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Lena Meyer-Landrut : Unser Mädchen

  • -Aktualisiert am

Lena blieb nur zehn Minuten auf der eigenen Siegesparty in Hannover Bild: APN

Lena Meyer-Landrut wird vor allem für das bewundert, was nicht individuell an ihr ist: dass sie sich vernünftigerweise nicht reifer, cooler gibt, als sie ist. Was also sagt dieser auch in der Punktzahl erstaunlich souveräne Sieg über unsere Zeit aus?

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          War wenigstens das Koketterie - als sie hinterher sagte, sie sei nicht stark genug, die Trophäe zu tragen? Der Sieg Lena Meyer-Landruts beim Eurovision Song Contest in Oslo ist schon insofern historisch, als er der erste deutsche seit achtundzwanzig Jahren ist. 1982 gewann, siebzehnjährig, in einem rührend biederen Kleid, mit Föhnwelle und akustischer Gitarre Nicole mit dem Lied „Ein bisschen Frieden“; dieses Mal eine neunzehnjährige Abiturientin, ebenfalls als Solistin, in einem auffallend schlichten schwarzen Kleid, mit fast noch ein wenig ungelenken Bewegungen und dem eher konventionellen Liebeslied „Satellite“. Wieder war es das Unschuldig-Unbedarfte, das sich durchsetzte gegen Abgebrühteres. Ist die Zeit denn stehengeblieben?

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Dieser Sieg, der trotz der enormen Aufmerksamkeit wie aus dem Nichts kommt und mit den Tennis-Erfolgen Boris Beckers und Steffi Grafs zu vergleichen ist, war wohl eher deswegen möglich, weil die Zeiten sich geändert haben; er birgt insofern auch eine außerästhetische Dimension.

          Lena hebt sich ab

          Nach dem Ende der Sowjetunion suchten die ost- und südosteuropäischen Länder, die mit Macht, Selbstbewusstsein und lustvoller Unverbrauchtheit in diesen Wettbewerb drängten, Anschluss an die Ästhetik westlicher Unterhaltungsmusik: Statt der traditionellen, steif-kontrollierten Anmutung gaben in den vergangenen zehn Jahren durchchoreographierte, extrovertierte, bisweilen auch ordinäre, aber insgesamt austauschbare Darbietungen den Ton an.

          Lena blieb nur zehn Minuten auf der eigenen Siegesparty in Hannover Bilderstrecke

          Von dieser gleichsam internationalisierten, schnell verbrauchten Ästhetik hebt sich Lena Meyer-Landrut auffällig ab. Auf öffentlichen Bühnen gibt es nichts, was nicht inszeniert wäre; aber der Auftritt dieser unausgebildeten Sängerin ließ einen Willen zur Stilisierung kaum erkennen und käme insofern dem nahe, was wir unter einer natürlichen Ausstrahlung verstehen, die in Zeiten des Überdrusses an Konfektionsware einfach besser ankommt.

          Harmlos-Unverrucht

          Dabei wäre es verfehlt, hier eine besonders ausgeprägte individuelle Note zu wittern. Lena Meyer-Landrut wird vor allem für das bewundert, was nicht individuell an ihr ist: dass sie sich vernünftigerweise nicht reifer, cooler gibt, als sie ist. In Übersee würde man sie ein „all American girl“ nennen; hier attestiert man ihr, zu Recht, die keineswegs sonderlich beflissene Nettigkeit und Natürlichkeit des Mädchens von nebenan, das auch unter größter Anspannung und Belagerung, aber vor allem auch im größten Triumph auf dem Teppich bleibt und niemanden provoziert.

          Das ungeachtet ihres attraktiven Äußeren Harmlos-Unverruchte wirkte auch deswegen so überzeugend, weil sich seine Präsentation keiner Absicht zu verdanken schien, die, bei einem Hintermann namens Stefan Raab, natürlich trotzdem dahintersteckte. Wenn also Lena Meyer-Landrut in der reduzierten, ganz auf sich allein gestellten und ohne Mätzchen auskommenden Darbietungsweise die Fortsetzung Nicoles mit anderen Mitteln ist, dann ist Stefan Raab der moderne Ralph Siegel, der seinerzeit Nicole betreute und ebenfalls das Maß aller Dinge war.

          Raabs behütender Umgang mit seiner Künstlerin

          Das ist deswegen verwunderlich, weil Raab es war, der mit seinen programmatisch gegen die alte Siegel-Ästhetik gerichteten Grand-Prix-Engagements für jene sogenannte Spaßgesellschaft stand, die der späten Kohl- und der Schröder-Ära als ein vom Boulevard und vom Privatfernsehen befeuerter Sittenverfall angekreidet wurde. Dass sich Raab, der vom in dieser Sache zunehmend ratlosen öffentlich-rechtlichen Fernsehen gleichsam als Retter an Bord geholt wurde, nach mehrmaligen, musikalisch keineswegs minderwertigen Anläufen nun mit seinem Schützling durchgesetzt hat, sollte immerhin Anlass sein, ihm als einem von wenigen nicht nur die ohnehin vorhandene Professionalität, sondern auch künstlerisches Gespür und, im behütenden Umgang mit seiner Sängerin, Verantwortungsbewusstsein zuzugestehen. Denn unverkennbar mischte sich in die große Freude auch eine gewisse Bangigkeit - jeder weiß, unter welchem Druck zumal sehr junge Objekte einer solchen Aufmerksamkeit stehen.

          Was sagt dieser auch in der Punktzahl erstaunlich souveräne Sieg über unsere Zeit aus? Als Lena Meyer-Landrut im Mai 1991 geboren wurde, war Michail Gorbatschow Präsident der bald darauf endgültig kollabierenden Sowjetunion. Aus ihrer Heimatstadt Hannover schickten die Scorpions „Wind of Change“ um die Welt. Helmut Kohl betrieb mit noch einmal verstärkter Energie die europäische Einigung, deren Ergebnisse den damals Geborenen heute wie selbstverständlich erscheinen.

          Auch in diesem Lichte sind dieser so oft diskreditierte Liederwettbewerb und der überraschende deutsche Sieg Ereignisse - als Bestätigung dafür, dass es in diesen Zeiten, die für die EU schwieriger denn je sind, einer europäischen Öffentlichkeit nicht nur möglich ist, sondern auch geboten erscheint, sich auf bemerkenswert faire, skandalfreie Weise über ästhetische Fragen zu verständigen, die in die Gesellschaft hineinwirken und nicht nur ein vordergründiges Interesse bedienen. Lena Meyer-Landruts Triumph von Oslo zeigt uns, wenn auch nur für einen Moment, dass es in Europa noch eine andere Währung gibt, auf die sich alle einigen können: die menschlich-künstlerische.

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