geheimfavorit beim ESC: Der Portugiese Salvador Sobral Bild: AFP

Ein portugiesisches Liebeslied betört beim Halbfinale des Eurovision Song Contest das Publikum in Kiew. Doch auch Belgien und Moldau sind im Finale noch für eine Überraschung gut. Und ein Land, das erst seit kurzem teilnimmt, könnte ganz tief fallen.

          Salvador Sobral könnte seinem Namen alle Ehre machen. Salvador, das heißt auf Portugiesisch Retter oder Erlöser. Und Portugal, 49 Mal beim „Eurovision Song Contest“ (ESC) dabei, kein Mal auch nur in der Nähe der ersten Plätze, hätte nach so langer Zeit einen Sieg verdient. Der 27 Jahre alte Sobral, dem seine zwei Jahre ältere Schwester Luisa das zarte Liebeslied „Amar Pelos Dois“ (Liebe für zwei) auf den Leib geschrieben hat, wird inzwischen als Geheimfavorit gehandelt. Italien oder Portugal heißt es in Kiew nur noch. Gerade weil Sobral so anders ist, so verletzlich wirkt, so echt und ungekünstelt in seinen eigenartigen Bewegungen und seinem präzisen Gesang, verzückt er das Publikum.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Sobald er einsam auf der kleinen Vorbühne steht, die Hauptbühne ist ihm offenbar viel zu groß, kehrt Stille ein. Als einziger Künstler bekam Sobral am Dienstagabend im ersten Halbfinale des diesjährigen Song Contest Applaus schon bevor er sein Lied beendet hatte. Portugal durfte sich mit dem Mann aus Lissabon, der aus einer alten Adelsfamilie stammt, als fünftes Land über den Finaleinzug freuen. Dabei wurden die Namen der Finalisten in zufälliger Reihenfolge verlesen. Erst nach dem Finale wird auch die Rangfolge mitgeteilt.

          Die Inszenierung nervt

          Von 18 Ländern in der ersten Zwischenrunde kamen zehn weiter. Größte Überraschung waren Australien und der erst 17 Jahre alte Isaiah Firebrace mit „Don’t Come Easy“. Dass er wirklich singen kann, hat der Aborigine bislang noch nicht recht zeigen können. Zu nervös scheint er zu sein. Dazu nervt die Inszenierung: Isaiah ist augenscheinlich ein Kind der Selfie-Generation, über die LED-Wand im Hintergrund der Bühne flimmert nur – Isaiah. Überlebensgroß und wenigstens lächelnd. Das bekommt die animierte Version schon ganz gut hin.

          Freuen darf man sich im Finale auf Moldau. Die Gute-Laune-Nummer vom Sunstroke Project begeistert fast jeden. Klassische Violine, Jazz-Saxophon und Gesang sind eine wohl einzigartige Kombination. Vor allem der Saxophonist Serghei Stepanov hat seit 2010 eine eingeschworene ESC-Fan-Gemeinde. Vor sieben Jahren nahm das Trio mit der Sängerin Olia Tira und „Run Away“ schon einmal am Grand Prix teil, und Stepanovs Saxophon-Solo verbreitete sich danach viral in Endlosschleife auf Youtube: Bis heute sahen sich das Video mehr als 26 Millionen Menschen an. Dieses Mal sind sie mit dem Electro-House-Song „Hey Mamma“ angereist – er passt bestens zum Muttertag am kommenden Sonntag.

          Hochverdient steht auch Blanche mit „City Lights“ für Belgien im Finale. Die ebenfalls erst 17 Jahre alte Sängerin, ebenfalls sichtlich nervös, hat eine wunderbare Alt-Stimme. Ihr Lächeln, als sie merkte, wie gut ihr Lied ankam, war bezaubernd. Bis zum Finale aber muss sie sich gehörig steigern, wenn sie einen vorderen Platz ergattern will.

