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Lena Meyer-Landrut : Das neue Fräuleinwunder

  • -Aktualisiert am

Lena Meyer-Landrut stürmt die Charts quer durch Europa Bild: APN

Zwei Wochen nach ihrem Sieg beim Eurovision Song Contest ist Lena Meyer-Landrut noch in zehn Ländern in den Top Ten. Jetzt vermarktet Universal die Senkrechtstarterin überall in Europa. Branchenkennern zufolge hat sie bereits vor ihrem Erfolg in Oslo mehr als zwei Millionen Euro eingespielt.

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          Zwei Minuten nach ihrem Sieg schaut Cornelius Ballin nicht mehr auf die Mattscheibe. Er sitzt vor dem Computer und tippt. Es gilt keine Zeit zu verlieren, der große Erfolg der jungen Sängerin Lena muss schnell genutzt werden. Ballin schreibt eine E-Mail an seine Kollegen, er berichtet, dass es Lena Meyer-Landrut geschafft hat. Ihr Lied „Satellite“ scheint nicht nur in Deutschland eine kleine Lena-Manie ausgelöst zu haben. Mit 246 Punkten gewann die junge Deutsche deutlich den 55. Eurovision Song Contest in Oslo.

          Jan Hauser

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Wir haben eine extrem spannende, aufregende Künstlerin, die aus dem Nichts kommt“, sagt Ballin. Er ist Chef des internationalen Marketings von Universal Deutschland, ihrer Plattenfirma. „Damit hat sie ein enormes Potential in Europa.“ Ein Potential, das Universal nutzen will. Und Ballin leitet alles in die Wege, damit Lena Meyer-Landrut zum Exporthit werden kann.

          In den skandinavischen Ländern schon auf Platz 1

          Noch im Juni soll ihr Album „My Cassette Player“ überall in Europa in den Plattenläden stehen. Seit dieser Woche ist es schon in Frankreich erhältlich. Außerhalb des deutschsprachigen Raums peilt die Firma erst einmal an, 100.000 Platten zu verkaufen. In Finnland, Schweden, Dänemark und Norwegen liegt ihre Single schon auf Platz eins.

          Schon vor ihrem Sieg hat Lena Meyer-Landrut Branchenkennern zufolge rund 2 Millionen Euro eingespielt

          Lena Meyer-Landrut, Jahrgang 1991, hat sich extrem schnell vom Branchenneuling zum kleinen Goldesel gewandelt. Ihr Sprungbrett war das Fernsehen. In „Unser Star für Oslo“ von ARD und Pro Sieben ließ Stefan Raab das Fernsehpublikum den deutschen Teilnehmer am Eurovision Song Contest suchen. Die damals 18 Jahre alte Schülerin lag mit ihrer Natürlichkeit von Anfang an weit vorne, sie gewann, und ihre Single „Satellite“ stieg im März direkt auf Platz eins in die deutschen Charts ein. Die gleichzeitig erschienenen Download-Singles „Bee“ und „Love Me“ kamen auf den dritten und vierten Rang. Seit Beginn der Chartserhebungen 1959 ist sie die Erste, die in Deutschland auf Anhieb mit drei Singles gleichzeitig in die Top Fünf eingestiegen ist.

          Immer noch in zehn europäischen Ländern in den Top Ten

          Zwischendurch schrieb Meyer-Landrut noch ihr Abitur in Hannover, bevor sie in Oslo zum europäischen Fräuleinwunder wurde. Aktuelle Verkaufszahlen nennt Universal nicht. Doch „Satellite“ und „My Cassette Player“ sind längst mit Platin und Gold ausgezeichnet - für mehr als 500.000 verkaufte Singles und für mehr als 300.000 Alben. Schon vor ihrem Erfolg beim Song Contest schätzten Branchenkenner, dass sie mehr als 2 Millionen Euro eingespielt hatte.

          „Es ist toll, dass es eine so breite Begeisterung in der Bevölkerung gibt“, sagt Marketingexperte Ballin. „Dass junge Künstler einen solchen Erfolg haben können, ist ein gutes Zeichen für die Branche.“ Seit langem zeichnet sich auf dem Plattenmarkt eine Krise ab - immer weniger und vor allem kaum jüngere Menschen kaufen physische Tonträger. Ein Sieger des digitalen Umbruchs in der Plattenindustrie wird derweil auch zu einem Gewinner des musikalischen Hypes um die schwarzhaarige Sängerin: Es ist Apple. Am Tag des Eurovision Song Contests veranlasste Ballin, dass „Satellite“ mittels Apples Internetplattenladen iTunes im europäischen Ausland zu kaufen sei. Einen Tag später schaute er in deren regelmäßig aktualisierte Charts und staunte, dass die Single oft weit oben stand. Diesen Freitag lag sie immer noch in zehn europäischen Ländern in den Top Ten. Wie sehr die Sängerin selbst an den Einnahmen beteiligt ist, ist ungewiss. „Die Vertragsdetails dazu unterliegen der Vertraulichkeit“, teilt Brainpool auf Anfrage mit.

          Das Unternehmen, an dem Raab beteiligt ist, hat das Management Meyer-Landruts übernommen und kümmert sich um ihre Fernsehauftritte, Testimonial-Anfragen und eine eventuelle Tournee. Brainpool produziert Fernsehshows wie Raabs „TV Total“ und „Unser Star für Oslo“ und betreut auch die Schauspielerin Anke Engelke. Die Zusammenarbeit zwischen ihnen und den Künstlern sei immer langfristig angelegt, fügt Brainpool hinzu.

          T-Shirts bei Tchibo und bald ein Buch

          Der plötzliche Erfolg der jungen Meyer-Landrut erinnert an eine andere rasante Musikkarriere, von der Universal vielleicht träumt: an die der Schottin Susan Boyle, die ebenfalls durch eine Castingsendung in die Charts gehievt wurde - und seitdem Sony Music gute Einnahmen beschert. Ihr Debütalbum „I Dreamed A Dream2 ist mit einem Absatz von 6,2 Millionen die meistverkaufte Platte des vergangenen Jahres.

          Für Meyer-Landrut plant Universal nun Promotionsreisen ins Ausland, nächste Woche soll es nach England gehen, später nach Frankreich und in die Niederlande. Und Tchibo verkauft T-Shirts mit ihrem Konterfei, der Heyne-Verlag will im August ein Buch über die Sängerin herausbringen.

          Nur wie lange hält der Hype an? Wird sie in einem Jahr noch wie heute Musik verkaufen? Castingshows neigen ja dazu, ihre Sieger so schnell zu verglühen, dass schon kein Stern mehr zu sehen ist, wenn die nächste Staffel beginnt. Auch Stefan Raab denkt schon an den nächsten Eurovision Song Contest - zum Glück für Lena Meyer-Landrut: Er will, dass sie wieder antritt. Für ihren Förderer scheint längst klar zu sein, dass sie vom Goldesel nicht zu einer Einjahresfliege wird. Universal wird's gefallen. „Wir glauben, dass wir eine überaus talentierte und einzigartige Künstlerin haben, für die es einen festen Platz in der internationalen Musikszene gibt“, sagt Ballin. Lena Meyer-Landrut soll weiter singen.

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