https://www.faz.net/-gum-o8w7

Erdbeben : Alles andere als eine Überraschung

So unvorhersehbar der Zeitpunkt und der genaue Ort eines Erdbebens auch ist. Im Iran war es nur eine Frage der Zeit. Das Land gehört zu den erdbebengefährdetsten Gebieten der Erde.

          2 Min.

          Es war nur eine Frage der Zeit, bis es wieder passieren würde. Das schwere Erdbeben am ersten Weihnachtstag war das dritte dieses Ausmaßes, das Iran in den letzten 25 Jahren heimgesucht hat. Im September 1978 tötete ein Beben rund 15000 Menschen in Zentraliran, ein weiteres verwüstete im Juni 1990 eine Region im Nordwesten des Landes, wobei es sogar 35000 Todesopfer gab. Nun hat es also den Südosten getroffen. Die historische Stadt Bam wurde schwer zerstört, und wieder kamen Tausende ums Leben.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          So unvorhersehbar der Zeitpunkt und der genaue Ort der Tragödie waren: geologisch ist auch dieses Ereignis alles andere als eine Überraschung. Tatsächlich liegt ganz Iran in einem der erdbebengefährdetsten Gebiete der Erde. Entlang des gesamten Südrandes Asiens - von der Türkei im Westen bis nach Burma im Osten - erstreckt sich ein Gürtel stark erhöhter Erdbebenwahrscheinlichkeit, die lediglich in Teilen Indiens etwas schwächer ausgeprägt ist. Dabei macht das Spiel der gegeneinander beweglichen Erdkrustenplatten Iran, neben der Türkei, zu dem am stärksten gefährdeten Staat in diesem Gebiet.

          Wellenenergie

          Beide Länder nämlich liegen auf eigenen Krustenfragmenten, die zwischen Afrika und Arabien auf der einen und der riesigen asiatischen Platte auf der anderen Seite eingekeilt sind. Dadurch bauen sich dort entlang horizontaler Verwerfungen erhebliche Spannungen auf, die sich von Zeit zu Zeit entladen, wenn das Gestein sie nicht mehr erträgt. Die eigentlichen Zentren solcher Entladungen liegen oft in großer Tiefe, doch gelangt die freigesetzte Energie in Form von Wellen an die Oberfläche und kann dort gewaltige Schäden anrichten.
          Allerdings richtet sich das Ausmaß der Schäden nicht allein nach der Stärke eines Bebens. Diese Stärke messen die Seismologen als "Magnitude" auf der sogenannten Richter-Skala. Eine Richter-Magnitude gibt die Größenordnung der bei einem Erdstoß freigesetzten seismischen Wellenenergie wieder, ist also eine Art "Schallpegel" der Erdbebenwelle. Eine Zunahme um eins auf der Richter-Skala bedeutet dabei eine Zunahme der seismischen Energie um etwa das Dreißigfache. Demnach war das aktuelle Beben mit einer Magnitude von 6,5 mehr als dreißigmal schwächer als das von September 1978 mit einer Magnitude von ungefähr 7,6 - und doch richteten beide Beben vergleichbare Schäden an.

          Tatsächlich hängen die Gebäudeschäden und die Zahl der Todesopfer vor allem von der ortsüblichen Bauweise ab. Wie sehr, läßt sich an dem Beben studieren, das kurz vor Weihnachten Kalifornien erschütterte. Auch für dieses Beben maßen die Seismologen eine Richter-Magnitude von 6,5; doch waren hier nur drei Tote zu beklagen.

          Das Problem in Iran und den anderen Erdbebenregionen Südasiens ist also kein rein geologisches. Denn während in Kalifornien strenge Vorschriften für erdbebensicheres Bauen nicht nur auf dem Papier stehen, sind die Bauten, die nun in Bam viele Bewohner unter sich begruben, oft so schlecht ausgeführt, daß sie auch ohne Erdbeben gelegentlich einstürzen: Viele wurden im Eigenbau aus bröseligen Ziegeln und mit wenig Zement gemauert; dafür wurden Dächer und Zwischengeschosse oft unsachgemäß auf schweren Stahlträgern gelagert. Holz, aus dem in Kalifornien ein Großteil der meisten Wohnhäuser besteht, ist in Iran Mangelware. Und so waren es dort vor allem die Ärmeren, denen am frühen Weihnachtsmorgen ihre Behausungen zum Verhängnis wurden. Daß das aktuelle Desaster die Behörden dazu bringt, alle Bürger in Zukunft zu erdbebensicherem Bauen anzuhalten, darf bezweifelt werden. Nach den Katastrophen von 1978 und 1990 tat sich fast nichts. Warum sollte das jetzt anders sein?

          Weitere Themen

          Auch Nachbarstadt Wuhans isoliert Video-Seite öffnen

          Wegen Coronavirus : Auch Nachbarstadt Wuhans isoliert

          Neben der Elf-Millionen-Metropole Wuhan wurde jetzt auch in der Nachbarstadt Huanggang mit sieben Millionen Einwohnern der öffentliche Verkehr praktisch eingestellt.

          Topmeldungen

          Ernst Welteke (rechts) und José Filomeno „Zenu“ dos Santos, Sohn des ehemaligen angolanischen Präsidenten José Eduardo dos Santos auf einer Veranstaltung in Luanda.

          Ermittlungen wegen Korruption : Die Angola-Verbindung des früheren Bundesbankchefs

          Ernst Welteke war lange Aufsichtsratschef einer angolanischen Bank des Präsidentensohns „Zenu“ dos Santos. Der sitzt jetzt im Gefängnis. Der frühere Bundesbankchef verteidigt ihn – und macht auf der Website immer noch Werbung für die Bank.

          F.A.Z. Podcast für Deutschland : Davos – nur Show und nichts dahinter?

          Der tägliche Podcast der F.A.Z. kommt heute direkt aus Davos: Wir sprechen mit F.A.Z.-Wirtschaftsherausgeber Gerald Braunberger über Donald Trumps Auftritt. Außerdem: Wie wichtig ist das Weltwirtschaftsforum noch – und nimmt die Industrie den Klimaschutz wirklich ernst?
          Youssoufa Moukoko ist bei Borussia Dortmund noch zu jung für die Bundesliga – noch.

          Altersgrenze in Bundesliga : Freie Bahn für die Kids

          Im deutschen Fußball soll die Altersgrenze für Bundesligaspieler auf 16 Jahre gesenkt werden. Fürsorgepflicht gegenüber Minderjährigen ist in einem globalen Transfermarktgeschäft nur noch zu erhoffen – nicht zu erwarten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.