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Eurovision Song Contest : Ein Hit um jeden Preis

  • -Aktualisiert am

Aus den Charts verbannt: Sängerin Gracia Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Ein Manipulations-Skandal in den Charts erschüttert die Musikindustrie. Profitiert haben soll Gracia, deutsche Teilnehmerin beim Eurovision Song Contest. Branchenkenner überrascht der Vorfall keineswegs.

          Am 1. Februar 2003 war sie die Verliererin. Gracia Baur schied bei "Deutschland sucht den Superstar" aus, und Daniel Küblböck mimte einen Nervenzusammenbruch. Es folgten ein, zwei Singles. Danach ging es bergab.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Zuerst in aller Öffentlichkeit die Trennung von ihrem Freund, der entdeckt hatte, daß er eigentlich doch homosexuell ist. Dann verlängerte ihre Plattenfirma den Vertrag nicht. Am 12. März 2005 aber war sie die Siegerin.

          Ein handfester Skandal

          Gracia Baur, 22, gewann bei "Germany 12 Points" mit ihrem Titel "Run and Hide" den Grand-Prix-Vorentscheid in Berlin. In fünf Wochen, am 21. Mai, soll sie Deutschland im ukrainischen Kiew beim "Eurovision Song Contest" vertreten. Das hört sich nach einer Erfolgsgeschichte an - und deshalb paßt es sicher gar nicht ins Konzept, daß nun ein handfester Skandal aufkommt.

          Bei ihrem Auftritt in Berlin hatte Gracia zwei Glücksbringer dabei. Ein Plüschtier und die kleine Tochter ihres Produzenten David Brandes, die ihr händchenhaltend überall hin folgte. Mittlerweile wird Brandes aber verdächtigt, seiner Kandidatin mehr als nur das Töchterchen an die Hand gegeben zu haben.

          Auffällige Häufungen

          Brandes, bei dessen Plattenlabel "Bros Music" Gracia untergekommen ist, soll die Charts durch gezielte CD-Einkäufe manipuliert haben. Besonders pikant: Gracia kam durch eine "Wild Card" zum Vorentscheid, und dafür mußte ihre Single es bis zum Stichtag, dem 8. Februar, unter die Top 40 der deutschen Single-Charts geschafft haben.

          Am 31. Januar veröffentlichte Gracia "Run and Hide". Am Stichtag hatte sie Platz 20 erreicht. Aber schon am 19. Februar rutschte sie auf Platz 28 ab, eine Woche später auf Platz 38. Ende März schöpfte der Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft zum ersten Mal Verdacht. Zum einen gab es Informationen Dritter über Manipulationen. Zum anderen waren bei der Erhebung der Verkaufszahlen auffällige Häufungen aufgetreten.

          „Auf unauffällige Weise“

          Das Marktforschungsunternehmen Media Control erhebt die Charts, die wiederum die CD-Verkäufe abbilden. 2000 Läden in ganz Deutschland leiten ihre Verkaufszahlen an Media Control weiter. Aber kein Geschäft weiß, in welcher Woche es für die Hitparade relevant ist.

          Treten Häufungen auf - kauft also jemand an einem Tag etwa auffällig viele "Rund and Hide"-Singles und passiert das vielleicht in derselben Woche in verschiedenen Städten-, berücksichtigt Media Control diese Verkäufe nicht für die Charts, sondern bricht sie auf einen Mittelwert herunter. Wer dieses System hintergehen wolle, sagt Hartmut Spiesecke, der müsse zwei Dinge tun, die sich eigentlich widersprechen: "Er muß so viel wie möglich kaufen - und das auf unauffällige Weise."

          "Saubere Charts"

          Mehrmals im Jahr gibt es solche Verdachtsmomente. Zuerst gehen die Phonoverbände und Media Control der Frage nach, ob es den Versuch gab, die Charts zu manipulieren. Erst dann kommt die zweite Frage, ob der Versuch auch erfolgreich war. In den 28 Jahren, die es die Single-Charts mittlerweile gibt, mußte diese, wie Spiesecke sagt, noch nie mit "Ja" beantwortet werden.

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