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Trauerfeier in Duisburg : „Die Loveparade wurde zum Totentanz“

  • Aktualisiert am

Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck sprach von einem Leid, das lange währen wird Bild: dpa

21 Kerzen für die Toten: Eine Woche nach der Loveparade wurde in Duisburg der Opfer gedacht. Am zentralen Gottesdienst nahmen neben Angehörigen auch Kanzlerin Merkel und Bundespräsident Wulff teil. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Kraft sicherte in ihrer Trauerrede eine lückenlose Aufklärung zu.

          In einer bewegenden Trauerfeier haben Tausende in Duisburg der Opfer der Loveparade gedacht. Bundespräsident Christian Wulff und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprachen den Angehörigen ihr Mitgefühl aus. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) versprach Aufklärung, wer für die Massenpanik mit 21 Toten die Verantwortung trägt. Von den mehr als 500 Verletzten liegen noch immer 25 im Krankenhaus.

          Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU), der sich gegen massive Schuldvorwürfe wehrt, blieb dem ökumenischen Gottesdienst am Samstag in der Salvatorkirche fern. Familien und Freunde konnten nach dem Gottesdienst - abgeschirmt von der Öffentlichkeit - an der Unglücksstelle um ihre Toten trauern.

          Später zogen 2000 Trauernde durch Duisburg in die Nähe der Unglücksstelle, darunter Freunde von Opfern, und ließen Hunderte schwarze und weiße Luftballons steigen. Vor der Fußballpartie Schalke 04 gegen den Hamburger SV im nahen Gelsenkirchen legten Spieler und rund 50.000 Zuschauer eine Gedenkminute ein.

          Am Unglücksort der Loveparade in Duisburg stehen  Kränze des Bundespräsidenten und der Bundeskanzlerin

          In ihrer Traueransprache sicherte Hannelore Kraft eine lückenlose Aufklärung der Katastrophe zu. Die Fragen nach Schuld und Verantwortung „müssen und werden eine Antwort finden“, sagte die sichtlich bewegte Regierungschefin. Allen unmittelbar Betroffenen und Zeugen der Katastrophe „sind wir es schuldig, das Geschehene und Unfassbare aufzuklären“. Mit tränenerstickter Stimme sprach Kraft den Angehörigen der Getöteten ihre Anteilnahme aus. „Es ist schwer, Worte zu finden angesichts des Todes“, sagte sie. Jede Katastrophe werfe die Frage nach dem „Warum“ auf. „Für diese Katastrophe gilt das in besondere Weise“, sagte Kraft. „Uns alle lässt das Geschehen nicht los.“

          Tausende verfolgten die einstündige Übertragung des Gottesdienstes in zwölf Kirchen und im Fußballstadion des MSV Duisburg. Dort fanden sich statt der erwarteten Zehntausenden nur rund 1500 Besucher zusammen. Auf dem Rasen lag ein schwarzes Holzkreuz, auf dem Kerzen brannten. „Wir kamen in Freude, Liebe und Vertrauen. Jetzt sind wir tot, verletzt und traumatisiert. Musste das sein?“, hieß es auf einem Transparent.

          Der amtierende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Nikolaus Schneider, sprach in seiner Predigt von „Trauer und Verzweiflung, Hilflosigkeit und Wut“, die das Denken der Menschen beherrschten und über „Erwachsene, die wie versteinert Verantwortung von sich weg schieben“. Die Loveparade sei zu einem „Totentanz“ geworden. Mitten hinein „in ein Fest überbordender Lebensfreude hat der Tod uns allen sein schreckliches Gesicht gezeigt“. Das „Vertrauen in Gottes Gerechtigkeit und Liebe hat deshalb Risse bekommen“. Vor der Gedenkfeier trugen Seelsorger, die beim Unglück im Einsatz waren, zusammen mit Bürgern in einem Trauermarsch Kerzen und Kondolenzbücher vom Unglücksort zur Salvatorkirche.

          Am Tunnel, dem Zugang zur Loveparade, lagen schon vor der Trauerfeier Kränze von Wulff, Merkel und anderen Repräsentanten. Die schwarzen, roten und dunkelgelben Blumen darauf symbolisieren die Nationalfarben. Sie liegen in einem Meer von Kerzen, die die Menschen dort abgestellt haben. In Deutschland war Trauerbeflaggung angeordnet.

          Wie Duisburgs Oberbürgermeister Sauerland blieb auch der Loveparade-Veranstalter Rainer Schaller der Gedenkfeier fern. Sauerland hatte gesagt, er wolle die Trauernden nicht provozieren. Die Linken im Rat haben einen Abwahlantrag gestellt. Für eine Abwahl wird eine Zweidrittelmehrheit benötigt. 25 der 75 Stimmen besitzt die CDU. Sauerland selbst hat sich bislang gegen einen Rücktritt vor der Aufarbeitung der Tragödie gewehrt.

          Bundespräsident Wulff warnte nach der Gedenkfeier vor Vorverurteilungen. Die Ermittlungen sollten abgewartet werden, sagte er dem WDR-Radiosender 1Live. Wulff will den Einsatz der Helfer würdigen. „Ich werde die ehrenamtlichen Helfer, die Leben gerettet und Menschen geholfen haben, nach Berlin einladen und auszeichnen“, sagte er der „Bild am Sonntag“. Es sei für die Angehörigen wichtig, dass die Nation mit ihnen trauere. Und die Helfer müssten merken, dass sie nicht allein mit dem Erlebten fertig werden müssen.

          Nicht nur der Oberbürgermeister und der Streit um das Sicherheitskonzept stehen im Blickpunkt öffentlicher Diskussionen. Medien berichten über Schwachpunkte in der Zusammenarbeit zwischen den Sicherheitsleuten des Veranstalters und der Polizei. Dabei konzentriert sich das Geschehen auf den Zugangsbereich zum Gelände. Letztes Endes sei nicht schnell genug gehandelt worden.

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