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Erziehung : Taler sollen's richten

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Die Guck-Währung
          4 Min.

          Zuviel Fernsehen macht dumm. Aber Kinder wollen nun mal fernsehen. Da muß man ihnen von frühester Kindheit an Grenzen setzen, wenn man später nicht jeden Tag aufs neue diskutieren will. Allen Eltern, die das nicht hinbekommen, wünscht man Linderung. Um die bemüht sich seit einiger Zeit ein norddeutsches Unternehmen, das kleine runde Plastikchips mit dem Namen „Tina Taler - die Familienwährung“ herstellt: Es gibt sie mit der Aufschrift „Naschtaler“, „Fernsehtaler“, „Computertaler“ und „Wunschtaler“. Hinzu kommen Spardosen und kleine Taschenbücher, in denen anhand von Geschichten erklärt wird, wie die Taler funktionieren können.

          Die Taler können von den Eltern einmal in der Woche quasi als Gutscheine für die kommenden sieben Tage verteilt, der Gegenwert eines Talers auf eine Fernsehsendung oder einen Riegel Schokolade beziffert werden. Wenn die Taler verbraucht sind, muß das Kind so lange ohne Fernsehen, Computer und Süßigkeiten auskommen, bis es neue gibt. Nach eigenen Angaben hat die Tina Taler GmbH, die von leidgeprüften Eltern aus Ahrensburg gegründet wurde, seit Ende 2003 mehr als 200.000 Taler verkauft. Sie werden unter anderem vom Autor und Familienberater Jan-Uwe Rogge empfohlen. Wir haben vier Mütter gebeten, die Taler einem Praxistest zu unterziehen.

          Carola Althoff-Betzold, 39, Erzieherin und Mutter von Leon (8): „Die Taler bringen nur dann etwas, wenn die Eltern den Willen haben, daß sich bestimmte Dinge ändern. Denn durchsetzen muß man sich trotz der Taler nach wie vor selbst. Für mich sind sie eine gute Sache für meine Eigenkontrolle: Ich neige dazu, beide Augen zuzudrücken, wenn der Fernseher oder Computer an ist. Jetzt bin ich dazu gezwungen, auf die Uhr zu gucken und zu sagen, es ist Schluß, wenn die Zeit um ist. Denn sonst mache ich mich ja vollkommen unglaubwürdig. Leon nimmt das wider Erwarten gut an, er guckt jetzt gezielter und jeden Tag eine halbe Stunde weniger als sonst. Vorher lief auch nebenbei manchmal der Fernseher, jetzt nicht mehr. Und er nutzt auch gar nicht alle Taler. Als wir diese Woche Kassensturz gemacht haben, waren noch welche übrig, die hat er dann freiwillig abgegeben. Anschließend hat er von mir neue bekommen.“

          Sonja Briegmann, 41, Marketingassistentin und Mutter von Luc (5), Bennet (8) und Nick (10): „Mich hat es gestört, daß man sich selbst ausdenken mußte, wie man die Taler einsetzen wollte. Ich fand es lästig, das komplette bürokratische Regelwerk aufstellen zu müssen: Wer wann wieviel wofür bekommt. Eine lockere Empfehlung des Herstellers wäre da sicher hilfreich gewesen. Klar, mich hat das intellektuell nicht überfordert. Aber ich finde, wenn schon Taler, dann auch mit genauer Anleitung. Denn gerade die Leute, die den Einsatz solcher Taler wirklich bitter nötig hätten, bräuchten wahrscheinlich eine genaue Anweisung. Am besten fand ich eigentlich die Wunschtaler, und die Kinder waren davon auch begeistert. Das war so eine positive Verstärkung.

          Luc stand morgens auf einmal zügig auf, Bennet übte Schlagzeug, ohne zu murren, Nick benahm sich bei Tisch ... Es war herrlich. Die Wunschtaler konnten sie dann eintauschen in einen Medientaler oder eine Süßigkeit, für fünf Wunschtaler gab es einen Schwimmbadbesuch, für fünfzehn - wenn sie alle zusammenlegen - kommt Papa einmal schon um 16 Uhr nach Hause. Da sind sie ganz scharf drauf. Allerdings könnte man sich solche Taler auch selber basteln oder sich eine Tabelle an die Wand hängen. Und den Namen Tina Taler fand unser Ältester blöd. Bei ihm läuft das Ganze unter Timm Thaler. Klingt cooler bei seinen Kumpels, denn Jungs in dem Alter finden Mädchen doof. Die Klarheit der Regeln hat jedenfalls lästiges Diskutieren unnötig gemacht, und die Kinder wollen auf jeden Fall weitermachen.“

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