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Loveparade : Sie wollten es unbedingt stemmen

  • -Aktualisiert am

Innenminister Jäger (re.) und Polizeiinspektor Wehe erheben Vorwürfe Bild: REUTERS

Der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger und Polizeiinspektor Dieter Wehe sehen die Schuld an dem Unglück von Duisburg bei der Lopavent GmbH. Ihrer Meinung nach trägt der Veranstalter die alleinige Verantwortung.

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          Hätte sich der Veranstalter der Love Parade in Duisburg an sein Sicherheitskonzept gehalten, wäre es womöglich nicht zu der Katastrophe mit 21 Toten gekommen. Die Lopavent GmbH von Rainer Schaller habe ihre eigenen Vorgaben nicht eingehalten, sagte der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) am Mittwoch in Düsseldorf. Dadurch habe sich die Lage zugespitzt, der Veranstalter habe dann erst die Polizei zu Hilfe gerufen. Unerträglich sei, „dass Verantwortung von Seiten des Veranstalters der Love Parade und der Stadt als Genehmigungsbehörde abgeschoben wird, und zwar bevor alle Fakten bekannt sind“.

          Der nordrhein-westfälische Polizeiinspekteur Dieter Wehe zeichnete am Mittwoch den Ablauf des Geschehens nach. Eigentlich hätte das Gelände am alten Güterbahnhof um elf Uhr geöffnet werden sollen. So habe es das Sicherheitskonzept von Lopavent vorgesehen - bei Bedarf auch eine Stunde früher. Tatsächlich seien die Eingangsschleusen aber erst um 12.04 Uhr geöffnet worden, berichtete Wehe. Zu diesem Zeitpunkt hätte sich schon ein beträchtlicher Pulk davor gebildet. Auch sei nicht die angekündigte Zahl von Ordnern zu sehen gewesen. Später am Nachmittag sei es am Kopf der Rampe, die auf das Gelände führt, zum Stau gekommen, da viele Ankommende der Parade der Floats, jener Sattelschlepper, die über Lautsprecher Techno-Musik verbreiten, nachschauten. Auch da fehlten nach Angaben der Polizei die Ordner, um die Ankommenden weiterzuleiten. Schon bald ging es nicht mehr vor und zurück. Das war die Situation, als der Veranstalter der Lage nicht mehr Herr wurde und die Polizei um Hilfe bat.

          „Die vorgesehenen Rettungskonzepte haben sich bewährt“

          Die Polizei war mit vier Hundertschaften und sechs mobilen Wachen auf dem Gelände. Bis zu diesem Zeitpunkt habe sie sich zurückgehalten, weil der Veranstalter zuständig gewesen sei. Insgesamt, so Wehe, waren etwa 4000 Polizisten im Duisburger Stadtgebiet im Einsatz. Ihre Aufgabe war es, die Ordnung in der Stadt und auf den Zugangswegen aufrecht zu halten. Gegen 16 Uhr errichteten Polizisten dann Sperren im Tunnel und auf der Rampe, um den weiteren Zustrom an Menschen zu unterbrechen, ohne dass dies wirklich gelang, weil die Zugangsschleusen weiter offenblieben. Es kam in der Folge zu Rangeleien zwischen den Beamten und den Besuchern. Weil es oben nicht weiterging, wollten die Leute wieder zurück, was nicht möglich war. Am unteren Drittel der Rampe verdichtete sich die Menge immer mehr. Um 17.02 Uhr ging die erste Meldung von Verletzten im Bereich der Rampe ein. Die eingezwängten Menschen versuchten der Enge dort zu entgehen, wo sie es konnten. Auf den Bildern aus den Hubschraubern sei zu sehen, wie sich die Menschen auf die vermeintlichen Auswege zubewegen, sagt Wehe: auf den Container des Sicherheitsdienstes, über Masten oder eben über jene verhängnisvolle Treppe, die durch Absperrgitter abgetrennt war. Die Gitter wurden anfangs überklettert, dann umgerissen und schließlich wurden sie zu Stolperfallen für die Nachrückenden. Im Bereich der Treppe und der Absperrgitter wurden auch die ersten 14 Toten gefunden.

          Erste Rettungsmaßnahmen setzten ein. „Die vorgesehenen Rettungskonzepte haben sich bewährt“, sagt Innenminister Jäger dazu. Dadurch habe man noch Schlimmeres vermeiden können. Die Verantwortung für die Geschehnisse auf dem Festgelände und damit für die Toten trage allein der Veranstalter, so Jäger. Dies verhalte sich ähnlich wie die Aufsicht in Stadien bei Fußballspielen. Die Verantwortung für die Genehmigung der Love Parade wiederum habe die Stadt. Wehe wies darauf hin, dass der Veranstalter und die Stadt von der Polizei im Vorfeld auf Sicherheitsbedenken im Bereich des Tunnels hingewiesen worden seien. Der Polizei sei erst am Tag der Love Parade auf Nachfrage die Erlaubnis für die Veranstaltung ausgehändigt worden. Demnach seien höchstens 250 000 Besucher zulässig gewesen. Außerdem werde in der Genehmigung eine Unterschreitung der gesetzlich vorgegebenen Breite und Länge der Rettungswege gestattet.

          Duisburger Baudezernent lehnt jede Verantwortung ab

          Sicherheitsbedenken gegenüber der Großveranstaltung hat es in Duisburg früh und zahlreich gegeben, besonders nachdem Bochum die Love Parade im Jahr 2009 aus Sicherheitsgründen abgesagt hatte. Als Erster hatte der damalige Polizeipräsident Rolf Cebin grundlegende Bedenken geäußert, er ist inzwischen im Ruhestand. In Duisburg war man allerdings überzeugt, ihnen sachlich begegnen und sie ausräumen zu können. Wichtiger waren zu jenem frühen Zeitpunkt die Finanzierungsprobleme der Stadt. Duisburg steht unter einem Nothaushaltsregime. Darum wollte Regierungspräsident Jürgen Büssow die Love Parade auch verbieten. So machte sich Oberbürgermeister Adolf Sauerland auf die Suche nach Geldgebern. Er wurde bei der Landesregierung fündig, die aus dem Verkehrsministerium die Transportkosten übernahm sowie aus dem Kulturetat eine Bürgschaft absicherte. Außerdem sprangen einige Sponsoren bei, unter anderen Rainer Schaller mit seiner Kette von Fitness-Studios. An der Stadt sollten keine Kosten hängen bleiben.

          Es gab ein starkes Interesse, dass die Love Parade stattfinden sollte. Eine Region wie das Ruhrgebiet, das sich so gern Metropolregion nennen lässt, sollte das stemmen können, war eine verbreitete Überzeugung. Die Sicherheitsbedenken aber blieben. Am 18. Juni ist es laut eines Sitzungsprotokolls um das Fluchtwege-Konzept gegangen, das zu diesem Zeitpunkt „die Entfluchtung“ von nur einem Drittel der Teilnehmer vorsah. Der Duisburger Baudezernent Jürgen Dressler soll handschriftlich vermerkt haben, dass er jede Verantwortung ablehne. Doch zu diesem Zeitpunkt dachte niemand mehr ernsthaft daran, das Projekt abzusagen. Erst am 21. Juli, drei Tage vor der Veranstaltung, wird im Bauamt die Sondernutzung des Güterbahnhofs für die Love Parade - und damit auch unter anderem die verengten Fluchtwege - genehmigt. Genehmigungsbehörde für die Veranstaltung war die Stadt Duisburg.

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