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Erdbeben in Iran : Unruheherd und Knotenpunkt Bam

  • -Aktualisiert am

Zählte zum Weltkulturerbe: Zitadelle von Bam Bild: dpa/dpaweb

Die durch das Erdbeben zerstörte Zitadelle von Bam flankierte den südlichen Weg der Seidenstraße, auf dem sich Jahrhunderte lang der Austausch zwischen Indien, Mittelasien, dem Vorderen Orient und Europa abspielte.

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          Die durch ein Erdbeben fast völlig dem Erdboden gleichgemachte ostiranische Stadt Bam hat in der Geschichte schon manchen Schrecken erlebt. Die an strategisch wichtiger Stelle errichtete Burg, der Große Arg ("Arg-e Bozorg"), um den herum sich die alte Stadt entwickelte, entstand in sassanidischer Zeit, ist also im Ursprung etwa 2000 Jahre alt. Die Sassaniden, so benannt nach dem mittelpersischen Herrscherhaus der Sasan, herrschten in jenen Jahrhunderten über Iran, die der Eroberung durch den Islam vorausgingen.

          Zentrum der Sassaniden war der heutige Irak, wo sie in der Stadt Ktesiphon ("Taq-i Kisra" oder "Halle des Chosrau" genannt) nahe den Trümmern von Babylon ihren Sitz hatten. Doch griff das Sassanidenreich weit nach Osten aus, bevor es in den Schlachten von Qadisija und Nihawend in den Jahren 637 und 642 nach Christus von den siegreichen arabisch-muslimischen Heeren unter dem Feldherrn Saad Ibn Abi Waqqas gestürzt wurde. Der letzte Sassanide, Schah Yezdegerd III., fand dabei auf der Flucht den Tod. Die Religion Zarathustras, die bis dahin die iranische Kultur durchtränkt hatte, wurde durch den Islam abgelöst.

          Schützende Trutzburg

          Die Festung von Bam fungierte als wachende und schützende Trutzburg auf dem südlichen Weg der Seidenstraße, auf welcher sich viele Jahrhunderte lang der Austausch von Waren und Informationen zwischen Indien, Mittelasien, dem Vorderen Orient und Europa abspielte. Seit dem zehnten Jahrhundert ist die Existenz der Festung Bam schriftlich bezeugt. In ihrer "modernen" Gestalt, die jetzt ebenfalls zerstört worden ist, stammte der Arg-e Bam aus der Zeit der frühen Safawiden, das heißt jener Epoche im 16. Jahrhundert, die mit der endgültigen Schiitisierung Irans verbunden ist.

          Zu Beginn des 16. Jahrhunderts ergriff mit Schah Ismail aus dem Haus des Sufischeichs Safiuddin aus Ardebil am Kaspischen Meer jene Dynastie die Macht, die das Schiitentum, das heißt die Verehrung der zwölf Imame ("Zwölferschia"), zur Staatsreligion der Iraner machte. Die Safawiden bauten die Festung von Bam nicht ohne Grund aus, waren sie doch von (muslimischen) Rivalen und Feinden umgeben. Ihre Nachfolger mußten sich der aus Osten herandrängenden afghanischen Stämme erwehren, die zwischen 1717 und 1721 die Festung Bam und die um sie herum entstandene alte Stadt eroberten.

          Schwindende strategische Bedeutung

          Damit schwand die Bedeutung Bams als Warenumschlagplatz, ihre strategische Bedeutung blieb allerdings erhalten. So diente Bam im Jahre 1795 dem Anführer des Stammes der Qadscharen, Agha Muhammad, als Ausgangspunkt für seine Eroberung der Macht. Er stürzte den Interimsherrscher Karim Khan Zand, der kurdischer Abkunft war und dem damals unruhigen Land Iran eine kurze Periode der Sicherheit und relativen Prosperität verschafft hatte. Die Qadscharendynastie herrschte über Iran bis zu ihrem Sturz durch die Pahlewis im Jahre 1926. Diese ihrerseits wurden von der islamischen Revolution Ajatollah Chomeinis 1978 und 1979 vom Thron gefegt.

          In den dreißiger Jahren diente der Arg von Bam als Kaserne; die alte Stadt wurde von ihren Bewohnern seit 1932 verlassen und verfiel. Unweit entstand Bam-e nou, die Neustadt, die zuletzt etwa 100.000 Einwohner hatte und zu mehr als 90 Prozent ein Opfer des Erdbebens wurde. Dies vor allem wegen der verwendeten Baustoffe. Wie der Arg, so wurden auch die Häuser größtenteils aus dem uralten Baumaterial des Orients errichtet, der seit Jahrtausenden zwischen dem Niltal, dem Zweistromland und Zentralasien Verwendung findet: gestampfter Lehm und Lehmziegel. Daraus errichteten die Sumerer schon ihre Zikkurats oder Stufentempel.

          Auf Touristen eingestellt

          Die Oasenstadt hatte in den vergangenen Jahren, nicht zuletzt wegen der Attraktion der Festung, mit einem Zustrom von Touristen gerechnet und sich darauf eingestellt. Als Ausgangspunkt für Wüstenfahrten bot sich Bam Einzelreisenden an, die das Abenteuer suchen. Nördlich der Stadt erstreckt sich auf viele hundert Kilometer die ostiranische Wüste Dascht-e Lut ("Ebene Lots"), eine der menschenfeindlichsten Ödnisse in dem an Wüsten so reichen Land Iran. Im Osten geht diese Wüste Lut in die Dascht-e Margo über, die "Ebene des Todes", deren größerer Teil schon in Afghanistan liegt.

          Bam ist jedoch auch, wie die Großstädte Kerman und Zahedan, Ausgangspunkt für Besuche der pakistanischen Provinz Belutschistan. Belutschen wohnen allerdings auch in Bam, der Südosten Irans wird ebenfalls als "Belutschistan" bezeichnet. Der letzte Fall einer Touristenentführung weist freilich darauf hin, daß die afghanischen Unruhen und Kriege an der Stadt Bam nicht spurlos vorübergegangen sind.

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