          Steigern sollten sich auch noch die drei Moderatoren, die sich die meiste Zeit darin gefallen, über ihr famoses Aussehen Witze zu reißen. Ausgerechnet in Kiew wird als Motto die Vielfalt gefeiert („Celebrate Diversity“), und dann stehen zum ersten Mal überhaupt nur Männer auf der Bühne und führen durch die beiden Halbfinals und auch das Finale am Samstagabend. Woldimir Ostaptschuk, Aleksander Skitschko und Timur Miroschnitschenko lesen eher gelangweilt ihre Sprüche von den vorgefertigten Karten ab. Viele ihrer vermeintlichen Pointen sind echte Rohrkrepierer. Das hat weder Pepp noch Esprit und ist eigentlich eine Zumutung für die 8000 Zuschauer in der Halle des Internationalen Ausstellungszentrums und auch für die Zuschauer an den Fernsehbildschirmen.

          Ein Lichtblick ist Verka Serduschka, die ukrainische Trash- und Dancesängerin, hinter der eigentlich der Künstler Andrej Danylko steckt. Der inzwischen Dreiundvierzigjährige hatte beim „Eurovision Song Contest“ 2007 in Helsinki mit dem Titel „Dancing Lasha Tumbai“ den zweiten Platz belegt. Er sorgte damals für Furore, weil seine sinnfreie Textstelle „Lasha Tumbai“ als „Russia Goodbye“ (Auf Wiedersehen Russland) verstanden werden konnte.

          ESC is watching you: Der Australier Isaiah Firebrace setzt voll auf den Eindruck einer LED-Show Bilderstrecke

          Beim ESC im eigenen Land darf die dralle Dame mit der dicken Brille und dem silbernen Stern auf dem Kopf nun natürlich nicht fehlen. Sie stellt mit ihrer vermeintlichen Mutter die Stadt Kiew vor. Mit ihr marschiert sie erst einmal zum Unabhängigkeitsplatz Majdan. Doch auf dem Weg werden die beiden von einer Straßenkehr-Maschine von oben bis unten mit Wasser vollgespritzt. Also geht es weiter zu Dolce & Gabanna, die die beiden Damen einkleiden – passend in ukrainische Tracht.

          Doch am Majdan angekommen, werden sie von den weißen Tauben, die sie mit einer Kinderschar fliegen lassen und die ein Herz in der Luft formen, voll gekackt. Am Ende reicht noch nicht einmal die Farbe, um das Denkmal der Völkerfreundschaft in einen „Regenbogen der Vielfalt“ zu verwandeln. Willkommen in Kiew – wird fortgesetzt!

          Mithilfe der Hitmaschine

          Es gab übrigens Petitionen, die sich für Verka Serduschka als Moderatorin für den ESC in Kiew aussprachen. Leider vergeblich. Vielleicht aber ist sie ja doch auch im Finale mit dabei. Dort zumindest gibt es ein Wiedersehen mit dem Schweden Robin Bengtsson („I Can’t Go“), der Aserbaidschanerin Dihaj („Skeletons“), die ein sehenswertes Kammerspiel wie von Bertolt Brecht aufführt, mit der Griechin Demy (This Is Love“), der Polin Kasia Moś („Flashlight“), der Armenierin Artsvik (Fly With Me“) und dem Zyprioten Hovig (Gravity“).

          Am Bogen der ukrainisch-russischen Freundschaft: Die Farben wurden unter Polizeischutz aufgetragen. Öffnen

          Hovig Demirjan hat sich schon zweimal vergeblich für seine Heimat um eine ESC-Teilnahme beworben – 2010 und 2015. Nun hat es der Achtundzwanzigjährige mithilfe einer sogenannten Hitmaschine geschafft. Der Schwede Thomas Gustafsson (besser als Thomas G:son bekannt) hat schon mehr als 80 Lieder für nationale Vorentscheide komponiert und geschrieben, davon 47 für den schwedischen Vorentscheid Melodifestivalen. Sein größter Erfolg zusammen mit Peter Boström  war der Sieg 2012 mit „Euphoria“, gesungen von Loreen. Das wird G:son dieses Mal sicher nicht gelingen. Schon der Einzug ins Finale ist für Horvig ein Erfolg.

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          Die ersten zehn Finalisten beim ESC

          Armenien
          Aserbaidschan
          Australien
          Belgien
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