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Erika-Fuchs-Haus : Dann kamen die Enten

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Sprung in Talerberge: Figur von Milliardär Dagobert Duck in der Ausstellung des Erika-Fuchs-Hauses. Bild: dpa

Schwarzenbach an der Saale schien wie eine Stadt von gestern. Seit Samstag beherbergt sie ein Comicmuseum, von dem man sich Auftrieb erhofft. Doch anfangs musste ein Donaldist in Richterrobe erst einmal Widerstände abbauen.

          Um kurz nach elf am Samstag ist der Bürgermeister endgültig sicher, dass Schwarzenbach an der Saale der Mittelpunkt der Welt ist. Er steht vor einer weißen, blankgeputzten Fassade, um ihn herum Kreise von Menschen, ganz innen die Kameras der Fernsehteams, weiter außen rund 300 Zuschauer. Er sagt: „Die Kunde unseres Erika-Fuchs-Hauses wird ja nahezu weltweit wahrgenommen.“ Neben dem Bürgermeister steht ein Mann mit buschigen Augenbrauen, er trägt Matrosenmütze und -anzug, darauf Donald-Duck-Buttons. Er ruft: „Klatsch, klatsch, klatsch.“ Die Zuschauer folgen seinem Beispiel: „Klatsch, klatsch, klatsch.“

          Was ist mit dieser Stadt passiert? Schwarzenbach an der Saale liegt in Franken, genauer in Nordostoberfranken, zehn Kilometer vor der tschechischen Grenze. Offiziell gehört die Stadt noch zu Bayern, aber viele Menschen fühlen sich hier nicht immer so. München ist weit weg; ohnehin sind sie oft sauer auf diese Regierung, die nur aus Oberbayern besteht und nichts nach Franken schickt außer Windrädern. Münchner nennen diese Gegend nur Bayerisch Sibirien.

          Eine Region hielt Einzug nach Entenhausen

          Schwarzenbach ist eine alte Arbeiterstadt. Früher gab es hier Porzellan, Textilien und Zonenrandförderung. Nach der Wende wanderten die Firmen ab und mit ihnen die Arbeitsplätze. Seit dieser Zeit gilt die Region als das Armenhaus Bayerns. Mittlerweile geht es der Stadt zwar besser. Die Arbeitslosigkeit im Landkreis liegt bei unter fünf Prozent. „Gefühlt aber“, sagt Bürgermeister Hans-Peter Baumann, „liegt sie um die zehn Prozent.“ Das größte Problem ist die Abwanderung. Der Landkreis Hof soll in den nächsten zwanzig Jahren 16,2 Prozent der Bevölkerung verlieren. Schwarzenbach, so könnte man denken, hat ein Problem mit der Zukunft. Doch dann kamen die Enten in die Stadt.

          Und das kam so: In Schwarzenbach lebte lange Zeit Erika Fuchs. Fuchs, promovierte Kunsthistorikerin, arbeitete als Chefredakteurin für das Micky-Maus-Heft und übersetzte in dieser Zeit Geschichten von Carl Barks - für Kenner die einzig wahre Darstellung Entenhausens. Fuchs nahm sich viel künstlerische Freiheit und schmuggelte abgewandelte Zitate von Goethe oder Schiller in die Sprechblasen, die im englischen Original sehr viel prosaischer dahergekommen waren. Und auch die Umgebung von Schwarzenbach fand in der deutschen Übersetzung nach Entenhausen. Die Stadt an der Gumpe war plötzlich von Dörfern umgeben, die Oberkotzau hießen oder Schnarchenreuth: Nachbarkommunen von Schwarzenbach.

          Der Franke ist nicht für seine Euphorie bekannt

          Lange kümmerte sich niemand wirklich darum. Doch Fuchs wurde immer berühmter. 2006 hielt die D.O.N.A.L.D („Deutsche Organisation nichtkommerzieller Anhänger des lauteren Donaldismus“), ein Verein eingefleischter Donald-Experten mit Hang zu akademischen Debatten, ihre Jahrestagung in Schwarzenbach ab. Dort begegneten sich zwei Männer: der Ingolstädter Richter Gerhard Severin, ein Mann mit einer Donald-Sammlung von 4000 Exponaten, und der damalige Bürgermeister von Schwarzenbach, Alexander Eberl. Eberl hatte ein leerstehendes Haus, früherer Sitz der NSDAP, dann des DGB, das abgerissen werden sollte. Eigentlich plante er ein Volksmusikmuseum, aber das hat ja jeder. Die beiden fassten einen Plan: ein Comicmuseum.

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          Jetzt mussten sie nur noch die Stadt überzeugen. Man muss dazu wissen, dass der Oberfranke ein sesshafter und bescheidener Mensch ist. Er trägt sein Herz nicht auf der Zunge; das größte Kompliment, das er kennt, heißt: Bassd scho. Er ist kein Euphoriker. Ein Comicmuseum ist nicht gerade das, was ihn in Begeisterung versetzt. Und trotzdem stehen an diesem Samstag jubelnde Menschen vor dem frisch eröffneten Erika-Fuchs-Haus und klatschen. Wieso nur?

          Eine Stadt wurde mitgerissen

          Es war 2008, als Severin beschloss, Ernst zu machen. Er ließ sich von Ingolstadt ans Amtsgericht Hof versetzen. Man muss sich das so vorstellen: Jahr für Jahr zittern angehende Lehrer in Bayern, wenn sie ihre Referendariatsstellen zugeteilt bekommen; bloß nicht nach Hof, beten sie. Und dann kommt ein Richter und lässt sich freiwillig dorthin versetzen. Das allein machte schon Eindruck. Mehr noch: Severin schien tatsächlich bleiben zu wollen. Er sagt: „Ich überzeuge durch meine Präsenz.“ Und so war er bald überall, wo man sein sollte in Schwarzenbach. Beim Wiesenfest warf er Goldtaler unter die Menge. Auf der Kirchweih verkaufte er Autoplaketten, auf denen stand: „Duck’sche Motorenwerke.“ Altstadtfest, Weihnachtsmarkt, italienischer Abend: Severin war da. Und irgendwann akzeptierten die Schwarzenbacher, dass ein Richter, der sich Donald- Duck-Kostüme anzieht, in Ordnung ist.

          Das Projekt der Donaldisierung von Schwarzenbach, das als Herzensidee von Severin und Eberl begann, wurde zu einem Projekt der Bürger. Bäckereien fingen an, Entenfüße oder große Ds zu backen. Autos fuhren mit der Plakette der Duck’schen Werke herum. Auf Bürgerversammlungen erzählte einer, wie er im Urlaub mit Donald-T-Shirt herumgelaufen sei und Leuten erzählt habe, dass Entenhausen Schwarzenbach sei. Und er sagte diesen Satz: „Wir müssen nur wollen.“

          Bislang ist Schwarzenbach vor allem etwas gewesen, Porzellanstadt, Arbeiterstadt. Jetzt aber hat es die Chance, wieder was zu sein: Entenhausen, die ewige Stadt, in der niemals jemand gestorben ist (zumindest in den Geschichten von Carl Barks). Eine Stadt, die nach 60 Jahren noch genauso frisch aussieht wie damals. Eine Stadt, die eine gute Zukunft vor sich hat, weil sie an sich glaubt. Um es mit den Worten von Erika Fuchs zu sagen: Was der Wille erstrebt, erreicht er.

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