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Eurovision Song Contest : In Liverpool soll ein „ukrainisches Flair“ herrschen

Kalush Orchestra haben den Song Contest im Jahr 2022 gewonnen. Bild: AFP

Wegen des Kriegs findet der ESC 2023 nicht in der Ukraine statt, sondern im Vereinigten Königreich. Dort sollen die Ukraine und ihre Kultur eine besondere Rolle spielen.

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          Wäre es nach den Juroren gegangen, dann hätte der ­Brite Sam Ryder den diesjährigen Eurovision Song Contest (ESC) im italienischen Turin gewonnen. Doch am Ende reichte es für ihn nur zu Platz zwei. Die Zuschauer aus Europa, Israel und Australien stimmten mit einer überwältigenden Mehrheit für die ukrainische Gruppe Kalush Orchestra und ihr in weiten Teilen gerapptes Lied „Stefania“. Allein 28-mal bekamen Oleh Psiuk und seine Bandkollegen die Höchstpunktzahl, also die berühmten zwölf Punkte, achtmal gab es zehn Punkte. Aus allen 39 Ländern, die beim ESC abstimmen konnten, wurden die Ukrainer mit Punkten bedacht. Es waren am Ende 439 von den Zuschauern und insgesamt 631 Punkte und damit 165 mehr, als der Zweitplatzierte Sam Ryder bekommen hatte.

          Peter-Philipp Schmitt
          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Und doch findet der nächste ESC nicht etwa in Kiew, sondern im Vereinigten Königreich statt. Sehr zum Verdruss des Siegerlands, das sich mehrere Wochen intensiv um die Ausrichtung des 67. Song Contests bemüht hatte. Im Gespräch als mög­liche Städte waren Kiew und Lemberg sowie die ganz im Westen liegende Oblast Transkarpatien. Doch die Sicherheitsbedenken waren angesichts des Kriegs in der Ukraine vonseiten der Europäischen Rundfunkunion (EBU) zu groß. Gut zwei Monate nach dem Finale wurde am 25. Juli bekannt gegeben, dass der ESC entgegen der Tradition nicht im Land des Vorjahres­siegers stattfinden kann. Die EBU bat zugleich die BBC, für den ukrainischen Sender UA:PBC einzuspringen, nachdem zuvor auch schon Belgien, Island, Italien, die Niederlande, Polen, Schweden, die Schweiz und Spanien bekundet hatten, man wäre bereit, für die Ukraine einzutreten.

          Es ist nicht das erste Mal, dass das Vereinigte Königreich einen ESC in Vertretung des Vorjahressiegers ausrichtet. Viermal schon sprang der Inselstaat ein: 1960 für die Nieder­lande, 1963 für Frankreich, 1972 für Monaco und 1974 für Luxemburg. Achtmal insgesamt fand der Grand Prix im Königreich statt, darunter auch 1982 in Harrogate, wo Nicole mit „Ein bisschen Frieden“ für Deutschland damals gewann. Kein anderes Land hat den ESC öfter ausgerichtet als das Königreich, das 2023 zum nunmehr neunten Mal und nach 25 Jahren erstmals wieder Gastgeber für das größte Musikereignis der Welt sein wird.

          Schon kurz nach der Zusage der BBC bewarben sich nicht nur die ehemaligen Austragungsorte Birmingham, Brighton und London in England, sondern auch Städte aus den anderen Nationen des Königreichs, von Edinburgh in Schottland über ­Cardiff in Wales bis hin zu Belfast in Nordirland. Im August blieben sieben Städte übrig, die bestimmte Grund­voraussetzungen wie etwa eine vorgegebene Größe der Veranstaltungshalle erfüllen. Ende September teilte die BBC mit, dass nur noch Glasgow, das als Favorit von den Buchmachern gehandelt wurde, und Liverpool im Rennen waren. Liverpool aber, von BBC-Generaldirektor Tim Davie als „Hauptstadt der Popmusik“ bezeichnet, legte den Fokus stark auf die Ukraine, was wohl den Ausschlag gab.

          Das eigentliche Siegerland soll beim ESC im kommenden Mai besonders gewürdigt und mit seiner Kultur in die Show integriert werden, so lautete eine weitere Vorgabe der EBU. Darum auch zeigt das offizielle ESC-Logo die Flagge der Ukraine im herzförmigen Eurovisionsschriftzug, darunter nur als Zusatz den Namen des Gastgeberlandes, des Vereinigten Königreichs.

          Liverpool ist bekanntermaßen die Heimat der Beatles, aber auch von Musikgrößen wie Frankie Goes to Hollywood, Orchestral Manoeuvres in The Dark und Atomic Kitten. Zudem ist die Stadt im Nordwesten Englands seit mehr als 60 Jahren partnerschaftlich mit dem ukrainischen Odessa verbunden. Die Liverpool Arena mit Platz für 11.000 Zuschauer war 2008 Austragungsort der MTV Europe Music Awards. Ende des Monats finden in ihr die Weltmeisterschaften im Kunst­turnen statt. Bekannt ist die Stadt natürlich auch durch den FC Liverpool mit seinem Trainer Jürgen Klopp.

          Auch das Datum des Finales steht seit Freitagabend fest: Es findet am 13. Mai 2023 statt. Dann werden sicherlich auch die Vorjahressieger Kalush Orchestra eine herausgehobene Rolle spielen. Die Bandmitglieder teilten am Wochenende mit, dass sie sich darauf freuen, am selben Ort zu spielen, an dem die Beatles ihre Karriere begonnen haben. „Obwohl wir traurig sind, dass der Wettbewerb im nächsten Jahr nicht in unserem Heimatland stattfinden kann, wissen wir, dass die Menschen in Liverpool herz­liche Gastgeber sein werden und die Organisatoren in der Lage sein werden, dem ESC 2023 in dieser Stadt ein echtes ukrainisches Flair zu ver­leihen.“

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