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Ertrunkene Jugendliche : Tödliches Risiko Wasser

  • -Aktualisiert am

Im Red River in Shreveport ertranken sechs Jugendliche Bild: AP

Binnen weniger Minuten ertranken im Red River in Louisiana sechs Jugendliche. Die Tragödie deckt einen Missstand auf: Das Risiko zu ertrinken, ist für schwarze Kinder in den Vereinigten Staaten dreimal so hoch wie für weiße.

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          Von einer solchen Tragödie war Shreveport in Louisiana noch nie heimgesucht worden. Binnen weniger Minuten ertranken vergangene Woche sechs Jugendliche im Red River. Es waren die Brüder Litrelle Stewart (18 Jahre alt), LaDarius Stewart (17) und Latevin Stewart (15) sowie die Geschwister Takeitha Warner (13), JaTavious Warner (17) und JaMarcus Warner (14). Nach den Ermittlungen der Polizei kam es zu dem Unglück, als der 15 Jahre alte DeKendrix Warner vom sandigen Flussufer aus, einem Treffpunkt für Picknicks und Grillpartys, ins seichte Wasser des Flusses watete, um Abkühlung von der schwülen Hitze zu suchen. Der Junge ahnte nicht und konnte im trüben Wasser des Flusses auch nicht erkennen, dass das Ufer an einem bestimmten Punkt jäh abfällt und das Wasser dort eine Tiefe von etwa neun Metern erreicht. Als DeKendrix panisch um Hilfe rief, eilten seine Geschwister und die drei Stewart-Brüder ins tiefe Wasser, um ihn zu retten. Doch keiner der Jugendlichen konnte schwimmen. Am Ende konnte nur DeKendrix Warner gerettet werden. Polizeitaucher bargen die sechs Toten am Grund des Flusses. Sie lagen kaum zehn Meter voneinander entfernt.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Marilyn Robinson gehörte zu der Gruppe befreundeter Familien, die sich zum Grillen am Red River getroffen hatten. „Sie riefen ,Hilfe, Hilfe! Helft mir doch!“", sagte sie der „Shreveport Times“ über die grauenhafte Szene. Aber auch Marilyn Robinson kann nicht schwimmen: „Ich stand nur da und sah einen nach dem anderen ertrinken.“ Alle - die Opfer, der Überlebende, die Zeugen - sind Schwarze, wie 51 Prozent der 200 000 Einwohner der Stadt im Nordwesten des Bundesstaates Louisiana. Wären die Teilnehmer der Grillparty am Ufer des Red River Weiße gewesen, wäre es wohl nicht zu der Tragödie gekommen.

          „Vermächtnis der Angst“

          Nach Erkenntnissen der Stiftung „Make A Splash“, die sich die Förderung des Schwimmunterrichts für alle Kinder zur Aufgabe gemacht hat, ist das Risiko zu ertrinken für schwarze Kinder dreimal so hoch wie für weiße Kinder. Eine von „Make A Splash“ bei der Universität Memphis (Tennessee) in Auftrag gegebene Studie ergab, dass in den Vereinigten Staaten 69 Prozent der schwarzen Kinder nicht oder nur schlecht schwimmen können. Bei Latinos beträgt der Anteil der Nichtschwimmer 58 Prozent. Bei Weißen sind es 30 Prozent. Fast immer stammen die Nichtschwimmer aus Familien, in denen auch die Eltern nicht schwimmen können. „Unsere Untersuchung hat gezeigt, wie tief verwurzelt bei vielen die Angst vor dem Schwimmen ist“, sagt Professorin Carol Irwin, die Autorin der Studie. „Dieses Vermächtnis der Angst wird von Generation zu Generation weitergegeben.“

          Jeff Wiltse, Verfasser eines Buchs über die Sozialgeschichte des Swimmingpools in Amerika, weist darauf hin, dass Schwimmen als Freizeitsport in den zwanziger und dreißiger Jahren populär wurde. Zu jener Zeit begann man mit dem Bau öffentlicher Schwimmbäder. Schwimmen als Wettkampfsport kam in den fünfziger und sechziger Jahren in Mode. Doch Schwarze hatten weder Zugang zu den großen öffentlichen Schwimmbädern noch zu den später gebauten kleineren Swimmingpools in privaten Freizeit- und Schwimmclubs in den Wohngegenden der Mittelklasse.

          Zum Versagen der Elternhäuser kam das Versagen der Schule

          Gleichzeitig galten im Zuge der Urbanisierung Flüsse und Seen immer weniger als passende Orte des Schwimmens und des Schwimmenlernens. Und zum Meer gingen und gehen viele Schwarze, Latinos und ärmere Weiße, um am Strand zu liegen, nicht aber um zu schwimmen. „Wir brauchen große gepflegte Schwimmbäder und dazu Schwimmunterricht in Wohnvierteln, wo Schwarze, Latinos und weiße Arbeiter leben“, fordert Wiltse.

          Die Opfer der Tragödie von Shreveport waren zwischen 13 und 18 Jahre alt. Sie hatten mithin auch im Sportunterricht ihrer Middle- und Highschool keinen Schwimmunterricht gehabt. Zum verhängnisvollen Versagen der Elternhäuser kam das Versagen der Schule. „Wir sehen von Generation zu Generation, dass Eltern und Kinder nicht schwimmen können und sich dennoch am und im Wasser aufhalten“, klagt Sue Anderson von der Stiftung „USA Swimming“. Schwimmenlernen aber sei eine Frage der Sicherheit, die im Grenzfall über Leben und Tod entscheide. „Niemand lässt seinen Sohn American Football spielen, ohne dass er einen Helm trägt“, sagt Anderson. „Aber alle Welt geht zum Strand, auch wenn die Menschen nicht schwimmen können.“

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