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Familie : „Rituale stärken uns“

We are family – Kinder brauchen Vorhersehbarkeit. Bild: Getty

Rituale schaffen Verbundenheit und Struktur, sagt die Entwicklungspsychologin Fabienne Becker-Stoll. Das gilt in den verschiedensten Bereichen – für Kinder wie für Erwachsene.

          Was sind die ersten Rituale, die Kinder erleben? Ist das Stillen schon ein Ritual?

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nein, das ist eher ein Verhaltenssystem, das das Überleben sichert. Atmen ist ja auch kein Ritual. Aber schon während des ersten Lebensjahres werden die Vorhersehbarkeit von wiederkehrenden Ereignissen und deren Ablauf immer wichtiger, zum Beispiel beim Thema Einschlafen.

          Wenn das Kind erst den Schlafanzug angezogen bekommt, dann die Zähne geputzt werden und noch ein Buch vorgelesen wird, fällt es leichter einzuschlafen. Auch gemeinsame Mahlzeiten sind positive, die emotionalen Bande stärkenden Rituale. Je jünger Kinder sind, desto mehr profitieren sie in ihrer Entwicklung von Ritualen.

          In welcher Hinsicht?

          Sie geben Struktur und Vorhersehbarkeit, das ist ganz wichtig. Rituale können auch helfen, Routinen leichter zu bewältigen, die Kinder vielleicht erst mal nicht so mögen, wie das Zähneputzen. Oder beim Anziehen morgens, da gibt es sehr hilfreiche Rituale.

          Fabienne Becker-Stoll, Entwicklungspsychologin und Bildungsforscherin

          Meine Tochter wollte als kleines Kind früher überhaupt nicht gerne Schuhe anziehen. Ich sang dann immer Lieder wie „Zeigt her eure Füße“, und dann funktionierte es. Allerdings darf man nicht vergessen, dass Kinder sehr unterschiedlich in der Art und Weise sind, wie sie sich auf solche Rituale und Rhythmen einlassen können.

          Dabei heißt es doch „Jedes Kind kann schlafen lernen“?

          Bei einem Einschlafritual geht es um liebevolle Zuwendung und darum, dass man sich Zeit nimmt und alle zur Ruhe kommen. Es geht nicht um starre Regeln, die nach einem bestimmten Schema funktionieren.

          Rituale geben auch Sicherheit. Ist das der Grund, warum es Kinder überhaupt nicht mögen, wenn sich etwas an den Ritualen ändert?

          Interessant ist, dass manche Kinder schon sehr früh darauf bestehen, dass immer eine bestimmte Reihenfolge eingehalten wird, zum Beispiel beim Büchervorlesen: Es muss immer erst das eine, dann das andere Buch sein. Erst dann ist ihre Welt in Ordnung.

          Fische fangen, Feuer machen, Fladen backen: Zeltwochenenden können Kindern eine tiefere Verbindung zur Natur vermitteln.

          Viele Eltern bringen Rituale in die Familie mit, die sie selbst als Kind erlebt haben. Hat das auch einen positiven Effekt?

          Ja schon, aber nicht alle tun den Kindern auch gut. Man muss daher die mitgebrachten Rituale aus der Ursprungsfamilie reflektieren. Gerade bei dem Thema Essen gibt es ja furchtbare Rituale, zum Beispiel, dass Kinder aufessen müssen. Rituale sind dann gut, wenn sie bewusst so eingesetzt werden, dass sie für alle positiv erlebbar sind.

          Was ist mit Weihnachten oder Ostern?

          Eltern sollten sich überlegen, welche Familienrituale sie neu gestalten wollen, unabhängig davon, wie es früher einmal war. Und diese Rituale sollten sich nach dem Kind und seinen altersentsprechenden Bedürfnissen richten und nicht einem starren Korsett entsprechen. Ein Ritual ist dann ein gutes Ritual, wenn es die Situation fröhlich und liebevoll macht. Und man muss als Erwachsener auch erkennen, dass Kinder aus manchen Routinen rauswachsen.

          Mit zehn Kindern auf der Couch: Kinoabende mit den Nachbarskindern

          Das fängt ja oft damit an, dass Kinder plötzlich keinen Abschiedskuss mehr wollen oder keinen Wert mehr auf Vorlesen legen. Ist es dann vorbei mit den Ritualen?

          Es gibt Alltagsrituale, die drehen sich um Pflege und Mahlzeiten. Aber es gibt ja auch die Familienrituale, die an Wochenenden stattfinden. Zum Beispiel kann man am Freitagabend gemeinsam planen, was man am Wochenende unternehmen will. Oder man kann am Sonntag gemeinsam das Frühstück machen oder abends gemeinsam kochen. Das richtet sich auch an ältere Kinder. Rituale schützen uns auch vor der Optionsgesellschaft. Es gibt Millionen Möglichkeiten, etwas zu machen, und Rituale helfen uns, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren.

          Unkompliziert – und sorgt für gute Stimmung: Einmal in der Woche Pfannkuchentag.

          Lieben deshalb auch Erwachsene noch Rituale, indem sie sonntags „Tatort“ gucken oder dienstags zum Stammtisch gehen?

          Natürlich. Genauso wie samstags ins Fußballstadion gehen. Das kann man im Übrigen auch mit den Kindern machen. Entwicklungspsychologisch gesehen sind das oft Initiationsriten, die den Übergang zum Erwachsensein markieren. Dazu gehört auch das erste Mal shoppen gehen mit der Mama oder das erste Mal abends ins Kino gehen. Grundsätzlich helfen Rituale, Übergänge zu gestalten. Zum Schulbeginn gibt es die Schultüte, und am Ende der Schulzeit steht dann der Abiball als eine Art endgültiger Abschied von der Kindheit.

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