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Lena Meyer-Landrut : Diese ganze komische Berühmtheitssache

  • -Aktualisiert am

Was Menschen für sie einnahm, war einfach ihre Lenahaftigkeit: Frau Meyer-Landrut in Oslo Bild: REUTERS

Die Versuche, ihr Privatleben aus der Öffentlichkeit herauszuhalten, haben zu einem interessanten Vakuum geführt: Warum die Medien aus Lena Meyer-Landrut ein „Phänomen“ machen wollen und den Zauber mit Getöse ersticken.

          3 Min.

          Sie ist ein Phänomen.

          Das ist ein Satz, der nichts erklärt, aber er ist entscheidend: Sie ist ein Phänomen, und das Phänomen ist sie.

          Die Stimmung war ausgelassen im Brainpool-Studio in Köln, am Tag, als „Unser Star für Oslo“ zum ersten Mal auf Sendung ging. Das junge Publikum - offensichtlich eher Stefan-Raab-Fans als Grand-Prix-Fans - war unbedingt amüsierbereit, für mehrere Kandidaten waren ganze Fangruppen angereist, schnell war zumindest vor Ort die Frage beantwortet, ob Menschen sich für eine fast puristische Form des Wettsingens begeistern können.

          Viele der Kandidaten kamen gut an, aber das Gesprächsthema nach der Sendung war eine: Lena. Ein vielleicht fünfminütiger Auftritt reichte ihr, die Menschen gefangenzunehmen. Vor all den Rationalisierungsversuchen später, wie sich die Anziehungskraft Lenas und ihrer Auftritte erklären lässt, soziokulturell, medienkritisch, politisch, stand eine ganz unmittelbare, emotionale Wirkung. Was Menschen für Lena einnahm, war einfach ihre Lenahaftigkeit.

          Der Gegenentwurf

          Sie war anders als die Leute sonst im Fernsehen. Und sie war ein unbeschriebenes Blatt - die Show selbst verzichtete in fast absurder Weise darauf, irgendetwas über die persönlichen Hintergründe der Kandidaten zu erzählen.

          Das war Teil ihrer Anziehungskraft: dass sie ein unbeschriebenes Blatt war. Dass man nicht wusste, ob sie schon mit ihrem Schwippschwager drei uneheliche Kinder hatte oder bereits zweimal wegen Fahrens ohne Führerschein angehalten wurde.

          Aber die Medien können und wollen auf Dauer auch nicht davon leben, nur ihre niedlichen Grübchen zu beschreiben, ihre lustigen Sätze über ihre selbstgemachte Mezzo-Mix-Lippenstiftmischung zu zitieren und ihre musikalischen Vorbilder zu erklären. Und so begannen sie, die wenigen dürren Linien, die man kannte, mit kräftigen Farben auszumalen. Plötzlich stand Lena nicht mehr für Lena, sondern für einen ordentlichen, bürgerlichen, nichtspießigen, nichtmigrantischen, gesamtschulhaften Gegenentwurf zur Castingwelt von „Deutschland sucht den Superstar“. Am Ende glaubte man so sehr selbst dem Bild, das man sich von dieser Lena gemacht hat, dass es ein Schock war, als bekannt wurde, dass sie kleine Rollen in trashigen Privatfernsehserien gespielt hatte. Das wäre sonst kaum erwähnenswert gewesen: So überraschend ist es schließlich nicht, dass eine moderne junge Frau, die ins Fernsehen will, naheliegende Wege dahin ausprobiert. Die Neuigkeit widersprach nur dem Image, das man in sie hineinprojiziert hatte, vom braven, anständigen, öffentlich-rechtlichen Mädchen.

          Ihre nackte Brust, die für einen Moment in einer dieser Serien zu sehen und nun fast lebensgroß auf den Titelseiten, bildete reichlich Kontrast zur nächsten vermeintlichen Enthüllung: dass sie vor zwei Jahren im Kloster in Taizé war. Ein „Geo“-Fotograf hatte zufällig sie zur Hauptprotagonistin einer Reportage gemacht. Oder eben nicht zufällig, denn da war es wieder, das Phänomen dieser Frau, das Individuelle: „Sie ist mir wegen ihres bezaubernden Wesens sofort aufgefallen“, sagt der Fotograf heute.

          Sonst macht sie sich ja ganz verrückt

          Die Versuche von Lena und ihrem Mentor Stefan Raab, ihr Privatleben völlig aus der Öffentlichkeit herauszuhalten, haben zu einem interessanten Vakuum geführt, das zeigt, wie sehr heute von fast jedem Unterhaltungskünstler erwartet wird, auch tiefe Einblicke in sein Privatleben zu gewähren. Der amerikanische Drehbuchautor Aaron Sorkin („The West Wing“) hat in einem Beitrag für die „Huffington Post“ beschrieben, wie unsere Mediengesellschaft den Voyeurismus vom Gefühl befreit hat, etwas Fieses, Perverses zu sein - und wie längst die privaten Geschichten von Prominenten die Hauptgeschichten geworden sind, neben denen ihr künstlerisches Wirken vergleichsweise unwichtig wirkt. Wäre es anders überhaupt noch denkbar?

          Es ist ein kleines Wunder, dass das „bezaubernde Wesen“ Lenas auch heute noch, zwischen dem ganzen Getöse und dem Hype, gelegentlich aufblitzt. Manchmal sind es nur kleine Momente, wenn sie angenehm sperrig aus den Routinen des Medienbetriebs herausragt. Wenn sie wie ein staunendes Mädchen von den tollen Hotelbetten schwärmt, in denen sie jetzt schläft, und von „dieser ganzen komischen Berühmtheitssache“ redet. Wenn sie fast empört darauf hinweist, dass sie an Oslo erst denken wird, wenn sie in Oslo ist: „Sonst mach' ich mich ja ganz verrückt!“ Oder wenn sie in einem der ungezählten Radiointerviews die Frage verneint, ob sie vor bestimmten Konkurrenten „Respekt“ habe. Sie habe vor jedem Menschen Respekt, antwortet sie, aber sie habe keine Angst, dass die anderen besser seien als sie: „Ich finde, das ist alles ein Spiel, kein Kampf. Es ist alles entspannt, es ist cool. Es hat nicht eine so große Wichtigkeit.“

          Es geht eben nicht ums Leben

          Womöglich meint sie das wirklich - und wäre damit die Stille im Auge des Sturms. Das Besondere an dem Wettbewerb, den Stefan Raab für die ARD und Pro Sieben organisierte, war eigentlich, dass er so vergleichsweise bescheiden daherkam: Versprochen wurde kein Superstartum, keine Erfüllung eines Lebenstraumes, keine lebenslange Karriere.

          Nur eine Teilnahme am Eurovision Song Contest am kommenden Samstag in Oslo.

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