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Ruhr-Metropole : Größenwahn und Provinzialität

Tödlicher Schatten über den Ambitionen des Kulturhauptstadtjahres: Was vom Tage übrig blieb Bild: Reuters

Groß, größer, am größten - dieses Denken hat das Revier an seine Grenzen geführt. Nach dem Inferno von Duisburg ist der Metropol-Traum ausgeträumt: Das Ruhrgebiet muss umdenken.

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          „Eine richtige Metropole kann das stemmen“. Davon war Dieter Gorny, wie die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ (WAZ) am 9. Februar berichtete, überzeugt. Gemeint war die Love Parade in Duisburg. Gorny, einer der vier Künstlerischen Direktoren der Europäischen Kulturhauptstadt Ruhr 2010 und für die Kreativwirtschaft zuständig, reagierte „bestürzt und erschrocken“ auf die damals drohende Absage: „Absolute Weltstars“ kämen in die Revierstadt und würden für einen positiven PR-Schub „weit über Europa hinaus“ sorgen.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Es ging auch ums Image. Das Ruhrgebiet will endlich wahrgenommen werden, und die Europäische Kulturhauptstadt 2010 bietet dafür eine Bühne, wie sie so bald nicht wiederkommt: „Hier müssen alle Anstrengungen unternommen werden, um dieses Fest der Szenekultur mit seiner internationalen Strahlkraft auf die Beine zu stellen“, sekundierte Fritz Pleitgen, Vorsitzender der Geschäftsführung von Ruhr 2010, seinem Spartenleiter. Schließlich, so wieder Gorny, müsse man die verheerenden Folgen sehen, wenn eine Säule der Kulturhauptstadt wegbreche. Der gute Ruf der Ruhr 2010 stehe auf dem Spiel: „Nach der tollen Eröffnung dürfen wir nicht dafür sorgen, dass andere behaupten, die kriegen nichts hin.“

          Duisburg hat sich unter Druck gefühlt - und nachgegeben

          Nun ist es eine Sache, eine grobschlächtige, erpresserische Argumentation aufzubauen, und eine andere, den so erzeugten Zwängen zu entsprechen und Sicherheitsbedenken, die damals auch vorgebracht wurden, zurückzustellen. Aber die Stadt Duisburg hat sich, so bestätigen Stimmen nicht nur aus der Polizeigewerkschaft, im Kulturhauptstadtjahr unter Druck gefühlt – und nachgegeben. Einerseits soll sie sich als Teil einer Agglomeration verstehen, die, wie die Macher von Ruhr 2010 gebetsmühlenhaft predigen, sich zur Metropole entwickelt, anderseits steht sie auch in Konkurrenz mit den Nachbarn: Was Essen 2007 und Dortmund 2008 konnten, muss Duisburg, die drittgrößte Revierstadt, auch können.

          Eine Nummer zu groß: Duisburg wurde öffentlich unter Druck gesetzt, die Großveranstaltung zu stemmen

          Diese Verbindung aus Metropolentraum und Kirchturmdenken, Größenwahn und Provinzialität hat unrealistische Ansprüche hochgeschaukelt: Das Ruhrgebiet ist mit 5,3 Millionen Einwohnern, fünf Opernhäusern und drei Vereinen in der Bundesliga größer als Berlin, aber es ist nicht keine Großstadt.

          Ein wild gewachsener Ballungsraum

          Im ehemaligen Kohlenpott gibt es keine Theresienwiese, die eine derartige Menge aufnehmen könnte; dafür hat jede Stadt ihren Kirmesplatz. Es gab keinen Baron Haussmann, der diese Anhäufung von Städten, die mit der Industrie im neunzehnten Jahrhundert entstanden ist, gegliedert hätte, sondern nur einen Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk, der, 1920 gegründet, versucht hat, den wild gewachsenen Ballungsraum zu sortieren und seine Teile zu verbinden. Viele Kommunen verfügen heute zwar über große, auch innerstädtisch gelegene Freiflächen, die von der Schwerindustrie auf- und zurückgegeben wurden, doch sind sie als lange abgeschirmte, „verbotene“ Städte, von ein paar Vorzeigeprojekten abgesehen, unwegsam und schlecht erschlossen.

          Das gilt auch für das Gelände des früheren Güterbahnhofs in Duisburg, der, gleich südlich des Hauptbahnhofs, mehr als eine halbe Million Besucher hätte aufnehmen können, aber nicht über entsprechende Zugänge verfügt. Sie zu schaffen wäre möglich gewesen, doch hätte dafür die Leitplanke der stillgelegten A 59 aufgebrochen und der Höhenunterschied überbrückt werden müssen. Aufwendige Maßnahmen, die teuer gekommen wären.

          Mega-Events sind Ausdruck alten Denkens

          Denn um viel Geld ging es bei der Loveparade auch. Man müsse das Techno-Spektakel als Wirtschaftsfaktor mit internationaler Leuchtkraft verstehen, zitierten die lokalen Zeitungen Gorny dazu. Eine Million Gäste seien für viele Branchen in der gesamten Region ein wirtschaftlicher Segen: „Da wird richtig was umgesetzt.“ Duisburg ist hoch verschuldet, und so hatte die Stadt auch den Aspekt der Umwegrentabilität im Blick.

          Der Versuch der Europäischen Kulturhauptstadt, das Ruhrgebiet zur Metropole auszurufen und Mega-Events wie die Love Parade zu ihren Leuchttürmen zu erklären, ist Ausdruck alten Denkens. Solche Großveranstaltungen entsprechen, monopolistisch und auf Massen ausgerichtet, den Großunternehmen und Kombinaten, die das Revier an seine Grenzen geführt haben und deren Hinterlassenschaften ihm heute zu schaffen machen. Was das Ruhrgebiet braucht, sind Impulse und Angebote, die sich an den Mittelstand und Akademiker richten, die mehr Vielfalt und Verschiedenheit schaffen, die der geschundenen Stadtlandschaft aufhelfen und sie erlebbar machen. Auch eine glimpflich verlaufene Love Parade hätte gezeigt, was das Inferno, in dem sie mündete, so schrecklich vergrößert hat: Die Kulturhauptstadt muss andere Wege einschlagen, um dem Ruhrgebiet Perspektiven mit Zukunft zu weisen.

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