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Margot Hielscher : Musik für den Wiederaufbau

Margot Hielscher ist eine deutsche Sängerin und Schauspielerin Bild:

Margot Hielscher hat zweimal - 1957 und 1958 - am Grand Prix teilgenommen. Das hat ihrer Karriere weder geschadet noch weiter voran gebracht. Und doch avancierte sie zur gefeierten Jazzsängerin.

          Bobby kommt als Erster an die Tür. "Der wird sie gleich vergewaltigen", sagt Margot Hielscher listig. Und schon steht der kleine Jack-Russell-Terrier auf seinen Hinterläufen und klammert sich am Hosenbein des Gastes fest. Was für eine Begrüßung! Zu dritt geht es in die Küche der alten Villa, die sich in Münchens feinstem Stadtteil Herzogpark befindet, nur wenige Schritte von Isar und Englischem Garten entfernt. Später stellt sich heraus, dass Bobby auch ein wenig beleidigt ist: Punkt sechs bekommt er sonst ein Würstchen, nur an diesem Abend nicht. Stattdessen öffnet sein Frauchen einen gut gekühlten Spätburgunder Weißherbst "Baßgeige" und holt zwei Gläser aus dem Schrank. "Sie mögen doch Wein?" Margot Hielscher scheint zu der Frage auf eine Reihe mächtiger alter Flaschen zu deuten. "Den Ballantine's haben wir extra für Leonard Bernstein gekauft. Etwas anderes wollte er nicht trinken." Der Flüssigkeit im Inneren ist mittlerweile aber genauso wenig zu trauen wie dem noch viel älteren Cognac daneben. So bleiben die gut verkorkten Erinnerungen an Herbert von Karajan, Benny Goodman, Nat King Cole und all die anderen berühmten Besucher unangetastet.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Das Wohnzimmer im Hause Hielscher ist zugleich Studio. Am großen schwarzen Flügel wird immer noch geprobt, obwohl Hielschers Tongeber, ihr Mann, der Komponist Friedrich Meyer, 1993 gestorben ist. Margot Hielscher aber macht weiter: "Ich kann's nicht lassen", sagt sie - auch nach fast 70 Jahren auf der Bühne und zwei schweren Unfällen nicht. So geht sie inzwischen zwar am Stock, doch selbst im 90. Lebensjahr steht sie gerne im Rampenlicht. Vor zwei Jahren gastierte sie mit dem Orchester Blechschaden in München und Berlin, im vergangenen Jahr trat sie - kaum dass sie sich von einem schlimmen Sturz erholt hatte - in der Komödie im Bayerischen Hof auf. (Schon einmal, 1994, lag sie monatelang im Krankenhaus, nachdem ein Auto die Vierundsiebzigjährige erfasst und verletzt hatte.)

          Kann sich nur vage erinnern

          Am Alter liegt es indes nicht, dass Margot Hielscher sich an zwei ihrer geschichtsträchtigsten Auftritte nur vage erinnern kann. Die beiden Lieder beherrscht sie noch aus dem Effeff, und vom Grand Prix in Frankfurt und im niederländischen Hilversum besitzt sie einige Fotos. Aber war es 1957, als sie "Telefon, Telefon" für Deutschland gesungen hat? Oder sang sie nicht doch erst den flotteren Schlager "Für zwei Groschen Musik"?

          Es gibt mehr als 400 Liedaufnahmen, 60 Kinofilme und 200 Fernsehproduktionen mit ihr

          Zweimal - 1957 und 1958 - hat sie am "Grand Prix Eurovision" teilgenommen. Manche behaupten sogar, Margot Hielscher habe sich schon 1956 am allerersten deutschen Vorentscheid beteiligt. Doch der Abend - es soll der 1. Mai 1956 gewesen sein - im Großen Sendesaal des Funkhauses vom Nord- und Westdeutschen Rundfunkverband in Köln ist graue Vorzeit. Das Fernsehen steckte in den Kinderschuhen, weder Mitschnitte noch Fotos existieren. Die damaligen Programmzeitschriften beharren zwar auf einem Vorentscheid und weisen eine illustre Schar von Interpreten aus - unter ihnen Bibi Johns, Gerhard Wendland, Freddy Quinn und eben Margot Hielscher. Doch keiner der Genannten kann sich im Nachhinein an die Veranstaltung erinnern. Auch alle Zeitungen schweigen sich über den Sängerstreit aus, nicht einmal eine Randnotiz in Kölner Lokalblättern ist zu finden.

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