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Eurovision Song-Contest : Alles Roger in Helsinki!

Sieht so ein Gewinner aus? Deutschlands Kandidat Roger Cicero Bild: Holde Schneider

Roger Cicero vertritt Deutschland beim Eurovision Songcontest in Helsinki. Der Hamburger ist zwar mit deutschem Swing erfolgreich, bei vielen Grand-Prix-Experten gilt er damit aber jetzt schon als Verlierer. FAZ.NET-Spezial.

          Seine Bühne ist das „Einstein“ im Hamburger Stadtteil Ottensen. Seit einer guten Stunde sitzt er auf der Terrasse des Restaurants und gibt in der prallen Sonne Interviews. Es ist erstaunlich warm im Norden Deutschlands. Roger Cicero durchleidet lächelnd seinen Auftritt - in dunkler Anzughose, hellgrauem Sakko und mit Baskenmütze auf dem Kopf. Man kennt ihn hier, lässt ihn aber in Ruhe. Keine Autogrammwünsche, niemand, der sich mit ihm fotografieren lassen will. Ottensen ist Ciceros Viertel, manche nennen es „das Künstlerviertel von Hamburg“: Im einstmals dänischen Westen der Hansestadt leben unter anderen Wolf Biermann, Karl-Heinz von Hassel, Hannelore Hoger, Peter Lohmeyer, Nina Petri - und Roger Cicero.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Der studierte Jazzsänger war noch vor einem Jahr nicht mehr als eine Lokalgröße. Erst seit er sich mit eigener Big Band an deutschem Swing versucht, ist sein Name landesweit bekannt. Noch ehe der NDR ihn zum Vorentscheid des „Eurovision Song Contest“ einlud, erreichte sein Album „Männersachen“ Platinstatus - es verkaufte sich 200 000mal. Die Country-Band „Texas Lightning“, ebenfalls aus Hamburg und vor einem Jahr Deutschlands Grand-Prix-Hoffnung, bekam das Edelmetall erst Wochen nach ihrem überraschenden Vorentscheid-Erfolg.

          Johannisbeersaftschorle und Cappuccino

          Nach einer Stunde verlässt er seine Bühne. Cicero zieht sich ins kühle Innere des „Einstein“ zurück. Während er sich eine Johannisbeersaftschorle und einen Cappuccino bestellt, erzählt er begeistert von seinem soeben beendeten Interview. Eigens aus Amsterdam sei der Journalist angereist, um ihn auf einer ganzen Seite in „De Telegraaf“ zu porträtieren, in der ältesten und größten niederländischen Tageszeitung. „Ich dachte“, sagt Cicero ein wenig kokett, „man kennt mich gar nicht in den Niederlanden.“

          Bin ich nicht cool

          Der inzwischen Sechsunddreißigjährige hat zwar Anfang der neunziger Jahre an der Hochschule der Künste im nordholländischen Hilversum Musik - Hauptfach Jazzgesang - studiert, aber das Interesse der Niederländer am deutschen Grand-Prix-Teilnehmer könnte auch damit zu tun haben, dass unsere Nachbarn eine echte Favoritin, Edsilia Rombley, nach Helsinki entsenden. Sie war schon einmal, 1998 in Birmingham, auf dem vierten Platz gelandet.

          Kandidaten für Null-Punkte-Debakel

          Cicero hingegen gilt vielen Experten als Fehlbesetzung: Der britische Schriftsteller Tim Moore, Autor des Buchs „Nul Points“ über „ein bisschen Scheitern beim Eurovision Song Contest“, bezeichnete Cicero als ernsthaften Kandidaten für ein Null-Punkte-Debakel. Moore vermutet, die Deutschen hätten dieses Mal alles darangesetzt, die „Fernsehzuschauer in ganz Europa vorsätzlich zu befremden und zu verärgern“. Einer seiner Hauptkritikpunkte: die deutsche Sprache, die sich seit Nicoles Sieg 1982 im britischen Harrogate als „besorgniserregend unpopulär“ erwiesen habe.

          „Es war eine Idee von mir und meinem Management, Swing mit deutschen Texten zu kombinieren“, sagt Cicero. Ein Wagnis, wie ihm viele im Frühsommer 2006 bedeuteten. Mit Vorbehalten gegenüber dieser Musikrichtung hatte auch Michael Bublé zu kämpfen, dessen Alben sich nun millionenfach verkaufen. Cicero wird oft mit dem Kanadier verglichen, genauso mit dem Briten Robbie Williams, der schon 2001 und damit noch vor Bublés Durchbruch 2003 sein Album „Swing When You're Winning“ aufgenommen hatte. Doch während Williams und Bublé Songs von Frank Sinatra, Ray Charles und den Beatles interpretieren, lässt sich Cicero Lieder von Komponist Matthias Hass, Arrangeur Lutz Krajenski und Texter Frank Ramond, der durch seine Zusammenarbeit mit Annett Louisan bekannt wurde, schreiben. „In jedem Song“, versichert Cicero, „steckt aber auch etwas von mir drin.“

          „Ich bin kein Mann für eine Frau“

          Was genau, lässt sich schwer abschätzen. Ein Chauvi, den mancher in ihm zu sehen glaubt, weil er zum Beispiel in einem Lied „Ich bin kein Mann für eine Frau“ singt, ist der Hamburger nicht. Darüber können auch der kleine Unterlippenbart und seine oft zur Schau gestellte Brustbehaarung nicht hinwegtäuschen. Er wirkt sogar eher weich, in seiner Gestik manchmal fast feminin. Als Berufscharmeur könnte man ihn bezeichnen, wären da nicht seine zum Teil fast bissig anmutenden Pointen, die zum Lachen reizen: „Ich wollt 'n Flitzer / Du Caravan / Jetzt fahr'n wir Bahn / Du wollst nach Hamburg / Ich nach Berlin / Es wurde Schwerin“ heißt es zum Beispiel im Song „Kompromisse“. Solche Zeilen sagen viel über das Verhältnis von Frau und Mann aus.

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