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Rainer Schaller : Fortan in schwarz

  • -Aktualisiert am

Rainer Schaller Bild: dpa

Als Hauptsponsor der Loveparade hoffte der Gründer der Fitnesskette McFit, Rainer Schaller, gute Geschäfte zu machen. Nach der Katastrophe mit 19 Toten und hunderten Verletzten in Duisburg geht es jetzt vor allem um Trauerarbeit.

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          Der Fitnessstudio-Kette McFit fiel es am zweiten Tag nach der Katastrophe von Duisburg offenbar schwer, vom Spaß- und Gutelaune-Habitus einer coolen Erfolgskette auf die gebotene Pietät umzustellen. Auf der Internetseite des Unternehmens ploppte am Montag unter der Überschrift „Loveparade 2010“ ein helles Fenster auf, das, wenn man mit dem Mauszeiger darüberfuhr, dynamisch über die Website tanzte. McFit – Hauptsponsor der Techno-Party, die am Samstag nach schrecklichem Ende zum letzten Mal stattfand – sei erschüttert und zutiefst betroffen von den 19 Todesfällen und hunderten Verletzten durch eine Massenpanik in einem Duisburger Tunnel. McFit wünschte den Angehörigen Kraft und Zuversicht.

          Beides wird in den kommenden Wochen und Monaten auch der Gründer und Chef von McFit, Rainer Schaller, benötigen. Schaller, Sponsor und auch Organisator der 1989 in Berlin erstmals gefeierten Loveparade, trat in Duisburg mit gesenktem Blick und versteinerter Mine vor die Presse.

          Von Schaller hatte es bis zum Samstag fast kein Foto gegeben, das ihn nicht lächelnd zeigte. Der 41 Jahre alte Franke war stets jugendlich aufgetreten, mit lässigen T-Shirts und Surfer-Halsketten an Lederbändchen. Der Franke war bis zum vergangenen Samstagnachmittag, als die Massenpanik ausbrach, ein erfolgsverwöhnter Sunnyboy.

          Fitnessstudio McFit

          Die Staatsanwaltschaft ermittelt

          Einige Tage vor dem großen Event trat er mit Oliver Pocher auf, der ankündigte, auf dem großen Rave ein Damenkleid tragen zu wollen. Als Rainer Schaller am Sonntag im Duisburger Rathaus abermals vor die Journalisten treten musste, war die Welt eine andere. Die Journalisten suchten nach Erklärungen und Verantwortlichen, und Schallers Rolle war nicht nur die, Erklärungen zu geben. Schaller saß nun nicht mehr neben Oliver Pocher, sondern neben dem Oberbürgermeister und dem stellvertretenden Polizeipräsidenten, blickte zu Boden und bekundete tiefe Trauer. Er trug ein schwarzes Hemd und hatte seine Halskette und seine großen goldenen Ohrringe abgelegt. Mit seinem goldgrauen Vollbart und seiner kahlrasierten Glatze sah er viel älter aus als noch einen Tag zuvor.

          Dann sagte er einen Satz, der auch auf seine Unternehmerkarriere zutraf: Die Loveparade sei immer eine friedliche Veranstaltung und fröhliche Party gewesen, die fortan für immer überschattet sein werde. Der Unternehmer Schaller war nicht nur Sponsor, sondern auch Organisator der Parade, und die Schuldfrage wird nun auch ihm gestellt. Seit 2006 ist er Inhaber und Geschäftsführer der Berliner Lopavent GmbH, der Organisatorin der Loveparade. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun – vorerst gegen unbekannt – wegen fahrlässiger Tötung.

          Schaller bezeichnete sich vor wenigen Monaten noch als Retter der Loveparade. Sein Einstieg bei der Loveparade sei „natürlich dann auch zu einem großen Erfolg“ geworden, sagte Schaller. 2006 hatte er die Organisationsgesellschaft auch entschuldet. Er nutzte die Technoparty als Werbeplattform für seine Kette McFit, die Bekanntheit der Marke im ganzen Land stieg. Klassische Kampagnen hätten viele Millionen Euro gekostet; als Sponsor des Techno-Events konnte er das blau-gelbe Logo seiner Sportkette Millionen Partygängern zeigen, die zu McFit passten: sportlich, spaßhungrig, konsumorientiert. Leute, die alles haben wollten, aber sich nicht alles leisten konnten. Die, wie Schaller, schnelle Autos liebten, sich aber anders als Schaller keinen Porsche leisten konnten.

          Aufstieg in den Neunziger Jahren

          Sein unternehmerischer Aufstieg begann Mitte der Neunziger Jahre. Der gelernte Einzelhandelskaufmann leitete einige Edeka-Filialen in der Nähe von Würzburg. Schon mit Anfang 20 war er Filialleiter, doch irgendwann wurde ihm das Geschäft zu langweilig und er sah eine Marktlücke: es gab noch keinen Aldi unter den Fitnessstudios. Schaller errichtete ein erstes Studio in einem Dachgeschoss über dem elterlichen Supermarkt in seiner Heimatstadt Schlüsselfeld bei Würzburg. 1997 eröffnete er das erste „McFit“. McFit expandierte in den folgenden Jahren zu einer bundesweiten Kette mit mehr als 120 Filialen, rund 3000 Mitarbeitern, mehr als 100 Millionen Euro Jahresumsatz. Die Mitgliederanzahl nähert sich der Million. McFit ist so erfolgreich, weil es billig ist, und fährt mit diesem Rezept noch heute in der Erfolgsspur der Zeit. Die Mitgliedschaft kostet 16,90 Euro im Monat, Duschen 50 Cent extra, die Studios sind rund um die Uhr geöffnet. Kürzlich eröffnete eine Filiale auf Mallorca.

          Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft sollten auch ans Licht bringen, ob die Sparsamkeit, die McFit als Geschäftsidee groß gemacht hatte, auf dem Feld der Loveparade zum Tod der 19 jungen Menschen beigetragen hat. Der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft Rainer Wendt sagte am Montag, es gebe Hinweise darauf, dass der Veranstalter und die Stadt Duisburg an der Sicherheit gespart hätten. Der große deutsche Konzertveranstalter Marek Lieberberg warf den Organisatoren verbrecherische Profitgier vor. Die Lopavent ist mit einer Gesamtdeckungssumme von 7,5 Millionen Euro bei der Axa versichert und müsste, wenn höhere Ansprüche gegen sie entstünden, selbst haften. Sein Engagement schien für Rainer Schaller bis zum Samstag ein Marketingerfolg zu sein. In Duisburg sollte die Loveparade im Jahr, in dem das Ruhrgebiet sich als europäische Kulturmetropolregion feierte, besonders glänzen und Mc Fit mit ihr.

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