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„Eurovision Song Contest“ : Drei Mädchen mit dem Kontrabass

Die Band „Elaiza“: ein Akkordeon, dazu ein Bass und ein Lied, das ins Genre „Neo-Folklore“ fallen soll - was immer das auch sein mag. Bild: dpa

Zehn Nachwuchskünstler konnten auf eine Wildcard für den deutschen Vorentscheid des „Eurovision Song Contest“ hoffen. Beim NDR-Clubkonzert siegte am Ende ein Trio, das auf „Neo Folklore“ setzt.

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          Ausgerechnet ein Akkordeon. Dazu ein Bass und ein Lied, das ins Genre „Neo-Folklore“ fallen soll - was immer das auch sein mag. Nicht nur die Moderatorin des Abends, Barbara Schöneberger, konnte diese angebliche Musikrichtung nicht recht einordnen. Elaiza aber, das Frauen-Trio mit ukrainisch-polnisch-deutschen Wurzeln, konnte genau damit punkten. Und wie: Fast ein Viertel der Zuschauer stimmte für „Is It Right“, das unüberhörbar vom Balkan beeinflusst ist.

          Peter-Philipp Schmitt
          (pps.), Deutschland und die Welt

          Und so setzten sich die Berlinerinnen Ela, eine Sängerin mit beeindruckender Stimme, Yvonne, die Frau mit dem Akkordeon, und Natalie am Kontrabass klar gegen die restlichen neun Kandidaten durch und gewannen die Wildcard für den Vorentscheid zum diesjährigen „Eurovision Song Contest“ (ESC), der sie womöglich bis nach Kopenhagen ins Finale am 10. Mai führen kann.

          „Ich denke, es ist Ladies Night“, meinte Adel Tawil (Ich + Ich) noch bevor das Ergebnis feststand. Damit hatte der „Pate des Clubkonzerts“ am Donnerstagabend im Edelfettwerk in Hamburg schon insofern recht, als dass sieben der zehn Kandidaten Frauen waren. Seine Favoritinnen aber, Caroline Rose mit ihrer selbst geschriebenen Rockballade „Amber Sky“ und Nicole Milik, sie coverte den Song aus dem zweiten Hobbit-Film „I See Fire“ von Ed Sheeran, kamen am Ende nur auf Platz zwei und fünf. Das war schon eine Überraschung. Gerade für diejenigen, die davon ausgehen, dass vor allem junge Mädchen bei solchen Fernsehentscheiden zum Telefon greifen, um für die Jungs auf der Bühne anzurufen oder SMS zu schicken. Die Jungs schlugen sich zwar wacker, aber ganz vorne lagen sie nicht.

          Valentina Bilderstrecke
          Valentina :

          Simon Glöde, der sich in seinem „Blame It On The Boogie“ die „verdammte Social-Media-Generation“ vorknöpfte, die „bekifften Leute, die sich nur mit sich selbst beschäftigen“, wie er meint, trug mit seiner allzu coolen Udo-Lindenberg-Imitation wohl einfach zu dick auf. Er kam auf Platz sechs. Max Krumm, der seinem besten Freund in Australien ein Heimweh-Lied hinterhersang („Home“), wirkte eine Spur zu nervös. Platz vier. Und die fünf Bärtigen von der Lemgoer Folk-Pop-Band Bartosz („Walk Away“) trafen zwar nicht alle Töne, aber voll den Geschmack des Publikums im Edelfettwerk und auch der Fernsehzuschauer zu Hause. Fast zehn Prozent der Stimmen entfiel auf sie, das war Platz drei.

          Hunderte von jungen und meist unbekannten Künstlern hatten sich nach dem Aufruf von Adel Tawil im Herbst beim NDR beworben, insgesamt 2240 Videos wurden im Youtube-Kanal „Unser Song für Dänemark“ hochgeladen. Es lohnt sich also, auch nach den erfolgreichen Stefan-Raab-Zeiten weiter auf Newcomer und nicht nur auf etablierte Künstler zu setzen. Deutschland hat erstaunlich viele Talente, die sich zum Teil sogar schon einen Namen machen konnten. Die Neusserin Nicole Milik zum Beispiel, gerade 19 Jahre alt, hat auf ihrem Youtube-Kanal „nicolascage09“, auf dem sie eigene Songs, hauptsächlich aber Coverversionen veröffentlicht, schon fast 90 000 Abonnenten.

          „Barbara Fleischberger“

          Live-Auftritte und großes Publikum aber war auch sie bisher nicht gewöhnt. Insofern kam den zum Teil doch sehr nervösen Künstlern der Auftritt in der kleinen Konzerthalle in Hamburg mit knapp 300 Zuschauern eher entgegen. Barbara Schöneberger sorgte noch zusätzlich für Entspannung. „Hallo, hier ist Barbara Fleischberger mit dem gesegneten Appetit“, rief sie all jenen vor den Bildschirmen zu, die nach „Germany’s Next Topmodel“ nun womöglich beim Clubkonzert des NDR-Fernsehens gelandet waren. „Hier wird essen noch belohnt!“ Die Späße auf eigene Kosten dürfen wohl längst als Markenzeichen der drallen Blondine gelten.

          Barbara Schöneberger wird auch den eigentlichen Vorentscheid am 13. März in der Kölner Lanxess Arena moderieren. Gesetzt für den Abend sind bereits Das Gezeichnete Ich, Madeline Juno, Marie Marie, Oceana, Santiano, The Baseballs und Unheilig. Wie sie sich auf den Wettbewerb mit den „professionellen Künstlern“ nun vorbereiten, wurden die drei Gewinnerinnen gefragt. „Üben, üben, üben“, lautete ihre prägnante Antwort. Ob sie ihren selbst geschriebenen Song „Is It Right“ auch in zwei Wochen vor den dann nicht mehr einigen hundert, sondern mehreren tausend  Zuschauern direkt vor der Bühne singen werden, entscheidet sich erst in den nächsten Tagen. Sie würden schon gerne, denn kein anderes ihrer Lieder habe sich von Anfang an so richtig angefüllt wie dieses, sagte die 21 Jahre alte Sängerin und Songwriterin Ela. Allerdings brauchen die drei sowieso noch einen zweiten Titel für den Vorentscheid. Der zumindest könnte dann vom Plattenlabel Universal stammen und eine andere Facette des „Neo-Folklore“-Trios zeigen. Ohne Kontrabass und Akkordeon.

          Die zehn Kandidaten und ihre Plätze (in Klammern der Stimmenanteil der ersten Fünf)

          1. Elaiza „Is It Right“ (23,6 Prozent)
          2. Caroline Rose „Amber Sky“ (17,2 Prozent)
          3. Bartosz „Walk Away“ (9,8 Prozent)
          4. Max Krumm „Home“ (8,6 Prozent)
          5. Nicole Milik „I See Fire“ (8,2 Prozent)
          6. Simon Glöde „Blame It On The Boogie“
          7. Valentina „Love Is Gone“
          8. Cassie Greene „Not This Time“
          9. Ambre Vallet „Siehst Du mich?“
          10. Melanie Schlüter „Run“

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