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Loveparade : Schaller und die Schuldfrage

  • -Aktualisiert am

Bild: reuters

Der Chef der Loveparade Rainer Schaller schiebt die Verantwortung für die Massenpanik von sich - und greift die Polizei an. Für den Wissenschaftler Dirk Oberhagemann, dem Dreharbeiten am Tunnel verweigert wurden, steht fest: „Diese Veranstaltung hätte so nie und nimmer stattfinden dürfen.“

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          Dirk Oberhagemann kann es noch immer nicht fassen. „So etwas habe ich noch nie erlebt.“ Auch er war am Samstag auf der Love Parade in Duisburg, die ein so tragisches Ende nahm. Aber Dirk Oberhagemann wollte nicht tanzen, er war aus beruflichen Gründen in Duisburg.

          Der Katastrophenforscher ist Koordinator der Studie „Risiko Großveranstaltung: Planung, Evakuierung und Rettungskonzepte“, die das Bundesforschungsministerium vor einem Jahr in Auftrag gegeben hat.

          Dirk Oberhagemann forscht schon seit Jahren über Schutzmaßnahmen und Evakuierungsmöglichkeiten bei Großveranstaltungen. Dem 41 Jahre alten Wissenschaftler genügte denn auch ein kurzer Blick auf das Duisburger Veranstaltungsgelände, um festzustellen: „Der Tunnelbereich ist ein ganz sensibler Punkt. Mir war schnell klar, dass da was passieren wird.“ Der Tunnel war der einzige Zugang auf das Veranstaltungsgelände. Er wurde am Samstag zur tödlichen Falle für die ankommenden Menschenmassen.

          Rainer Schaller: „Alle Behörden haben die Eingangssituation abgenickt”

          „Die wussten genau, dass hier ein heikler Punkt ist.“

          Oberhagemann wollte seine Befürchtungen überprüfen und zu Forschungszwecken im Tunnelbereich filmen – wie schon so oft auf Großveranstaltungen in Deutschland. Bei der Kieler Woche, auf dem „NRW-Tag 2009“ in Hamm oder auch beim Kölner Lichterfest. Daher bat er nach eigenen Worten den Veranstalter der Love Parade, die Lopavent GmbH, um eine Dreherlaubnis.

          Eigentlich reine Routine, dachte Oberhagemann. Denn „noch nie hat jemand Einwände dagegen gehabt.“ Doch der Veranstalter verbot Oberhagemann, in der Nähe des Tunnels zu filmen: „Das ist ein sehr sensibler Punkt. Dort wollen wir keine Externen haben.“ Der Wissenschaftler sagt: „Die wussten genau, dass hier ein heikler Punkt ist. Deshalb wollten sie mich nicht dabei haben.“

          Oberhagemann fuhr dennoch nach Duisburg: Doch was er aus dem 14. Stock des Hoist-Hochhauses zu sehen bekam, macht ihn noch immer fassungslos. Als um 14 Uhr die ersten „Floats“, die Musikwagen, auf dem Veranstaltungsgelände losfuhren, waren nur 70.000 Menschen auf dem Gelände. Der Rest war noch in der Stadt unterwegs. „Schon zu diesem Zeitpunkt war doch klar, dass es später zu einem Massenandrang kommen muss.“

          „Zweifelsohne absolut ungeeignet“

          Ersten Schätzungen vom Samstagnachmittag zufolge waren 1,4 Millionen Besucher auf der Love Parade, später wurde dann immerhin noch von 700.000 Besuchern gesprochen. Das Gelände war aber ausgelegt für höchstens 250.000 Besucher. „Also hat man damit kalkuliert, dass mehrere hunderttausend Menschen umsonst an die Sperrzäune kommen würden.“ Oberhagemann fragt: „Und denen wollte man dann sagen: Danke, dass ihr gekommen seid, aber ihr müsst jetzt alle wieder gehen!?“

          Ein Tunnel als einzigen Zugang für so einen Massenandrang sei „zweifelsohne absolut ungeeignet.“ Eine solch große Veranstaltung dürfe man nur mit einem Einbahnstraßensystem zulassen. Zu- und Abgang müssten auf jeden Fall voneinander getrennt werden. „Ein Eingang und ein separater Ausgang – so und nicht anders.“

          Chef der Loveparade ist sich keiner Schuld bewusst

          Rainer Schaller, Geschäftsführer des Veranstalters Lopavent GmbH und damit Chef der Loveparade, ist sich im Gespräch mit der Deutschen Presseagentur hingegen keiner Schuld bewusst. „Alle Behörden haben die Eingangssituation abgenickt, sonst hätten wir das nicht gemacht.“ Der Tunnel sei als einziger Zugang „extrem intensiv geprüft und die Genehmigung erteilt worden“.

          Die Auswertung des Videomaterials und die Rücksprache mit den 2000 Mitarbeitern der Großveranstaltung laufe auf Hochtouren. An einer Überfüllung des Geländes lag es aus Schallers Sicht jedenfalls nicht. Das lasse sich beweisen. „Das Gelände war zu dem Zeitpunkt zu 75 Prozent ausgelastet. Es waren etwa 187.000 auf den Gelände.“

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