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Nach der Katastrophe von Duisburg : Was ist, wenn zum Chaos Panik kommt?

Frank Richter, Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei Nordrhein-Westfalen, sieht das ähnlich: „Fraglich ist, ob es ein alternatives Sicherheitskonzept tatsächlich gegeben hat. Wenn ja, frage ich mich schon, ob die Duisburger Polizeiführung tatsächlich im Vorfeld der Loveparade genügend Druck gemacht hat.“ Denn wenn Polizisten tatsächlich Bedenken gegen ein vorliegendes Sicherheitskonzept haben, hätten sie in Nordrhein-Westfalen genügend Möglichkeiten, ihre Bedenken zu äußern. „Jeder einzelne Beamte hat nicht nur das Recht, sondern vielmehr die Pflicht, etwaige Bedenken zu äußern.“ Dafür gebe es die Remonstration, einen Einwand, den ein Beamter gegen eine Weisung seines Vorgesetzten erheben kann. Im Paragraphen 36 des Beamtenstatusgesetzes heißt es, den Beamten werde „die volle persönliche Verantwortung für die Rechtmäßigkeit ihrer dienstlichen Handlungen“ zugewiesen. Etwaige Bedenken seien demnach „unverzüglich auf dem Dienstweg geltend zu machen“.

Die Polizisten hätten sich an den zuständigen Polizeipräsidenten wenden können oder direkt an das Innenministerium. Auch die Absage der Loveparade in Bochum im vergangenen Jahr, sagt Richter, sei auf Polizeibedenken zurückzuführen. Inoffiziell jedenfalls waren viele der 4100 Polizisten vom Samstag alarmiert. Einer sagte dem Sender WDR 2, unter Kollegen sei die Meinung einhellig gewesen, „dass dieser Einsatz nur schiefgehen kann“.

Schreckenberg erhält Morddrohungen

An der Fläche an sich lag es nicht, meint Panikforscher Michael Schreckenberg, Professor an der Universität Duisburg-Essen, am Montag: 250.000 Menschen fasst das Gelände, am Samstag seien zu Spitzenzeiten höchstens 200.000 dort gewesen. Die Zahl von einer Million Besuchern sei aus der Luft und viel zu hoch gegriffen - und werde, so muss man wohl weiterdenken, vom Veranstalter gern in diesen Höhen gesehen, weil sie den Werbewert hebt.

Aber dann gab es ja noch die Frage des Zugangs. Und da war Schreckenberg kritischer. Eigentlich beriet er nur die Stadt. Mit dem Konzept auf dem Veranstaltungsgelände, das auch den Katastrophenort einschließt, hatte er nichts zu tun hat. Dafür hatte der Veranstalter eigene Gutachter. Trotzdem erhält Schreckenberg nun Morddrohungen, weil verbreitet wurde, er sei für das gesamte Sicherheitskonzept verantwortlich. Sein Beratungsgebiet endete aber da, wo der Tunnel begann.

Dieses Jahr einfach im Zwang

In mehreren Sitzungen vor einigen Wochen beriet er die Stadt Duisburg in Fragen der „Entfluchtung“ und der Sicherheit am Bahnhof - denn kritisch war nach seiner Auffassung vor allem die Abreise. Die Stadt und die Veranstalter wies er auch auf mögliche Schwierigkeiten im Tunnel hin. „Man hätte das Gelände auch anders zugänglich machen können“, ergänzt Wendt. „Die Polizei hatte ein weiträumigeres Konzept vorgelegt, so wie wir das bei Großveranstaltungen immer machen. Bei viel weniger Menschen, bei Fußballveranstaltungen oder Demos versuchen wir immer, die Leute sternförmig zum Gelände zu führen und wieder wegzuführen, damit, wenn zu viel Druck ist, die Menschen dem Druck ausweichen können.“

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