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Eurovision Song Contest : Ernsthaft mit Stefan Raab nach Oslo

Raab hatte ganz unterschiedliche Persönlichkeiten und musikalische Stilrichtungen versprochen Bild: obs

Wer sich bei „Unser Star für Oslo“ auf ein Spektakel gefreut hatte, mit Demütigungen, Beleidigungen, Anfeindungen oder doch wenigstens mit ein wenig Glamour, wurde enttäuscht. Bieder und brav kamen Stefan Raab und seine beiden ersten Mit-Juroren Yvonne Catterfeld und Marius Müller-Westernhagen daher.

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          Zumindest eine hatte sichtbar Spaß: Die 18 Jahre alte Abiturientin Lena Meyer-Landrut aus Hannover, die als letzte auf die Bühne trat und im kurzen grünen Kleid das ungewöhnliche Lied der Britin Adele „My Same“ mit solcher Begeisterung zur Aufführung brachte, dass es wohl jeden im Publikum überraschte.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Der Jury-Präsident war „gekickt“ und „geflasht“, Marius Müller-Westernhagen sprach sogar von „Star-Appeal“. Die Favoritin stand damit fest - und schaffte es am Ende auch beim alles entscheidenden Zuschauer-Votum in die nächste Runde. Ob sie in zwei Wochen dann allerdings ein anderes Lied genauso „geil“ (Stefan Raab) rüberbringen kann, wie das eine, das so merkwürdig klingt und wohl darum so perfekt am Dienstagabend zu der Jüngsten im Felde passte, kann man schon jetzt bezweifeln.

          Lena sang am Ende eines Abends, der viel zu gemächlich dahin plätscherte. Wer sich auf ein Spektakel gefreut hatte, mit Demütigungen, Beleidigungen, Anfeindungen oder doch wenigstens mit ein wenig Glamour, wurde enttäuscht. Gesucht wird „Unser Star für Oslo“, angetreten waren in der ersten Sendung zehn Kandidaten, die so gar nicht der Anforderung „Star“ entsprachen.

          Raab hatte ganz unterschiedliche Persönlichkeiten und musikalische Stilrichtungen versprochen Bilderstrecke

          Raab hatte ganz unterschiedliche Persönlichkeiten und musikalische Stilrichtungen versprochen. Doch so ganz anders waren die Zehn und ihre Lieder letztlich nicht, auch wenn der Sportstudent aus Hannover „Hotel California“ von den Eagles sang, die Verkäuferin aus Köln Pinks „Nobody Knows“. Die fünf Frauen und fünf Männer waren schlichtweg normale Menschen in Jeans und T-Shirt, die allerdings ganz gut singen können (und dabei auf ziemlich gleiche Weise von der „TV-Total“-Band Heavy Tones begleitet wurden). Mehr wurde von den Kandidaten (und wohl auch von der Show) nicht verlangt. Und das war womöglich fürs Publikum ein bisschen wenig.

          „Eine nationale Aufgabe“

          Stefan Raab ist es ernst. Sehr ernst. Das hat er im Vorfeld oft genug gesagt. Schließlich handelt es sich ja auch um nichts weniger als eine „nationale Aufgabe“, bei der sich Raab als „Trümmerfrau des ESC“ empfindet. Niemand bezweifelte wohl ernsthaft seine Ernsthaftigkeit - oder etwa doch? Immerhin hatte der Pro-Sieben-Mann sich mit dem öffentlich-rechtlichen Ersten eingelassen und schon mindestens zweimal zuvor bewiesen, dass eine null acht fünfzehn Castingshow unter seiner Leitung zu einer echten Talentschau werden kann - auch wenn seine Superstar-Suchen stets Bestandteil seiner „TV Total“-Albereien waren. Hervorgebracht hat er dabei zwei durchaus ernstzunehmende Sänger: Max Mutzke und Stefanie Heinzmann.

          Nun darf Stefan Raab den deutschen Kandidaten für den diesjährigen „Eurovision Song Contest“ Ende Mai in Oslo suchen. Dass der NDR für den Grand Prix seit Jahren eigentlich zuständig und auch federführend ist, war am Dienstagabend nicht zu merken. Schon vorher war die ungewöhnliche Kooperation der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt als Schwäche ausgelegt worden. Und Pro Sieben und Raab nutzen das einmalige Angebot auch aus. So haben sie sich den Hauptanteil der Sendungen gesichert: Sechs Shows zeigt der Privatsender Pro Sieben in den nächsten Wochen, ein Viertelfinale und immerhin auch das Finale am 12. März sind im Ersten zu sehen. Zugleich sind die Popwellen der Landesrundfunkanstalten eingebunden, was insgesamt zu einer Reichweite führt, wie es sie ein Grand-Prix-Vorentscheid in Deutschland noch nie hatte.

          Vorbild könnte Schweden sein, das seit jeher mit einem Wettbewerb über mehrere Runden, dem Melodifestivalen eine ganze Nation begeistert, ähnlich wie in Norweger der Melodi Grand Prix. In Deutschland aber hat der ESC und mit ihm der NDR seit Jahren ein schlechtes Image. Trotz einiger guter Kandidaten (Texas Lightning, Roger Cicero) reichte es schon länger nicht mehr für einen der vorderen Plätze. Raab, der bereits drei Mal beim Grand Prix angetreten ist und es dabei jeweils unter die besten acht schaffte, scheint der Einzige zu sein, der daran noch einmal etwas ändern kann.

          Westernhagen will keinem zu nahe treten

          Raab wollte unbedingt wieder am Grand Prix teilnehmen. Dafür braucht er die ARD genauso wie die ARD ihn braucht. Wo der Zuschauer dabei bleibt? Vor lauter Ernsthaftigkeit konnte ja schon in der ersten Sendung von Unterhaltung kaum die Rede sein. Bieder und brav kamen Raab und seine beiden ersten Mit-Juroren Yvonne Catterfeld und Marius Müller-Westernhagen daher. Westernhagen war nichts wichtiger, als keinem der Kandidaten mit seiner Kritik zu Nahe zu treten. Zudem hatte Westernhagen gleich zu Beginn klargestellt, dass er von so einem Wettbewerb grundsätzlich nichts halte. Denn Künstler könne man nicht miteinander vergleichen. Da Castingshows aber nun mal unvermeidlich seien, habe er sich wenigstens für eine mit Qualität entschieden.

          Dem Zuschauer wird das allerdings womöglich nicht reichen, um sich noch sieben weitere Sendungen lang Stefan Raabs ernsthaftes Bemühen anzutun, auch „für Deutschland wieder blühende Landschaften bei der größten Musikshow Europas zu schaffen“.

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