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Falsche Kinderfreundschaft : Spiel doch mal mit Carl Eduard

Wahre Freundschaft unter Kindern kann ein ganzes Leben lang halten. Bild: plainpicture/benjamin tafel

Die richtigen Freunde sind heute das Erfolgskriterium einer Vorzeigekindheit. Doch Eltern sollten eines beachten: Manipulierte Kinderfreundschaften halten nicht.

          6 Min.

          Der erste Tag im Kindergarten bleibt unvergessen. Die Mutter hat einen begehrten Nachrückplatz ergattert. Die Eingewöhnungsphase fällt aus, der Dreijährige kennt keinen der Hasengruppe. Abholzeit. Einsam greift der Knirps nach seinem Rucksack. Andere kaspern vergnügt in Grüppchen heran. Da hüpft eine Mutter wie aufgezogen über den Gang und juchzt: „Komm, Leo! Wir müssen das Geburtstagsgeschenk besorgen. Du freust dich doch so auf die Feier bei deinem Freund Nico.“ Uns streift ein arroganter Blick. Offenbar ist die halbe Hasengruppe bei Nico zu Gast. Nur das eigene Kind nicht. Außen vor zu sein, wenn die anderen sich besuchen, einladen und miteinander feiern, das fühlt sich nicht gut an. Der erste Tag hätte schöner enden können. Es wurde besser.

          Ursula Kals
          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Hat mein Kind Freunde? Wenn ja, sind es genug? Und die richtigen? Fragen, die frühere Elterngenerationen wenn überhaupt nur rudimentär bewegten, scheinen heute Erfolgskriterium einer Vorzeigekindheit zu sein. Früher, da ging man raus, und irgendwer bog mit Rollschuhen um die Ecke. Spielkameraden, so nannte man das, fanden einander ohne Verabredung. Und heute? Viele Eltern arbeiten, manche Vorstadtspielplätze sind halbtags verwaist, Treffen mit Kindern werden per Whatsapp vereinbart, wegen Terminstress gerne Wochen im Voraus. Interessiert, anteilnehmend, aber auch übergriffig wird geprüft, mit wem sich Laura anfreunden soll. Scheinbar harmlose Spielplatznachmittage geraten zu Castingveranstaltungen. Mütter und überambitionierte Väter schauen sich mehr oder weniger unauffällig um, wer als adäquater Spielpartner für den Nachwuchs in Frage kommen könnte: Jacqueline mit der löchrigen Leggins und der prolligen Mutter eher nicht.

          Gelassenheit statt Manipulation

          Indes empfiehlt sich Leonie mit der gepflegten Ausdrucksweise und der ebenso eloquenten Mutter. Solche Leute, die passen zu uns, da sollten wir etwas anbahnen, um in die richtigen Kinderkreise vorzustoßen. Das Drama nimmt seinen Lauf, wenn das eigene Kind der derben „Jackie“ den Vorzug gibt, bei der zu Hause es literweise Limo, Kika-Gucken ohne Beschränkung und eine muttifreie Zone gibt. Mutti verzieht sich nämlich paffend auf den Balkon. Keine Frage, dass es bei Leonie im Reihenmittelhaus gediegener zugeht, das fängt bei der Bioreiswaffel an und hört beim pädagogisch wertvollen Gedächtnisspiel nicht auf. „Da mag ich nicht mehr hin, bei Jackie ist es viel lustiger“, mault Laura. Letztendlich verläuft der unerwünschte Kontakt im Sand. Dafür sorgte Jackie ganz von allein. „Die ist doof, die will immer der Bestimmer sein“, verabschiedete sich Laura von der Rolle der Unterdrückten. Heute lacht Lauras Mutter über die Episode. „Damals wurde ich nervös“, gibt sie zu.

          Doch auch zwischen Laura und Leonie entwickelte sich keine Zuneigung. Manipulierte Kinderfreundschaften halten in der Regel nicht. Ohnehin scheitert die Hälfte der Freundschaften im Laufe von sieben Jahren, sagt der Berliner Psychotherapeut Wolfgang Krüger. Oft ist es auch so: Die Mütter kennen sich von der Rückbildungsgymnastik, freunden sich an und hoffen, dass es dem Nachwuchs ebenso ergeht. Psychologen sträuben sich die Nackenhaare, wenn sie von euphorisch gepriesenen Kinderfreundschaften in der Pekipgruppe hören: Wenn sich da zwei Säuglinge zueinanderrollen, hat das mit Freundschaft wenig zu tun, sondern mit Schwerkraft und Zufall.

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