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Eschede-Unglück : Erster großer Prozess um Schmerzensgeld läuft

  • Aktualisiert am

Gedenkstätte für die Opfer des Zugunglücks in Eschede Bild: dpa

Ein Teil der Hinterbliebenen des ICE-Unglücks von Eschede verlangt von der Bahn ein wesentlich höheres Schmerzensgeld.

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          Gut dreieinhalb Jahre nach der ICE-Katastrophe von Eschede mit 101 Toten beginnt an diesem Mittwoch ein erster großer Zivilprozess um Schmerzensgeldforderungen von Hinterbliebenen. In dem Musterprozess am Berliner Landgericht verlangen sechs Kläger, die bei dem Unglück Ehepartner oder Kinder verloren haben, von der Deutschen Bahn AG die Zahlung von jeweils bis zu 250.000 Euro Schmerzensgeld.

          Bei dem schwersten Eisenbahnunglück der deutschen Nachkriegsgeschichte war am 3. Juni 1998 der ICE 884 „Wilhelm Conrad Röntgen“ im niedersächsischen Eschede wegen eines gebrochenen Radreifens entgleist und gegen einen Brücke geprallt. Neben den Toten waren zahlreiche Schwerverletzte zu beklagen. Bahnchef Helmut Mehdorn wird nach Angaben eines Bahnsprechers nicht selbst zu dem Prozess kommen, sondern durch einen Anwalt vertreten.

          Der Anwalt der Hinterbliebenen, Reiner Geulen, wirft der Bahn „schwer wiegendes Organisationsverschulden“ und grob fahrlässiges Verhalten vor. Nach der Katastrophe hatte die Bahn 30.000 Mark (15.340 Euro) für jeden Toten überwiesen. Dies hält der Anwalt für viel zu wenig.

          Die Bahn verweist darauf, dass die Schuld an dem Unglück noch nicht geklärt sei. Voraussichtlich im August soll am Lüneburger Landgericht ein Strafprozess gegen Verantwortliche der Bahn sowie der Herstellerfirma beginnen.

          Amerikanische Gerichte eingeschaltet

          Parallel werden laut Geulen seit Monaten Schadenersatz-Klagen vor amerikanischen Gerichten vorbereitet. Dazu lägen bereits mehr als 60 Vollmachten für einen amerikanischen Rechtsanwalt von deutschen Betroffenen vor.

          Einer der Betroffenen hat durch das Zugunglück seine gesamte Familie verloren - seine 28-jährige Frau sowie die Kinder im Alter von vier und acht Jahren. Auch der Sprecher der Interessengemeinschaft „Selbsthilfe Eschede“, Heinrich Löwen, hat noch immer mit dem Verlust von Frau und Tochter zu kämpfen. Er blieb mit einer behinderten Tochter zurück. Die Kläger seien alle schwer psychisch betroffen - bis zu schweren Depressionen und Psychosen, argumentiert Geulen. Manche hätten tagelang in den Trümmern oder Krankenhäusern nach ihren Angehörigen suchen müssen.

          Bahn: Es war ein Unfall

          „Aus unserer Sicht war es ein Unfall. Die Radreifen entsprachen dem Stand der Technik“, sagte Konzern-Sprecher Dirk Große-Leege am Dienstag. „Gegenüber den Betroffenen fühlen wir uns aber in der Pflicht“, betonte er. Die Bahn habe bislang 23 Millionen Euro an Schadenersatz gezahlt - für Heilbehandlungen, Sachschäden, Unterhalt für zurückgebliebene Kinder, einschließlich des Schmerzensgeldes für die Hinterbliebenen.

          Von insgesamt 338 Ansprüchen direkt Betroffener seien rund 80 Prozent reguliert, sagte Große-Leege. Einen Teil von ihnen will die Bahn - beispielsweise bei Berufsunfähigkeit - auch weiter unterstützen. Mehr als die bereits überwiesenen 30.000 Mark für jedes Todesopfer wolle die Bahn jedoch nicht zahlen, sagte der Sprecher

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