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Panikforscher Helbing im Gespräch : „Wenn der Pulk sich verdichtet“

  • Aktualisiert am

„Die Menge reagiert wie Kies, über den ein Bagger fährt” Bild: dpa

Wie entsteht eine Massenpanik? Der Mensch sucht das Erlebnis in der Masse, und mit einem Mal wird sie ihm gefährlich. Der Panikforscher Dirk Helbing erklärt im Interview Bedürfnisse, Instinkte und Schockwellen.

          Herr Helbing, was war die letzte Großveranstaltung, die Sie besucht haben?

          Ich bin nicht so der Massenmensch.

          Sind Ihnen Menschenmengen zu gefährlich?

          Ich fühle mich da einfach nicht wohl. Aber Sie haben recht. Menschenmassen bergen immer ein gewisses Risiko, selbst wenn sie klein sind. Viele Schlägereien zum Beispiel entstehen, wenn Gruppendynamik außer Kontrolle gerät.

          Beinhaltet jede Massenveranstaltung eine Gefahr für Leib und Leben?

          Ein Restrisiko bleibt immer.

          Warum zieht es Menschen trotzdem zu Mega-Ereignissen?

          Gerade in Großstädten leben Menschen heutzutage anonym aneinander vorbei. Der Grad der Individualisierung ist hoch. Aber Menschen sind soziale Wesen. Sie haben ein Bedürfnis nach Anerkennung und suchen Anschluss.

          Massenware, Massentourismus: So etwas gilt doch eher als Gegenteil von Qualität und Stil.

          Das ist nicht das Einzige, was zählt. Ich finde es zum Beispiel faszinierend, das Leben in italienischen Städten zu beobachten. Im Sommer füllt sich die Piazza jeden Abend mit Menschen. Da kommt das Bedürfnis zum Vorschein, sich als soziales Wesen zu erleben und Teil einer Gruppe zu sein. Es wird aber durch starken Individualismus kompensiert: Jeder hat seinen eigenen Stil, jeder will etwas Besonderes sein. Das sind zwei Pole. Der Mensch versucht, eine Balance zu finden zwischen Individualismus und der Befriedigung sozialer Bedürfnisse.

          Ist das die Natur des Menschen?

          Zumindest sind viele Errungenschaften unserer Gesellschaft nur durch soziale Interaktion möglich. Eine Hochkultur, ein florierendes Wirtschaftsleben, die Infrastruktur einer Stadt - das alles entsteht nur mit vereinten Kräften. Dafür müssen wir uns auf gemeinsame Werte, auf Konventionen und ein gemeinsames Verständnis von Symbolen einigen.

          Spätestens seit Elias Canetti ist klar: Der Reiz von Menschenmengen hängt weniger mit deren Größe als mit einem Gefühl zusammen.

          Das hat etwas mit Identitätsfindung zu tun. Unsere Welt hat sich in den vergangenen Jahrzehnten so schnell verändert, dass Menschen ständig auf der Suche sind nach ihrer Rolle. Das macht sie empfänglich für Impulse anderer, die vielleicht schon fündig geworden sind. So entsteht ein Herdentrieb.

          Den gibt es wirklich?

          Besonders wenn Leute unsicher sind und Orientierung brauchen. Das ist beim Aktienmarkt genauso wie in Situationen, in denen es brenzlig wird. Ist man sich unsicher, ob die Kurse nach oben oder unten gehen, fragt man Freunde nach ihrer Meinung, liest die Zeitung oder orientiert sich an dem, was Börsengurus sagen. Sobald die Informationslage komplex wird, schauen Menschen darauf, was andere tun. Das nennt man „crowd sourcing“. Die Menge dient als Informationsfilter. In gewisser Weise ist das eine Hirnerweiterung. Was der Einzelne nicht verarbeiten kann, wertet die Gemeinschaft aus. Die Frage ist nur: Ist das gut oder schlecht?

          Bei Bienen und Ameisen spricht man von Schwarmintelligenz. Menschenmassen unterstellt man, sie seien dumm und manipulierbar.

          Es gibt beides: „crowd intelligence“, die Weisheit der vielen, aber auch den Wahnsinn der Massen, „the madness of crowds“. Wir haben vor einiger Zeit ein Experiment gemacht und untersucht, wie Leute Fakten schätzen, über die sie vage Kenntnisse haben. Zum Beispiel die Zahl der Raubüberfälle: Wenn Menschen unabhängig voneinander ihre Schätzung abgeben, liegen die Ergebnisse weit auseinander, aber der Mittelwert kommt der tatsächlichen Zahl sehr nah. Wenn die Leute über die Schätzungen anderer informiert werden, orientieren sie sich aneinander und sind sich am Ende einig. Das Tragische ist, dass das richtige Ergebnis dann oft aus dem Spektrum der Schätzwerte herausfällt.

          Was folgern Sie daraus?

          Möglicherweise ist es problematisch, dass wir politische und wirtschaftliche Entscheidungen in ständig miteinander diskutierenden Gremien treffen. Man verliert das Bewusstsein für die Fragwürdigkeit der eigenen Position und verwechselt Konsens mit Richtigkeit. Stattdessen sollte man sich der Gefahr eines Irrtums bewusst bleiben und genauer auf abweichende Meinungen hören.

          Das passt zu Duisburg: Da sind die Mahner auch nicht beachtet worden.

          Das war bei der Finanzkrise nicht anders. Wir müssen ein offeneres Ohr für Minderheitenmeinungen finden. Das kann uns vor schlimmen Fehlern bewahren.

          Wie viel hat Massenpanik eigentlich mit Angst und Panik zu tun?

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