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Trauer in Duisburg : Von morgens um sechs bis nach Mitternacht

  • -Aktualisiert am

Ein Mann schreibt sich in ein Kondolenzbuch ein Bild: ddp

Aus der Festparade ist ein Trauermarsch geworden. Nachdem die Polizei ihre Spurensicherung beendet hat, säumen Kerzen und Blumen die Unglücksstelle der Loveparade. Die Trauernden gedenken der Opfer, äußern aber auch Kritik.

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          Die Gesichter sprechen eine eindeutige Sprache. Jeder von denen, die aus der Karl-Lehr-Straße kommen, ringt um Fassung. Jeder versucht Haltung zu wahren, auch wenn es noch so schwer fällt. Vielen Mädchen und jungen Frauen ist die Wimperntusche bis auf die Wange gelaufen oder ums Auge verwischt. Es ist ein ständiger Strom von Menschen hier, an dem Tunnel, wo sich am vergangenen Samstag die Katastrophe zutrug; er beginnt morgens gegen sechs Uhr und hält bis weit nach Mitternacht an. Junge und Alte zieht es zu jenem Treppenaufgang, an dem am Samstag 20 junge Menschen den Tod fanden und Hunderte verletzt wurden. Auch jetzt stellen sich hier wieder die Menschen an, aber nicht zur Festparade, sondern zum Trauermarsch.

          Drei Tage nach dem grausamen Ende der Loveparade gibt es in Duisburg kein anderes Thema. Senioren, die bei einem Bäcker auf der Königsstraße frühstücken, können und wollen nicht begreifen, warum so eine Veranstaltung überhaupt stattfinden müsse; sie selbst wären ja auch nie und nimmer hingegangen. Andere suchen den Ort des Geschehens auf und versuchen so die schrecklichen Eindrücke zu verarbeiten. Minutenlang starren sie auf die steile Treppe am Rande des breiten Aufgangs. Dort also wollten die Besucher hinauf, um der Enge unten zu entgehen. Dort sind sie abgestürzt. Von dort nahm die Katastrophe ihren Lauf. Jetzt ist nichts mehr davon zu sehen. Keine Menschen, keine Ermittler, einfach nichts, Totenstille. Oben auf dem Gelände der Loveparade kehrt langsam der Alltag zurück. Einige wenige Menschen sind dort zu sehen. Ein Gabelstapler sammelt Absperrgitter ein. Weiter hinten werden Toilettenhäuschen auf einen Lastwagen geladen. Es liegt noch viel Abfall herum. Die Spurensicherer der Polizei haben schon am Samstag und Sonntag die Dinge aufgesammelt, die ihnen für die Ermittlungen wichtig sind.

          Das Kondolenzbuch dokumentiert Trauer und Entsetzen

          Eine Bürgerinitiative aus dem benachbarten Viertel, der Verein „Zukunftsstadtteil“, hat begriffen, „dass die Menschen hier etwas abladen und zurücklassen wollen“, wie Petra Wosnitzka sagt. Davon zeugen Tausende rote und weiße Öllichter und bunte Blumensträuße, die in dem Tunnel niedergelegt werden. Der Verein stellte kurzerhand ein Stehpult auf, legte ein Kondolenzbuch aus, hängte das Schild „Mahnwache“ daneben und lud die Menschen ein, niederzuschreiben, was sie bewegt. Seitdem reißt die Schlange vor dem Buch tagsüber nicht ab. Einige tun sich schwer damit, aufzuschreiben, was sie fühlen. „Einige überlegen lange und bringen es doch nicht aufs Papier“, hat Wosnitzka beobachtet. Immer sind einige Vereinsmitglieder da und sitzen auf Klappstühlen. Wer sie ansprechen will, kann das gerne tun; wer es nicht will, darf es auch lassen.

          Neue Plakatierung: Ein Arbeiter hängt eine Trauerbotschaft des Veranstalters auf

          Die Texte in dem Kondolenzbuch, manche sehr lang, manche ganz kurz, zeugen fast alle von tiefer Trauer und innerer Erregung. Einige werden ganz still, andere äußern Empörung. Ziel der Empörung ist immer wieder die Stadtverwaltung und vor allem Oberbürgermeister Adolf Sauerland, dessen Rücktritt nur noch eine Frage der Zeit zu sein scheint. „Die Menschen brauchen Schuldige, um das Ereignis zu verarbeiten“, hat der Verein von dem Traumatologen Georg Pieper erfahren, der sich mit ähnlichen Unglücken wie Ramstein, Erfurt oder Eschede auskennt. Der Verein selbst erhebt keine Anschuldigungen. Man würde sich allenfalls wünschen, den einen oder anderen aus der Stadtverwaltung selbst als Trauernden an diesem Ort zu erleben.

          Vorbereitung für Trauerfeier am Samstag

          Auch im Rathaus liegt ein Kondolenzbuch aus. Dort geht es deutlicher ruhiger zu. Aber während der Öffnungszeiten von acht bis 20 Uhr bleibt der Stuhl an dem kleinen Tischen nie lange leer. Auch hier überwiegt Trauer und Erschütterung. Trauer auch um die Stadt Duisburg, die auf lange Zeit mit dem traurigen Ereignis verbunden sein wird. Sie hatte sich so sehr eine andere Botschaft gewünscht. Im benachbarten Düsseldorf hat sich am Mittag Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) in ein Kondolenzbuch eingetragen, das im Landtag ausgelegt ist. Es soll ausdrücken, dass nicht nur Duisburg betroffen ist, sondern die Menschen im ganzen Land trauern. Als Mutter hatte sich die Ministerpräsidentin am Samstag selbst um ihren eigenen Sohn Sorgen gemacht, den 17 Jahren alten Jan, der auch auf der Loveparade war, aber gottseidank an einer anderen Stelle.

          Die Düsseldorfer Staatskanzlei hat die Vorbereitung des zentralen Gedenkens in die Hand genommen. Es soll am Samstag stattfinden. Am Dienstag waren Vertreter der Staatskanzlei und der Stadt unterwegs, um nach einer geeigneten Örtlichkeit zu suchen. Ins Auge gefasst war die Salvatorkirche neben dem Rathaus mit einer Außenübertragung auf den Burgplatz nebenan. Es hieß, dass sowohl Bundespräsident Christian Wulff als auch Bundeskanzlerin Angela Merkel nach Duisburg kommen würden. Auch würden ausländische Gäste erwartet. Vermutlich werden der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Nikolaus Schneider, und der katholische Bischof von Essen, Franz-Josef Overbeck, den gottesdienstlichen Teil gestalten. Angesichts der hohen Trauergäste dürften auch die Sicherheitsvorkehrungen hoch sein. Die große Anteilnahme der Duisburger lässt auf eine große Beteiligung der Bevölkerung schließen.

          Erst nach dem Trauerakt wird die eigentliche Aufarbeitung erst richtig beginnen. Es soll zügig ermittelt werden, heißt es im Rathaus. Auch die Staatsanwälte bestätigen das. Aber angesichts der Hunderten Zeugen, der vielen Videoaufnahmen und der weiteren Spuren wird das lange dauern. Diese Katastrophe wird die Stadt noch lange beschäftigen.

          Duisburg trauert. Im Tunnel, in der Stadt, überall. Weil man lange ermittelt, werden die Menschen noch lange an den Tag erinnert.
          Von Peter Schilder

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