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Interview mit Spieleforscher : Wer viel Wodka trinkt, verliert

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1926 erschien in Moskau das Spiel „Für eine gesunde Lebensweise“. Es sollte Proletarier Hygiene und gesunde Lebensführung lehren. Bild: The National Library od Russia / Brandstätter Verlag

Und wer zuerst die Apotheke erreicht, gewinnt. Das lernten die Russen vor 90 Jahren beim Brettspielen. Der Historiker Ernst Strouhal weiß, warum. Ein Gespräch über Zeiten, als Spiele selten ohne Botschaft auskamen.

          Herr Strouhal, Sie haben ein Buch gemacht über historische Brettspiele. Ich verstehe ja nicht, warum Leute sich in ihrer Freizeit hinsetzen und würfeln und ziehen, würfeln und ziehen. Ist das nicht langweilig?

          Nein! Diese Spiele waren seit der Renaissance beliebt und sind es bis heute. Bei ihnen wirken drei Ebenen zusammen: erstens die uhrwerksartige Mechanik, die Sie angesprochen haben. Dann eine mehr oder weniger aufregende Geschichte, in die das Regelwerk gekleidet wird; und die brillant detaillierte Grafik.

          Ja, aber beim Schach darf man nachdenken, beim Flaschendrehen knutschen, beim Fußball Mitspieler umbolzen. Ihr Buch handelt von alten Gänsespielen: Das sind Laufspiele, bei denen die Spieler durch Würfelglück auf dem Spielbrett vorwärts kommen oder eben nicht.

          Im Alltag ringen wir mit dem Zufall, wir wollen ihn kontrollieren, aber wir wissen: Es geht nicht wirklich. Beim Spielen können wir die Angst vor dem Zufall auslagern. Wir spielen, aber werden von den Spielen auch gespielt. Vielleicht liegt darin auch ihr Faszinosum.

          Die 63 Spiele in Ihrem Buch sind dann doch auch viel interessanter als etwa „Mensch ärgere dich nicht“. Fast alle sind für Erwachsene entwickelt, und die meisten haben eine politische Dimension . . .

          . . . ja, die Spiele waren und sind Medien wie Bücher oder Filme, sie wurden immer schon politisch aufgeladen.

          Lassen Sie uns zuerst mal über ein russisches Spiel sprechen, es heißt „Für eine gesunde Lebensweise“. Das erschien 1926 im Verlag des Volkskomitees für Gesundheit und hat ein ziemlich trostloses Thema: Auf 40 Feldern erfahren die Spieler Wissenswertes über den Kampf gegen Alkohol, Tuberkulose und Geschlechtskrankheiten. Auf Feld 32 steht etwa: „Wodka. Zurück auf 18“, auf Feld 37: „Ein Mann hört auf eine alte Volksheilerin. Zurück auf 27 (Friedhof).“ Gab es wirklich Russen, die das freiwillig gespielt haben?

          Das Gesundheitsspiel wurde wie andere russische Spiele der Zwanzigerjahre in Arbeiterklubs verwendet. Es war ein Medium der sowjetischen Gesundheitspolitik, vor allem der Aufklärung über Hygiene. Aber Spiele wurden schon im Bürgertum etwa ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts dem Konzept der „genussreichen Bildung“ unterstellt. Sie sollten nicht nur die Langeweile vertreiben, sondern auch Wissen vermitteln. Heute würde man das vielleicht Infotainment nennen.

          Das ist in der Tat immer noch sehr beliebt.

          Ja, und zweischneidig. Es gibt ja auch kaum mehr eine Pädagogik, die ohne den Begriff „spielerisch“ auskommt. Durch Spiele zu lernen ist keine Idee des 20. Jahrhunderts. Brettspiele auf der Grundlage von Landkarten zu gestalten war schon vor dreihundert Jahren üblich.

          In vielen Spielen wird in ferne Länder gereist, durch fremde Kontinente oder gleich rund um die Welt. Zum Beispiel im Spiel „In achtzig Tagen um die Welt“ nach dem Roman von Jules Verne.

          Ja, das Spiel ist in fast allen europäischen Sprachen herausgekommen, nachdem das Buch erschienen war. Es nutzte dessen riesigen Erfolg. Auch andere spektakuläre Ereignisse wie Ballonflüge oder Expeditionen wurden als Vorlage für Spiele genutzt.

          Ich fand übrigens interessant bei dem Jules-Verne-Spiel, dass es da eine Regel gibt, die man den Leuten heute gar nicht mehr zumuten könnte: nämlich dass am Anfang gewürfelt wird, und wer die niedrigste Zahl hat, der darf nicht wirklich mitspielen, sondern verwaltet bloß die Spieleinsätze. Da bricht man doch heute gewohnheitsmäßig in Tränen aus, bei so viel Ungleichheit.

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